Sozialpädagogik

Bildfenster - Bilder und Bilderbücher betrachten, gestalten und verstehen

Das Interpretieren eines Bildes/ Gemäldes erfordert Übung.

Impressionen von der Ammer. Mohnbild - Übung: Texte und Bilder aussuchen und montieren. Schattenspiel:

Einleitung - warum ist das Projekt "Bild-Fenster" pädagogisch wertvoll?

Entstehung und Begründung des Projekts

Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher verändert. Ein zentraler Punkt ist die Arbeit in so genannten Handlungs- und Lernfeldern statt in herkömmlichen Fächern. Die Kollegien der Fachschulen für Sozialpädagogik sind aufgefordert diesen veränderten didaktischen Ansatz mit Inhalten zu füllen.
Das Kollegium der Fachschule für Sozialpädagogik an der Hilde-Domin-Schule in Herrenberg betreibt seit längerer Zeit Schulentwicklung mit dem Ziel einer praxisorientierten Neustrukturierung der Ausbildung für Erzieherinnen und Erzieher. In verschiedenen Projekten wurde versucht, Inhalte der ursprünglichen Fächer stärker miteinander zu verbinden. Bei der Planung und an der praktischen Durchführung des Unterrichts wurden die Schülerinnen und Schüler mehr beteiligt. Die Projektinhalte wurden durch eine intensivere Verzahnung von schulischer Ausbildung und Praxis erarbeitet. Die Projekte "Waldfenster" und "ZeitFenster - Geschichte erleben" waren Ergebnisse einer solchen Herangehensweise.
An diese positiven Projekterfahrungen der vergangenen Jahre knüpft das im folgenden vorzustellende Projekt an:

Bild-Fenster - Bilder und Bilderbücher

betrachten, verstehen, gestalten

Dies ist ein Projekt für Erzieherinnen und Erzieher zur Leseförderung und ästhetischen Erziehung im vorschulischen Bereich.
Die Projektzeit betrug zwei Wochen. Die relativ kurze Zeitspanne wurde intensiv und effektiv genutzt.

Ausgangspunkt des Projekts war die Feststellung der Lehrkräfte in der Erzieherinnen- und Erzieherausbildung, dass die Thematik "Bilderbücher" aufgrund der neuen Struktur des Bildungsplans zu wenig Raum im Unterricht zu bekommen drohte. Daraus entstand die Idee, dieses Thema in einem handlungsorientierten Projekt für zwei Unterrichtswochen in den Mittelpunkt der Ausbildung im ersten Jahr (Berufskolleg für Praktikantinnen/ Praktikanten) zu stellen.

In der Planungsphase entstanden sechs unterschiedliche Themen für verschiedene Projekt-Kleingruppen, aus denen die Schülerinnen und Schüler zweier Klassen während der Projektphase auswählen konnten.

Die einzelnen Themen bieten - auf den ersten Blick - zum Teil ungewöhnliche Zugänge zum Ursprungsthema "Bilderbücher". Sie spiegeln die interdisziplinäre Zusammensetzung des Teams der beteiligten Lehrkräfte wieder:
Der Fachlehrer für Bildende Kunst hatte die Idee, die Schülerinnen und Schüler für die Bildsprache von Bilderbüchern zu sensibilisieren, indem diese selbst ein Foto-Bilderbuch von dem Lauf der Ammer, einem bei Herrenberg entspringenden Bach, schaffen. Zwei Lehrerinnen und ein Lehrer, die "Kinder und Jugendliteratur" unterrichten, setzten sich als Ziel, die Schülerinnen und Schüler anzuregen, Leseecken in Kindertageseinrichtungen zu untersuchen und Ideen für eine erfolgreiche Leseförderung zu entwickeln.
Die kreative Vermittlung von Bilderbüchern über szenische Darstellung im Figurentheater bzw. Schattenspiel wollten zwei Lehrkräfte zum Projektthema machen.
Eine weitere Lehrkraft für Deutsch sowie eine Fachlehrerin für Werken stellten ebenfalls die kreative Vermittlung von Bilderbüchern in den Mittelpunkt ihrer Planung und boten eine Projekt-Kleingruppe zur Umsetzung von Bilderbüchern in ein Bilderbuchkino an.
Die künstlerische Seite von Bilderbüchern dachten zwei kunstinteressierte Lehrerinnen der Sozialpädagogik konsequent weiter. Sie wollten mit den Schülerinnen und Schüler erforschen, inwiefern man Kindern einen Zugang zu Bildender Kunst eröffnen kann.

Warum ist das Projekt Bild-Fenster pädagogisch wertvoll?

So breit dieses Spektrum an thematischen Projektgruppen erscheinen mag, basieren sie doch auf zwei gemeinsamen Annahmen:

1. Kinder im vorschulischen Alter brauchen Bilderbücher für ihre Entwicklung.

Das Lesen beginnt nicht erst mit dem Leseunterricht in der Schule. Der Grundstein dafür kann und muss bereits im Kindergartenalter gelegt werden. Bilderbücher sind für Kinder der wichtigste Einstieg in die Welt der Bücher und in den Umgang mit Symbolen überhaupt. Sie sind wesentlicher Bestandteil der "Literacy-Erfahrungen", wie die Erfahrungen von Kindern rund um Buch-, Erzähl-, Reim- und Schriftkultur in der aktuellen pädagogischen Fachdiskussion genannt werden.

Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder in der frühen Kindheit, lange bevor sie "formal" lesen und schreiben lernen, durch ihre Erfahrungen mit Bilderbüchern sowohl im Bereich der Sprachkompetenz geprägt werden als auch in ihrer grundsätzlichen Einstellung zu Büchern. Zusätzlich haben Bilderbücher eine umweltzeigende und umwelterklärende Funktion; denn sie helfen Kindern, sich selbst und ihre Umwelt zu verstehen.

Allerdings gibt es " je nach Situation in der Familie, im soziokulturellen Umfeld und in der Betreuungssituation" eine große Schere zwischen so genannten privilegierten Kindern mit viel "Bilderbuch- bzw. Literacy-Erfahrungen" und weniger privilegierten Kindern. Kindertageseinrichtungen haben hier deshalb eine kompensatorische Aufgabe. Sie müssen versuchen, diese große Chancenungleichheit, bezogen auf den Schulerfolg und die Bildungslaufbahn von Kindern, durch vermehrte Aktivitäten im Bereich der Leseförderung auszugleichen. Dazu gehören gut ausgestattete und ansprechend gestaltete Lesebereiche genauso wie methodische Vielfalt in der Vermittlung von Bilderbüchern, z.B. durch das Bilderbuchkino, das Schattenspiel- oder das Figurentheater.

2. Kinder im vorschulischen Alter brauchen ästhetische Erfahrungen für ihre Entwicklung.

Kinder sind heute tagtäglich einer Bilderflut ausgesetzt. Ihre Umgebung enthält eine Vielzahl optischer Reize, die das Auge kaum zur Ruhe kommen lassen. Dies beginnt beispielsweise bei der Gestaltung der Kinderzimmer zum Beispiel mit bunt gemusterter Bettwäsche mit Motiven aus der kindlichen Medienwelt, und geht über die Bilderwelt im Fernsehen bis zu den Eindrücken im städtischen Umfeld mit Lichtreklame und Schaufenstern.

Unter diesem Einfluss von vielfältigen optischen Reizen entwickeln Kinder ein neues Wahrnehmungsverhalten - eben den raschen, selektierenden Blick. Dies ist unbestritten eine Kompetenz, birgt aber gleichermaßen auch die Gefahr einer oberflächlicheren Welterfassung. Kinder brauchen heutzutage mehr denn je den konkreten Umgang mit den Dingen, um innere Bilder und ein vertiefendes Verständnis von der Welt entwickeln zu können.

Die im Projekt "Bild-Fenster" erprobten Methoden sind in besonderem Maße geeignet, diese Fähigkeiten der Kinder zu fördern. Das Bilderbuch oder die Gemälde in einer Kunstausstellung zwingen Kindern nicht eine bestimmte Geschwindigkeit der Betrachtung auf wie das Fernsehen, sondern fordern zu intensivem Betraten auf, Details und Zusammenhänge zu entdecken und zu verstehen. Beim Fotografieren in der Natur werden Kinder darin gebildet, mit voller Konzentration und Aufmerksamkeit ihre Umgebung in den Blick zu nehmen. Sie werden dadurch an die Natur herangeführt. Gestalterische Tätigkeiten wie das Nachspielen einer Bilderbuchgeschichte im Schattenspiel oder im Figurentheater regen Kinder an, ihre eigenen Ideen zu der Geschichte mit verschiedenen Materialien und Gestaltungsmitteln auszudrücken. All dies sind ästhetische Lernprozesse, die Kindern helfen, eine differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit zu entwickeln sowie die Welt zu verstehen und aktiv zu gestalten.

Reflexion

Im Projekt "Bild-Fenster" erwarben die Schülerinnen und Schüler Erfahrungen und Kompetenzen im Bereich der ästhetischen Erziehung und der Leseförderung, indem sie sich auf vielfältige Weise mit Bildern und Bilderbüchern auseinandersetzten. Durch das Projekt beschäftigten sie sich intensiver als bisher mit deren Inhalten und Illustrationsstilen. Sie erprobten neue Methoden zur Vermittlung von Bilderbüchern, indem sie Theaterspiele, Kostüme und Bühnenbilder sowie Material für ein Bilderbuchkino gestalteten und zur Aufführung brachten.

Der ästhetische Genuss und die Entwicklung einer differenzierteren Wahrnehmung wurden für die Schülerinnen und Schüler durch das eigene Erleben von Kunst und die kreative Arbeit mit Fotografie, Theaterspiel und Bilderbuchkino unmittelbar erfahrbar.

Sie setzten sich mit den Zielen und Möglichkeiten von Leseförderung auseinander, indem sie sich mit entsprechender Fachliteratur beschäftigten. In Interviews und Hospitationen entwickelten sie konkrete Vorstellungen für die räumliche und materielle Gestaltung des Lesebereichs in Kindertageseinrichtungen.

Die folgenden Berichte über die einzelnen Projekte zeigen, dass bei den Schülerinnen und Schülern Handlungswissen und Schlüsselkompentenzen gefördert wurden. Dies kann durch einen herkömmlichen Unterricht nicht in gleichem Maße erreicht werden. Die gemachten Erfahrungen versetzen die Schülerinnen und Schüler in die Lage, ihre Kenntnisse in der Praxis mit Kindern und Eltern sowie Kolleginnen und Kollegen umzusetzen.

Zeitliche und finanzielle Rahmenbedingungen

Die Projektzeit betrug zwei Wochen im Juni 2005. Die relativ kurze Zeitspanne wurde intensiv und effektiv genutzt.

Zu Beginn der Projektphase wurde den Schülerinnen und Schülern das oben geschilderte Spektrum an Projektthemen vorgestellt. In freier Wahl entschieden sie sich für eine Projektgruppe. Ohne Einschränkungen der Personenzahl ergab sich eine relativ gute Mischung, so dass alle geplanten Projektthemen bearbeitet werden konnten. Die Lehrkräfte gaben zwar den groben Rahmen für das von ihnen betreute Projekt vor, die Schülerinnen und Schüler hatten jedoch viel Mitsprache bei der eigentlichen Ausgestaltung ihrer Projektthemen. Dies wird aus den einzelnen Projektberichten deutlich. Die Arbeit im Team ersetzte den regulären Stundenplan.

Als gemeinsame Aktion besuchten alle Projektgruppen die Staatsgalerie in Stuttgart und nahmen an einer Führung teil, wie sie normalerweise für Kindergruppen angeboten wird. Außerdem besichtigten sie eine Kinderkunst-Ausstellung in einer Herrenberger Kindertageseinrichtung.

Zum Abschluss der zweiwöchigen Projektphase präsentierten die einzelnen Projektgruppen ihre Ergebnisse. In Vorträgen, unterstützt durch vielfältiges Anschauungsmaterial und Power-Point-Präsentationen, wurden Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte ausführlich und sehr lebendig über den Arbeitsprozess und die Ergebnisse der einzelnen Projektgruppen informiert. Höhepunkte waren die Aufführungen der Bilderbuchkinos sowie des Schatten- und des Figurentheaters.

Erst in der Phase der Präsentation des Projekts entstand die Idee, die einzelnen Projekte schriftlich sowie filmisch zu dokumentieren und damit die Erfahrungen einem größeren Personenkreis zur Verfügung zu stellen. Deshalb setzten sich die Projektgruppen nach der eigentlichen Projektphase nochmals zusammen und formulierten die nachfolgenden Projektberichte. Der dazugehörige Film wurde zum Teil aus vorhandenem Bildmaterial erstellt. Zusätzlich wurden dafür Aufnahmen vom alljährlich stattfindenden Adventsbazar der Schule verwendet, an dem das Bilderbuchkino und das Schatten- und Figurentheater mit großem Erfolg vor einem breiteren Publikum aufgeführt wurden.

Die Finanzierung der Dokumentation des Projekts erfolgte durch Preisgelder, die das Projekt "ZeitFenster" erbracht hatte.

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