Hinweise zum Lesekompetenzmodell

(vgl. Heiner Willenberg (Hrsg.) Kompetenzhandbuch für den Deutschunterricht. Hohengehren 2007, S. 11ff)

1. Bezüge zum Vorwissen herstellen:

Die Aktivierung des Vorwissens hat die Funktion, das Abweichende/Ungewohnte eines Textes auf schon Bekanntes zu beziehen und durch Einordnung in die bei den Schülern bereits vorhandenen Erfahrungen neue Erfahrung zu ermöglichen. Möglichkeiten zur Aktivierung des Vorwissens sind (u.a)

a) die Überschrift: Welche Erwartung weckt sie zu dem, was der Text an Informationen bietet?

b) Thematischer Zugang: Was wissen Sie schon zum Thema des Textes, was möchten Sie noch wissen?

2. Informationsentnahme:

Verschiedene Lesestrategien können hierbei eingesetzt werden:
- Überfliegend lesen, um den Informationswert des Textes zu prüfen (nur Teile lesen).
- Intentionengeleitet lesen: Will ich erklären...; will ich herausfinden, warum...; was X mit Y zu tun hat?
- Zweites Lesen (Isolieren von Informationen), um das Thema/den Gedankengang/wesentliche Inhalte des Textes zu erfassen. Der Leser entnimmt dem Text einfache Informationen, indem er einzelne Wörter identifiziert, die sich auf wesentliche Aspekte des Textes beziehen (z.B. Hauptthema des Textes; die literarische Figur; Ort; Zeit).

3. Fokussierung:

Genaues, wiederholtes Lesen einer schwierigen Textstelle.

4. Lücken finden und durch Inferenzen füllen/Schlussfolgerungen ziehen:

- Bedeutungshypothesen bilden (Vermutungen bilden, Annahmen formulieren). Bei dieser fragend-vermutenden Haltung ist bereits "Hineinlesen" am Werk. Inferiert wird die Fragestellung und diese Fragestellung leitet die Textwahrnehmung.
- Leser bilden erste einfache Bilder; sie füllen die Leerstellen des Textes durch Schlussfolgerungen oder Vermutungen, weil sie den Textsinn sonst nicht zusammenbringen können. Dabei wenden sie Wissen an.
- Erinnern: Wenn der Text seine Thematik ein Stück weit entfaltet hat, muss der Leser das aus dem Lesen entstandene (vorläufige) Satz- und Textverständnis mit eigenen Wissensbeständen, Erinnerungen/Bekanntem verknüpfen, damit das behandelte Thema umfassend verstanden werden kann.
- Es geht darum, alle Einzelheiten des Textes in ein Gesamtbild zu integrieren.

5. Verknüpfungen herstellen über mehrere Absätze hinweg;

Textaspekte über Absätze hinweg in Beziehung setzen (Motive literarischer Figuren, Zusammenhänge der Handlung, Beziehungen der Argumente); Verknüpfung von Wissen mit verschiedensten, über den ganzen Text verstreuten Textelementen und Alltagswissen. Zuordnungstätigkeit durch Operieren in Begriffsfeldern/Kategorien /Modellen. Vorausgesetzte Fähigkeit: Teile des Gelesenen in Bezug zu anderen Textstellen, aber auch in Bezug auf das eigene Wissen zu klassifizieren.

6. Mentales Modell bilden:

Im Laufe der Lektüre erzeugt der Leser ein eigenständiges Vorstellungsbild, er bildet aus seinen Verarbeitungsleistungen eine eigene geistige Repräsentation des Textes, ein mentales Modell. Wichtig ist, dass die zentralen Aspekte eines Textes darin enthalten sind (Figuren, Ort, Zeit, Handlungskern und ein zentrales Motiv).Mentale Modelle sind geistige Konstrukte, die zeigen, ob es dem Leser gelungen ist, ausgehend vom Text und durch Nutzung eigener Wissensbestände eine sprachnahe Repräsentation eines Textes zu überwinden. Die Struktur eines jeden konstruierten mentalen Modells stimmt mit der Struktur überein, die der Mensch dem zu verhandelnden Sachverhalt zuschreibt, was die Rolle des (Vor-)Wissens beim Lesen immens aufwertet.
Ergebnis des Lesevorgangs ist der Aufbau einer Repräsentation der Textbedeutung durch ein Situationsmodell. Dieses Situationsmodell ist eine individuelle Vorstellung mit persönlich bedingten Akzentuierungen und Auslassungen. Von grundlegender Bedeutung beim Aufbau eines Situationsmodells ist die Integration des Gelesenen in das Vorwissen der Lesenden. Bei narrativen Texten, die nahe an Alltagserfahrungen sind, wird vor allem allgemeines Weltwissen benötigt (bei Sachtexten ist ein entsprechendes spezielles inhaltliches Vorwissen erforderlich).

7. Bewerten und Beurteilen:

Vorhandenes Weltwissen und Textinformationen werden zueinander in Beziehung gesetzt, d.h. wissensgesteuerte Prozesse (Kategorien und Modelle; Sachwissen) und datengesteuerte Prozesse (Elemente des Textes) wirken hier zusammen und konstituieren ein erstes Textverstehen bzw. erlauben eine kritische Haltung als Basis von Bewertung und Reflexion.