Methodenvorschlag

Ausgrenzung und Verfolgung der Juden in Rastatt 1933-1945 - eine Spurensuche im Rastatter Stadtarchiv

2.1 Lernorterkundung

Ein Besuch des Stadtarchivs und des Kantorenhauses lohnt sich vor allem aus zwei Gründen: Zum einen lernen die Schülerinnen und Schüler Aufgaben und Funktionsweise eines Archivs kennen; sie verstehen, warum sich ein Stadtarchiv als „Gedächtnis“ seiner Stadt versteht und dass das Archiv auch „normalen“ Bürgern als wertvoller Dienstleister zu Verfügung steht. Zum anderen lassen sich Schülerinnen und Schüler für historische Sachverhalte besonders gut begeistern, wenn sie sich dank der Authentizität originaler Quellen geschichtlichen Ereignissen „ganz nah“ fühlen.
Die didaktischen Angebote dieses Moduls sind allerdings komplett auch im Klassenraum nutzbar. Da die jeweils verwendeten Archivalien Schülerinnen und Schülern nicht für längere Arbeitsphasen überlassen werden können, sind sie in gescannter (und in der Regel unveränderter) Form in die Arbeitsblätter integriert.

Insgesamt umfasst dieses Modul vier Materialienpakete:

Das Materialienpaket „AB 1 – Live-Doku“ sieht ein Rollenspiel vor. Szenerie des Rollenspiels ist eine Fernsehdokumentation zur Verfolgung der Rastatter Juden im „Dritten Reich“. Dazu schlüpfen die Schüler in die Rolle fiktiver Zeitzeugen, eines heutigen Politikers und einer Geschichtsprofessorin. Im Vorfeld der eigentlichen „Fernsehsendung“ erarbeiten die Schüler ihre jeweiligen Interviewantworten. Dazu erhalten alle sieben Gruppen nicht nur ein spezifisches Quellenpaket (z.B. Ordner „Sammlung Bach“), sondern auch schon die Fragen des Moderators sowie zu jeder Frage einen exakten Hinweis, welches Material ihnen bei der Beantwortung dieser Frage weiterhelfen wird ( AB 1.1. Live-Doku - Arbeitsauftrag 'Zeitzeugen berichten‘ ). So sollte es ihnen gelingen, sich zielgerichtet auf ihre Rolle als Talkrundengast vorzubereiten.
Im Anschluss an die Arbeitsphase findet die Ergebnis-Präsentation dann gewissermaßen als Liveübertragung des Fernsehtalks statt. Dazu erhält der Moderator – diese Rolle könnte ohne Vorbereitung auch der Lehrer übernehmen – sämtliche Fragen in sinnvoller Reihenfolge ( AB 1.2. Live-Doku - Moderatorenblatt 'Zeitzeugen berichten' ). Die Fragen der Talkrunde sind so angeordnet, dass die Schüler ihre jeweiligen Ergebnisse nicht im Block vortragen, sondern im Rahmen des Gespräch als „Zeitzeugen“ etc. mehrfach zum Zuge kommen.

Bei dem zweiten Arbeitsmaterial ( AB 2 - Chronologie der antisemitischen Maßnahmen in Rastatt ) handelt es sich um ein doppelseitiges Arbeitsblatt, das eine Vielzahl von Zeitungsexzerpten und Kurztexten zu den Jahren 1926 bis 1940 enthält. Mehrere Arbeitsaufträge zielen darauf ab, dass die Schüler anhand der Zeitungsartikel die progressive Strategie des nationalsozialistischen Antisemitismus erkennen. So ordnen sie z.B. die einzelnen Zeitungsexzerpte den Begriffen diskriminieren – ausgrenzen – entrechten – verfolgen – vernichten zu und machen sich Gedanken über die zeitliche Abfolge der antisemitischen Maßnahmen.

„Boykotttag“ am 1. April 1933 in Rastatt: uniformierte Nationalsozialisten vor einer jüdischen Arztpraxis.

B 5 „Boykotttag“ am 1. April 1933 in Rastatt: uniformierte Nationalsozialisten vor einer jüdischen Arztpraxis. © Stadtarchiv Rastatt

Die schlimmsten antisemitischen Exzesse – beispielsweise die Novemberpogrome, die Deportation und die Ermordung der Juden – wurden von Parteigliederungen der NSDAP geplant und durchgeführt. Die „einfache“ Bevölkerung war, wenn man die breite Masse in den Blick nimmt, allenfalls randläufig beteiligt. Und doch waren viele Menschen nicht nur durch die Duldung des nationalsozialistischen Judenhasses involviert, sondern auch als Nutznießer. Das dritte Arbeitsblatt widmet sich noch einmal vertiefend diesem Thema: „AB 3 – Wer profitierte vom Antisemitismus“ .

Das vierte Arbeitsblatt ( AB 4 - Chronologie des Antisemitismus im Reich und in Rastatt ) stellt den in Rastatt vorherrschenden Antisemitismus in den Kontext der judenfeindlichen Maßnahmen im Reich. Anhand der Ereignisse erarbeiten die Schülerinnen und Schüler unter anderem die Strategie des nationalsozialistischen Antisemitismus. Besonders erkenntnisreich dürfte die vierte Aufgabe des Arbeitsblattes sein: Die Schülerinnen und Schüler markieren all diejenigen Maßnahmen und Ereignisse rot, von denen ein „normaler“ Rastatter Bürger etwas mitbekommen haben muss. Auf dieser Grundlage überprüfen sie die nach 1945 oft zu Protokoll gegebene Behauptung, ein einfacher Bürger habe doch von dem verbrecherischen Vorgehen der Nationalsozialisten gegen die Juden gar nichts gewusst.


Behandlung des Themas in der Schule

Wie unter 2.1 schon beschrieben, lassen sich die vier didaktischen Angebote allesamt auch im Rahmen des üblichen innerschulischen Unterrichts anwenden. Die Vorzüge des lokalgeschichtlichen Ansatzes (siehe oben) bleiben beim Einsatz der Materialien im Klassenzimmer in vollem Umfang gewahrt.

 

 

- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Karlsruhe -