Vom Armenhaus zum "Musterländle" - Industrialisierung, Hochmoderne und Strukturwandel in Südwestdeutschland

Autor: Dr. Michael Hoffmann

Kompetenzzentrum für Geschichtliche Landeskunde im Unterricht 


Deckblatt eines Kataloges der Maschinenfabrik Kuhn, Stuttgart Berg, um 1890, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart, B 252

Kurzbeschreibung des Moduls:

Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten in diesem Modul Erfolgsfaktoren der Industrialisierung im deutschen Südwesten zwischen 1800 und heute. Sie analysieren dazu Quellenmaterial aus dem Archiv, Statistiken und Historikertexte. Schließlich beurteilen sie die aktuellen Herausforderungen der Industrie in Baden-Württemberg im historischen Kontext. Das Modul richtet sich an die Sekundarstufe II und ist für eine Doppelstunde und ggf. noch eine Einzelstunde ausgelegt. 


1. Hintergrund

a) Historische Einordnung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Territorien Südwestdeutschlands überwiegend agrarisch geprägt. Der Import industriell hergestellter Textilwaren aus Großbritannien, die Auswirkungen der napoleonischen Kriege und die verkehrstechnischen Hindernisse (Schwarzwald, Schwäbische Alb) sorgten immer wieder für wirtschaftliche Not in den neuen Flächenstaaten Baden und Württemberg. Eine Folge war, dass aus diesem "Armenhaus" bereits in den Jahren vor der Revolution von 1848/49 mehr als 20 % der Bevölkerung auswanderten, die meisten in die USA. Durch staatliche Maßnahmen (Eisenbahnbau, Rheinschifffahrt) und unternehmerische Leistungen vor allem in der zweiten Phase der Hochindustrialisierung (Chemie, Elektrotechnik, Maschinenbau, Automobile) stieg Baden-Württemberg zum ökonomischen Spitzenreiter auf, dem immer wieder das Etikett des "Musterländles" angeheftet wird.

Folgende Erfolgsfaktoren werden von der historischen Forschung dafür ausgemacht: Die staatlich finanzierte Eisenbahn verband die in einer ersten Industrialisierungsphase entstandenen Maschinenfabriken (Raum Stuttgart, Raum Mannheim) und die noch zahlreicheren ca. 50 Textilfabriken (Ostalb, Albtrauf, Schwäbische Alb etc.) mit den Verbrauchern in ganz Deutschland und Europa. Mit staatlichen Bildungseinrichtungen, wie der württembergischen Zentralstelle für Gewerbe und Handel in Stuttgart, konnte zudem der technologische Rückstand aufgeholt werden: Ingenieure und Facharbeiter wurden an englischen Vorbildern geschult oder gar dorthin auf Studienreise geschickt. Davon profitierten auch Erfinder und Unternehmer wie Gottlieb Daimler, Carl Benz oder Robert Bosch, die mit ihren Innovationen die Grundlage für heutige Weltunternehmen legten. Seit dem Zweiten Weltkrieg liegt der Erfolg Baden-Württembergs vor allem im Nebeneinander von Großunternehmen der Fahrzeug-, Chemie- und Elektroindustrie sowie von Weltmarktführern spezieller Produkte („Hidden champions“). Die Verhältnisse der Zeit um 1800 haben sich heute also  geradezu umgekehrt: Die Arbeitslosigkeit ist die zweitniedrigste in Deutschland, es ziehen mehr Menschen nach Baden-Württemberg als in andere Bundesländer. 

b) Historische Bedeutung

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Industrialisierung im Südwesten zeigt den Einfluss von Strukturen (Eisenbahnwege, Schifffahrt etc.) und Personen (Erfindungen, Unternehmensgründungen) für den Fortgang der Geschichte auf. Viele Weichenstellungen der Vergangenheit prägen die sozioökonomische Basis des Bundeslandes bis heute. 


2. Das Thema im Unterricht

a) Impulse und Material für den Unterricht mit didaktischen Hinweisen

Zeit / Phase Inhalte / methodische Hinweise
Doppelstunde  
Einstieg Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit dem Kontrast vom Armenhaus um 1800 zum „Musterländle“ heute. Auf der Basis des Textes von Udo Vullhorst entwickeln sie Leitfragen, wie z.B.
Wie lässt sich der besondere wirtschaftliche Aufstieg des Südwestens erklären? Was war daran „vorbildlich“?
Warum verschob sich der Anteil der Arbeitnehmer im Industriesektor in BW deutlich stärker als in Deutschland insgesamt? 
Erarbeitung 1 Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten zunächst strukturelle Erfolgsfaktoren für den Beginn und Take-Off der Industrialisierung im Südwesten aus einem Historikertext. Sie erläutern diese Faktoren anhand von ausgewählten Bildern. Sie unterscheiden dabei verschiedene Aspekte, wie geographische Lage, Rolle des Staates, Bildung, Schrittmacherindustrie etc. (Arbeitsblatt 2, vgl. Lösungshinweise Arbeitsblatt 6) 
Erarbeitung 2 Die Schülerinnen und Schüler lernen Beispiele für die Bedeutung von Personen und ihrer Erfindungen in der Hochindustrialisierungsphase im Südwesten kennen. Sie lesen dazu einen Text zur Technikgeschichte und suchen selbst im Internet nach entsprechenden Bildern dazu. (Arbeitsblatt 3) 
Auswertung/Transfer Die Schülerinnen und Schüler stellen die Erfolgsfaktoren zusammen und beurteilen, inwieweit die Tatkraft und der Erfindungsgeist von Personen oder eher strukturelle Bedingungen, wie das Verkehrsnetz oder die Rohstoffe, für den Beginn und die Hochindustrialisierung im Südwesten maßgeblich waren (vgl. Lösungshinweise Arbeitsblatt 6).
 Hausaufgabe Zusammenfassen der Faktoren in einem Schaubild
   
Unterrichsthema  
Einstieg Wiederholung aus der letzten Stunde durch Präsentation des Schaubildes.
Entwicklung der Fragestellung nach dem weiteren Verlauf der Industrialisierung in Baden-Württemberg nach 1945
Erarbeitung 1 Analyse einer Statistik zur Entwicklung des realen BIP in Baden-Württemberg im Vergleich zur BRD. Die SuS erkennen dabei eine Parallelität der Entwicklungen und gleichzeitig einen steten Vorsprung BWs, was die Wachstumsraten des realen BIP betrifft. (Arbeitsblatt 4)  
Erarbeitung 2 Erklärung dieses Vorsprungs durch Beispiele aus der Industriegeschichte BWs. Die SuS lesen arbeitsteilig in einer Vierer-Gruppe die technisch-industriellen Entwicklungen in Baden-Württemberg nach 1945 (je eine Seite) und stellen sich deren Inhalt gegenseitig vor. Sie halten dabei Industriezweig, ein konkretes Beispiel, Reichweite (lokal, regional, national, global) fest. Anschließend diskutieren sie in der Gruppe, worin die bis heute anhaltende Stärke der baden-württembergischen Industrie trotz Strukturwandel und Ende der Hochmoderne zu sehen ist. (Arbeitsblatt 5)

 Vertiefung

Zur Vertiefung kann eine regionales Fallbeispiel herangezogen werden, z.B. hier: https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/gesellschaftswissenschaftliche-und-philosophische-faecher/landeskunde-landesgeschichte/module/bp_2016/wege-in-die-moderne (Übersichtsseite der landeskundlichen Module auf dem LBS zur Geschichte der Modernisierung)

 

Alle Materialien zum download (5,0 MB)

 


b) Bildungsplanbezug

Inhaltbezogene Kompetenzen:

3.4.1.2 Merk­ma­le der eu­ro­päi­schen In­dus­tria­li­sie­rung ana­ly­sie­ren
3.4.5.3 den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung in Ost- und West­eu­ro­pa bis An­fang der 1970er-Jah­re am deutsch-deut­schen Bei­spiel ana­ly­sie­ren und ver­glei­chen

Inhalt:

In­dus­tria­li­sie­rung, Ver­kehrs­re­vo­lu­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­vo­lu­ti­on, Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus 


Prozessbezogene Kompetenzen:

2.1 Fragekompetenz

Fra­gen an die Ge­schich­te for­mu­lie­ren und vor­ge­ge­be­ne his­to­ri­sche Fra­ge­stel­lun­gen nach­voll­zie­hen

nachvollziehe2.2 2.2 Methodenkompetenz:

Un­ter­schied­li­che Ma­te­ria­li­en (ins­be­son­de­re Tex­te, Kar­ten, Sta­tis­ti­ken, Ka­ri­ka­tu­ren, Pla­ka­te, His­to­ri­en­ge­mäl­de, Fo­to­gra­fi­en, Fil­me, Zeit­zeu­gen­aus­sa­gen) auch un­ter Ein­be­zie­hung di­gi­ta­ler Me­di­en kri­tisch ana­ly­sie­ren

2.3 Reflexionskompetenz:

His­to­ri­sche Sach­ver­hal­te in ih­ren Wir­kungs­zu­sam­men­hän­gen ana­ly­sie­ren (Mul­tik­au­sa­li­tät)

2.4 Orientierungskompetenz:

Die his­to­ri­sche Be­dingt­heit der Ge­gen­wart so­wie Un­ter­schie­de und Ge­mein­sam­kei­ten zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ana­ly­sie­ren und be­wer­ten

2.5 Sachkompetenz:

Struk­tur, Pro­zess, Er­eig­nis und Per­son un­ter­schei­den


Der Bildungsplan ist nicht unter CC veröffentlicht: (C) Bildungsplanplattform Baden-Württemberg
"Leitperspektive" ist nicht unter CC veröffentlicht: (C) Ministerium für Jugend, Kultus und Sport Baden-Württemberg

Literatur

  • Britta Leise, Streben nach Glück – Streben nach Wohlstand. Der Aufstieg Baden-Württembergs vom Agrarland zum »Musterländle«, in: Archivnachrichten 70 (2025), S. 8 - 13.
  • Udo Vullhorst, Strukturwandel und Wirtschaftsentwicklung, in: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 4/2012, S. 49 - 54.
  • Willi A. Boelcke, Wirtschaftsgeschichte Baden-Württembergs: Von den Römern bis heute, Stuttgart 1987.

Links

Website des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg (Alle Links aufgerufen am 09.02.2026)


- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte am ZSL Baden-Württemberg -


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