Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue - 1/2018

Wie entwickelt sich der Deutschunterricht in Frankreich im Vergleich zum Französischunterricht in Deutschland?1

Das Deutsche wird getötet“ – so lautete eine Reaktion auf die Reform des Collège, die die französische Regierung im Frühjahr 2015 beschlossen hatte. Erklärtes Ziel dieser Reform war, das Unterrichtsangebot in der Breite zu verbessern und so den Anspruch eines egalitären Schulsystems einzulösen, allen Schüler/innen gleiche Chancen zu bieten.

Boote einträchtig im Jardin de Luxembourg
Ein deutsches und ein französisches Boot einträchtig im Jardin de Luxembourg. - Foto: Heiner Wittmann

Ziele und Auswirkungen der Réforme de Collège auf den Deutschunterricht

In diesem Rahmen wurde festgelegt, am Collège – der Einheitsmittelschule, die jede/r französische Schüler/in von der 6. bis zur 9. Klasse besucht – mit der zweiten Fremdsprache schon in der 7. und nicht wie bisher in der 8. Klasse zu beginnen. Das frühere Erlernen einer zweiten Fremdsprache dürfe, so die zuständige Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem, nicht länger das Privileg einer Minderheit sein.

Zu diesen Privilegierten gehörten rund 10 Prozent der Schüler/innen, die ab der 6. Klasse neben Englisch in sogenannten „classes bilangues“ auch eine zweite Fremdsprache erlernten. 2013 wurde in 9 von 10 dieser Klassen Deutsch und Englisch parallel unterrichtet. Sie waren 2003 eingerichtet worden, weil immer mehr Eltern der Ansicht waren, dass es zu spät sei, erst in der achten Klasse mit Englisch zu beginnen und deshalb immer weniger ihre Kinder für Deutsch als erste Fremdsprache anmeldeten.

Der frühere Beginn der zweiten Fremdsprache mache den Zusatzaufwand für die „classes bilangues“ und die Europaklassen, in denen ab der Jahrgangsstufe 8 zwei Stunden zusätzlich in einer Fremdsprache angeboten wurden, überflüssig, so die Meinung des Ministeriums. Deshalb sollten diese Klassen an vielen Orten geschlossen werden. Dies rief den Protest der französischen Deutschlehrer und vieler anderer Akteure, die sich für die deutsch-französische Verständigung engagieren, hervor. In Folge des auch von deutscher Seite aufgebauten Drucks wurde die Reform schließlich abgemildert: Nicht nur dort, wo Schüler/innen in der Grundschule eine andere Sprache als Englisch gelernt haben, können sie in der 6. Klasse parallel zwei Fremdsprachen lernen, sondern auch da, wo ab dem Schuljahr 2017/18 eine andere Fremdsprache an der Grundschule angeboten werden soll oder wo ein punktuelles Angebot in einer anderen Sprache im Primarbereich besteht. Die Zahl der „classes bilangues“, in denen Deutsch unterrichtet wird, sank so im Schuljahr 2016/17 nur um ein Drittel; die Zahl der Sechstklässler, die Deutsch lernen, von 98.000 auf 73.000 bzw. von 12,1 Prozent auf einen Anteil von 8,9 Prozent ihrer Jahrgangsstufe.

Einige Akademien (die französische Entsprechung der Oberschulämter) nutzten die Möglichkeit, durch ein erweitertes Fremdsprachenangebot an der Grundschule ihre „classes bilangues“ zu erhalten. Die Zahl der Grundschulen, an denen eine andere Sprache als Englisch unterrichtet wird, stieg landesweit um 28 Prozent, wovon vor allem Deutsch profitierte: An 3.800 (statt bisher 2.800) von 52.000 kann man nun die Sprache Goethes lernen. Allerdings profitieren davon vor allem die Bewohner/innen der östlichen Landesteile und des Großraums Paris, in vielen anderen Regionen des Landes konnten keine entsprechenden Angebote geschaffen werden. Die Möglichkeit, bereits ab der sechsten Klasse zwei Fremdsprachen zu lernen, wird so erst recht zu einem Privileg.

Die Sprache des Nachbarn im jeweils anderen Land

Im Elysée-Vertrag von 1963 haben sich Deutschland und Frankreich dazu verpflichtet, „konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahl der französischen Schüler/innen, die Deutsch lernen, und die der deutschen Schüler/innen, die Französisch lernen, zu erhöhen.“

Im Schuljahr 2016/17 lernten 17,63 Prozent aller Schüler/innen (ohne Einbezug beruflicher Schulen) in Deutschland Französisch. Trotz eines leichten aber kontinuierlichen Rückgangs seit 2013/2014 behauptet die Sprache ihren zweiten Platz unter den hierzulande unterrichteten Fremdsprachen. Danach folgen Latein mit einem Anteil von 7,55 Prozent, Spanisch mit 5,08 Prozent und Russisch mit 1,3 Prozent.

In Frankreich lernten 2016 knapp 9 Prozent der Grundschüler/innen 1,5 Stunden pro Woche Deutsch. Anders als in Deutschland beginnt hier ein intensiver, vierstündiger Fremdsprachenunterricht erst in der 6. Klasse, für ca. 90 Prozent der Schüler/innen mit der englischen Sprache. Die zweite Fremdsprache kommt – wie beschrieben – meist in der 7. Klasse hinzu. Für ein allgemeinbildendes oder technisches Baccalauréat, das ca. zwei Drittel der französischen Schüler/innen ablegen, müssen beide Fremdsprachen bis zur 12. Klasse belegt werden. Spanisch ist in Frankreich die zweitbeliebteste Fremdsprache: 2016/17 lernten 57 Prozent aller Schüler/innen Spanisch, nur 15,7 Prozent Deutsch.

Perspektiven für den Deutschunterricht in Frankreich

Bei seinem ersten Besuch als französischer Staatspräsident in Berlin im Mai 2017 twitterte Emmanuel Macron: „Ich habe beschlossen, die ‚classes bilangues‘ wieder einzuführen.“ So wollte er zeigen, dass seine Regierung diesem – vom deutschen Nachbarn geschätzten – Angebot wohlgesonnen ist. Tatsächlich hat sie den Schulen bisher allerdings nur gestattet, durch eine flexible Handhabung vorhandener Mittel zusätzlichen Sprachunterricht anzubieten.

Thérèse Clerc, Präsidentin des Vereins zur Entwicklung des Deutschunterrichts in Frankreich (ADEAF), fordert deshalb, dass zusätzliche Mittel bzw. Lehrerstunden zur Verfügung gestellt werden, um den Deutschunterricht in ihrem Land langfristig auszubauen.

Um die Kenntnisse der Sprache des Nachbarn beiderseits des Rheins zu verbessern, erheben der ADEAF und die Vereinigung der Französischlehrerinnen und –lehrer e.V. (VdF) gemeinsam in ihrem Beitrag zum Elysée-Vertrag 2.0, der 2018 geschlossen werden soll, verschiedene Forderungen. Z.B. sollen

  • in Deutschland alle Schüler/innen in der Sekundarstufe II zwei Fremdsprachen fortführen,
  • in Frankreich 20 Prozent einer Altersstufe zusätzlich zu Englisch Deutsch lernen,
    das Entdecken der deutschen Sprache und Kultur in der Grundschule flächendeckend ermöglicht werden, in den Englisch-Deutsch-Zügen von der 6. bis zur 9. Klasse die Unterrichtsstunden gleich verteilt werden (3 Wochenstunden für jede Sprache).

Falls es tatsächlich gelingen sollte, mehr französische Jugendliche für Deutsch zu begeistern, müsste das französische Bildungsministerium eine Lösung dafür finden, wie die steigende Nachfrage befriedigt werden könnte: Wegen der unattraktiven Berufsbedingungen und der im europäischen Vergleich schlechten Bezahlung entscheiden sich immer weniger Franzosen für den Lehrberuf. Bei einer landesweiten Ausschreibung 2016 konnten für 345 offene Stellen für Deutschlehrer/innen nur 149 geeignete Kandidat/innen gefunden werden.

Im Vergleich zum Jahr 2009 hat sich die Zahl der Deutschlerner/innen an französischen Schulen kaum verändert, es ist also nicht, wie 2015 befürchtet, zu einem Einbruch gekommen. Aus ganz pragmatischen Gründen erscheint es für französische Schüler/innen sinnvoll Deutsch, auch als erste Fremdsprache, zu lernen:

  • Nicht nur das Bildungsministerium, auch die französische Wirtschaft hat Probleme, Stellen zu besetzen, für die Deutschkenntnisse nötig sind,
  • deutsche Firmen schreiben immer wieder Stellen für französische Muttersprachler/innen aus, die auch gut Deutsch können sollten,
  • am Oberrhein haben deutsche Arbeitgeber, zu deren wirtschaftlichen Erfolg in früheren Jahren zahlreiche Grenzgänger aus dem Elsass beigetragen haben, große Probleme, westlich des Rheins Personal zu finden, das Deutsch sprechen kann.

Neben Englisch auch Deutsch zu können kann für eine junge Französin oder einen jungen Franzosen also eine Zusatzqualifikation sein, die den Einstieg ins Berufsleben ermöglicht.

Auch für die Zukunft anerkannter deutsch-französischer Errungenschaften im Bildungsbereich wie dem AbiBac (dem deutsch-französischen Abitur) oder der deutsch-französischen Hochschule ist es natürlich sehr wünschenswert, dass weiterhin Kinder und Jugendliche beiderseits des Rheins intensiv die Sprache des Nachbarn lernen.

Die Entwicklung der Französischlerner/innen in Deutschland gibt derzeit (noch) keinen Anlass zur Sorge und hat Ihre Ursache vermutlich auch in einem immer vielfältigeren Fremdsprachenangebot in den Ländern.

Verwundern kann, dass nach der Sprache Molières vor allem zwei weitere romanische Sprachen – Spanisch und Latein – gewählt werden, wohingegen slawische Sprachen, trotz der unmittelbaren Nachbarschaft zu diesem Sprachraum und den engen Beziehungen dorthin, an deutschen Schulen weiterhin kaum unterrichtet werden. Entgegen aller Befürchtungen sind Deutschland und Frankreich von „einer sprachlosen Freundschaft“ also noch weit entfernt, aber damit dies so bleibt, dürfen beide Seiten nicht in ihren Bemühungen nachlassen, die Sprache des Nachbarn zu fördern.

 


 

Fußnote

1: Der Artikel ist auch in der Zeitschrift "Bildung und Wissenschaft : b & w ; Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg", Ausgabe 6/2018 erschienen.

 


 

Martin Villinger, villinger@dfi.de, Deutsch-Französisches Institut, Ludwigsburg

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