Quoi de neuf 2013-2

 


Quoi de neuf – Nouvelles du bilingue

Zwischenbilanz nach 14 Jahren französischsprachigem Schülertheater

Palace

Szene aus PALACE
Photo: Klaus Otterbach

Der Bundesverband der deutsch-französischen Gesellschaften veranstaltete 2013 zum zweiten Male einen Wettbewerb für französischsprachiges Schülertheater. Die Theater-AG der Hildegardis-Schule Bochum hat mit ihrer Produktion PALACE dabei den 1. Preis gewonnen. Hierzu einige Anmerkungen ihres langjährigen Leiters OStR Klaus Otterbach:

1. Persönlicher Bezug zum Theater:

  • als Schüler: Kasperltheater, Puppentheater, Molière in historischen Kostümen und der Text in Alexandrinern, später absurdes Theater: Ionesco, Beckett, Zadek-Ära in Bochum
  • als Student: Avantgarde an der Studio-Bühne der RUB, französisches Schülertheater an der Hildegardis-Schule, Profi-Theater auch in Frankreich (während einjährigen Studienaufenthaltes) und Hamburg (während des Zivildienstes)
  • als Referendar: regelmäßiges Hospitieren bei einer Schülertheaterproduktion der Ausbildungsschule in Essen
  • als junger Lehrer: musikalische Leitung bei etlichen Schülertheaterproduktionen
  • nach dem Wechsel an die Hildegardis-Schule 1999 (wo gerade eine deutschsprachige Theater-AG gegründet worden war): Leitung einer französischsprachigen Theater-AG

2. Warum fremdsprachiges Schülertheater?

  • Das regelmäßige Sprechen und Auswendiglernen fremdsprachiger Texte fördert das Erlernen einer Fremdsprache
  • Übersetzungen literarischer Texte überzeugen oft nur wenig, zumal wenn man das Original kennt
  • Geist und Charakter eines Volkes offenbaren sich am meisten in seiner Sprache
  • Schüler machen wie auch beim muttersprachlichen Theaterspiel enorme Fortschritte in ihrer Persönlichkeitsentwicklung
Palace

Szene aus PALACE
Photo: Klaus Otterbach

3. Bisherige Produktionen:

  • Juni 2000: La Cantatrice chauve (Ionesco)
  • Juni 2001: Pique-nique en campagne (Arrabal)
  • Juli 2002: Knock ou le triomphe de la médecine (Romain)
  • Juni 2003: Jacques ou la soumission (Ionesco)
  • Juli 2004: Ubu Roi (Jarry)
  • Juni 2005: La ballade du grand Macabre (Ghelderode)
  • Mai 2006: Macbett (Ionesco)
  • Juni 2007: Rhinocéros (Ionesco)
  • April 2008: Equarrissage pour tous (Vian)
  • März 2009: Jacques et son Maître (Kundera)
  • März 2010: Sinfonietta/Politesse inutile/Sonate/Société Apollon/Style enfantin (Tardieu)
  • April 2011: L'Odyssée pour une tasse de thé (Ribes)
  • März 2012: Electre (Giraudoux)
  • März 2013: PALACE (Ribes)

4. Themen der ausgewählten Stücke:

  • Unersättliches Machtstreben des Menschen, das zu schamlosem Machtmissbrauch führen kann (Ubu Roi und Macbett)
  • Absurdität des Krieges (Pique-nique en campagne und Equarrissage pour tous)
  • Der Arzt als Scharlatan und allein auf Profitmaximierung bedachter Unternehmer (Knock ou le triomphe de la médecine)
  • Das Individuum angesichts immer weiter um sich greifender Heilslehren und Ideologien (Rhinocéros)
  • Der Mensch zwischen Anpassung an gesellschaftliche Konventionen, an die Erwartungen von Familie und Gesellschaft einerseits und dem Recht auf ein individuelles Lebenskonzept andererseits (Jacques ou la soumission)
  • Große Stoffe der Weltliteratur (L'Odyssee pour une tasse de thé und Electre)
Palace

Szene aus PALACE
Photo: Klaus Otterbach

5. Kriterien für die Auswahl von Texten:

  • Sprachlich einfaches Alltagsfranzösisch
  • Kein zu ausgefallenes Vokabular
  • Kurze Repliken
  • Überschaubare Länge oder Möglichkeiten zu Kürzungen (der Regisseur als Chirurg)
  • Vielfältige bühnenwirksame Handlungen

6. Regie-Arbeit als Balance-Akt

  • Gibt man zu viel vor, engt man die Schüler zu sehr ein
  • Gibt man zu wenig vor, finden die Schüler erst viel zu spät den richtigen Zugriff auf ihre Rolle
  • Regie-Einfälle der Schüler nach Möglichkeit aufgreifen und einbauen
  • Regie-Einfälle der Schüler schonend zurückweisen, falls sie der Absicht des Autors oder dem Regie-Konzept allzu sehr widersprechen
Palace

Szene aus PALACE
Photo: Klaus Otterbach

7. Die preisgekrönte Produktion PALACE
(heitere Szenen und Sketche von Jean-Michel Ribes, geb. 1946):

  • 5 der ausgewählten Szenen spielten im Luxus-Hotel PALACE:
    Eau trouble (Haifisch im Swimmingpool)
    Réussite (Nachtwächter verführt und heiratet gelangweilte Ehefrau)
    Détournement (Terroristen erpressen Zugang zu Luxus-Suite)
    L'Immortel (sterbender Schriftsteller mit immer neuen Abschiedsworten)
    Hallali (Treibjagd der Adligen durch die Flure des Hotels)
  • Ribes führt die feine Gesellschaft mit ihren kleinen und großen Schwächen vor, demaskiert sie genüsslich und gibt sie schonungslos der Lächerlichkeit preis: alle machen sich gegenseitig etwas vor - eine der wichtigsten Spielregeln der französischen Gesellschaft!
  • 2 Szenen wurden der Sammlung "Théâtre sans animaux" entnommen:
    Tragédie (nach der Premiere von "Phèdre" mit der Schwester bzw. Schwägerin in der Titelrolle)
    Dimanche (Riesenkugelschreiber im Salon löst Ehekrise aus)
  • immer wieder handeln die Figuren von Ribes ganz anders als erwartet, brechen Klischees auf und verstoßen gegen Tabus
  • die Texte lassen allesamt viel Raum für nonverbales komödiantisches Spiel
  • im Rahmenprogramm des Bundeskongresses der Französischlehrer in Bochum Ende Februar 2013 konnten bereits drei der sieben Stücke gespielt werden (Réussite, Dimanche und Hallali)
  • einerseits boten die sieben grundverschiedenen Sketche und Szenen viel Abwechslung und Kurzweil, andererseits sorgte der lockere thematische Bezug zum Luxus-Hotel für eine gewisse Geschlossenheit

Klaus Otterbach, willywolltaehr@gmx.de, Hildegardis-Schule Bochum

 


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