Herodot: Stilistische Mittel

Dieses Arbeitsblatt gibt es in diesen drei Dateiformaten: PDFWordOpenOffice-Writer.  Es wurde von Dr. Martin Holtermann erstellt und dem Landesbildungsserver freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde.

Die Bearbeitung dieses Dokuments empfiehlt sich für Schülerinnen und Schüler, die bereits vertraut mit den wichtigsten Stilmitteln sind.
Auf eine zweisprachige Wiedergabe der Beispiele wurde bewusst verzichtet. Denn um die Wirkung der Stilmittel im Einzelnen nachzuvollziehen, ist meist auch der Kontext der jeweiligen Textstelle relevant.
Als Arbeitsauftrag empfiehlt sich:
1. Lies zu jedem sprachlich-stilistischen Mittel die angegebene Textstelle in der deutschen Übersetzung. Erläutere jeweils die Wirkung des stilistischen Mittels bzw.  beschreibe diese nochmals in eigenen Worten. Berücksichtige dabei auch den Kontext.
2. Ordne die stilistischen Mittel danach, ob sie die Stellung (a), den Klang (b) oder die Bedeutung (c) betreffen.

Herodot: Stilistische Mittel (Stellung, Klang, Bedeutung)

Abbildende Wortstellung

Die Wortstellung bildet (oft durch ein Hyperbaton) den Inhalt ab.

πρὸς ὧν τὴν ὄψιν ταύτην τόν τε γάμον τοι τοῦτον ἔσπευσα καὶ ἐπὶ τὰ παραλαμβανόμενα οὐκ ἀποπέμπω, φυλακὴν ἔχων, εἴ κως δυναίμην
ἐπὶ τῆς ἐμῆς σε ζόης διακλέψαι.
(1.38.2)

Wie wenn Kyros seinen Sohn durch Umarmung schützen wollte, umrahmen die Worte ἐπὶ τῆς ἐμῆς ζόης das Personalpronomen σε.

Alliteration

gleicher Laut am Beginn mehrerer Wörter

τὰ μὲν Ἕλλησι τὰ δὲ βαρβάροισι ποδεχθέντα, κλεᾶ γένηται, τά τε λλα καὶ δι᾽ ἣν αἰτίην ἐπολέμησαν λλήλοισι (prooem.)

Wirkung hier: klangvoller Abschluss des Proöms

Anapher

Wiederholung des gleichen Wortes zu Beginn eines neuen Satzabschnittes oder Satzes

ἐν γὰρ τῷ μακρῷ χρόνῳ πολλὰ μὲν ἐστὶ ἰδεῖν τὰ μή τις ἐθέλει, πολλὰ δὲ καὶ παθεῖν. (1.32.2)

Antithese

Paarung gegensätzlicher Begriffe

πολλοὶ μὲν γὰρ ζάπλουτοι ἀνθρώπων ἀνόλβιοι εἰσί, πολλοὶ δὲ μετρίως ἔχοντες βίου εὐτυχέες. (1.32.5)

Assonanz

Abfolge gleicher Vokale

Ἀργεῖοι μὲν γὰρ περιστάντες ἐμακάριζον τῶν νεηνιέων τὴν ῥμην, αἱ δὲ Ἀργεῖαι τὴν μητέρα αὐτν, οἵων τέκνων ἐκύρησε. (1.31.3)

mögliche Wirkung hier: verdeutlicht lautmalerisch die Bewunderung/ Bewunderungsrufe der Zuschauer

Asyndeton

Aufzählung mehrerer Glieder ohne Konjunktionen

ταῦτα δὲ ἡ εὐτυχίη οἱ ἀπερύκει, ἄπηρος δὲ ἐστί, ἄνουσος, ἀπαθὴς κακῶν, εὔπαις, εὐειδής. (1.32.6)

Chiasmus

Überkreuzstellung entsprechender Satzglieder (A-B-B-A)

ἐκεῖνο δὲ τὸ εἴρεό με, οὔκω σε ἐγὼ λέγω, πρὶν τελευτήσαντα καλῶς τὸν αἰῶνα πύθωμαι. (1.32.5)

Ellipse

Verzicht auf ein leicht zu ergänzendes Prädikat, oft eine Form von εἶναι

συγγνώμη μὲν ὦ πάτερ τοι, ἰδόντι γε ὄψιν τοιαύτην, περὶ ἐμὲ φυλακὴν ἔχειν. (1.39.1)

Wirkung: Kürze, Verknappung, Konzentration

Euphemismus

Ersetzung eines anstößigen oder unangenehmen Wortes durch ein weniger verfängliches

ἐξεργάσαντο δέ μιν οἱ ἀγοραῖοι ἄνθρωποι καὶ οἱ χειρώνακτες καὶ αἱ ἐνεργαζόμεναι παιδίσκαι. (1.93.2)

Hier gebraucht Herodot αἱ ἐνεργαζόμεναι anstelle von αἱ πορνευόμεναι.

figura etymologica

Verb mit Akkusativ-Objekt eines Substantives vom gleichen Stamm

λέγω λόγον τόνδε (1.9.1)

Gnome/Sentenz

ein eingefügter Satz allgemeiner Lebensweisheit

πάλαι δὲ τὰ καλὰ ἀνθρώποισι ἐξεύρηται, ἐκ τῶν μανθάνειν δεῖ· ἐν τοῖσι ἓν τόδε ἐστί· σκοπέειν τινὰ τὰ ἑωυτοῦ. (1.8.4)

Hendiadyoin/

Synonymie

„Eine Sache“ wird „durch zwei“ bedeutungsgleiche Wörter ausgedrückt.

„νῦν ὦν τί σοὶ ἐν νόῳ ἐστὶ ποιέειν;" ὁ δὲ ἀμείβεται „οὐ τῇ ἐνετέλλετο Ἀστυάγης, οὐδ᾽ εἰ παραφρονήσει τε καὶ μανέεται κάκιον ἢ νῦν μαίνεται.” (1.109.2)

1.139 τὰ οὐνόματά σφι ἐόντα ὅμοια τοῖσι σώμασι καὶ τῇ μεγαλοπρεπείῃ τελευτῶσι πάντα ἐς τὠυτὸ γράμμα ?

Homoioteleuton

kurz aufeinander folgende Wörter mit der gleichen Endung

τὰ δὲ μοι παθήματα ἐόντα ἀχάριτα μαθήματα γέγονε. (1.207.1)

Wirkung hier: bekräftigt die Übereinstimmung von Erfahrungen und daraus resultierenden Lehren

Hyperbaton

grammatisch zusammengehörige Wörter (v.a. in KNG-Kongruenz) werden durch ein anderes Wort getrennt

παρ᾽ ἡμέας γὰρ περὶ σέο λόγος ἀπῖκται πολλός (1.30.2)

Wirkung: erzeugt Spannung/Erwartungshaltung, betont die getrennten Wörter, besonders das letzte

Iuxtapposition

Nebeneinanderstellung auf einander bezogener (oft antithetischer) Begriffe

ὦ βασιλεῦ, Τέλλον Ἀθηναῖον. (1.30.3)

Die Anrede des mächtigen, reichen Königs steht neben dem Namen des einfachen Athener Bürgers.

Klimax

gedankliche Steigerung bei einem mehrgliedrigen Satzgefüge

τοὺς δέ προϊσχομένων ταῦτα, προφέρειν σφι Μηδείης τὴν ἁρπαγήν, ὡς οὐ δόντες αὐτοὶ δίκας οὐδὲ ἐκδόντες ἀπαιτεόντων βουλοίατό σφι παρ᾽ ἄλλων δίκας γίνεσθαι. (1.3.2)

Frauenraub (Medea) – eigene Weigerung zum Ausgleich des Frauenraubes (Medea) – eigene Forderung nach Ausgleich des Frauenraubes (Helena)

Litotes

zwei Verneinungen, die sich gegenseitig aufheben, oft zur Verstärkung

ἐξίτηλα γένηται,

 μήτε ἔργα μεγάλα τε καὶ θωμαστά […] κλεᾶ γένηται (prooem.)

Metapher

Ersetzung des eigentlichen Wortes durch ein Wort aus einem anderen Sachbereich, der zu dem eigentlichen Wort in einem Analogieverhältnis steht

πολλοῖσι γὰρ δὴ ὑποδέξας ὄλβον ὁ θεὸς προρρίζους ἀνέτρεψε. (1.32.9)

Die Gottheit hat viele Menschen „vollständig“ oder „von Grund auf“ vernichtet (wörtlich: „mit den Wurzeln“, wie bei einem Baum).

Metonymie

Ersetzung des eigentlichen Wortes durch eines aus demselben Sachbereich, das zum eigentlichen Wort in einer realen Beziehung steht.

καί μιν Ἀθηναῖοι δημοσίῃ τε ἔθαψαν αὐτοῦ, τῇ περ ἔπεσε. (1.30.5)

„…, wo er gefallen war“: statt „im Kampf getötet worden war“ (eine schon erstarrte Metonymie, zugleich ein Euphemismus)

πᾶν ἐστὶ ἄνθρωπος συμφορή. (1.32.4)

Der Mensch „ist“ nicht einfach „Zufall“, sondern ist dem Zufall ausgesetzt bzw. ein Spielball des Zufalls.

Parallelismus

Wiederholung der gleichen Abfolge einander entsprechender Satzglieder

ὡς μήτε τὰ γενόμενα ἐξ ἀνθρώπων […] ἐξίτηλα γένηται,

 μήτε ἔργα μεγάλα τε καὶ θωμαστά […] ἀκλεᾶ γένηται (prooem.)

            Subjekt                                             Prädikat

Wirkung hier: Gegenstand und Zielsetzung der „Historien“ sollen auf allen Ebenen gleichermaßen verbunden sein.

Personifikation

Etwas nicht Menschliches verhält sich wie ein Mensch.

οὐ γάρ τι ὁ μέγα πλούσιος μᾶλλον τοῦ ἐπ᾽ ἡμέρην ἔχοντος ὀλβιώτερος ἐστί, εἰ μή οἱ τύχη ἐπίσποιτο πάντα καλὰ ἔχοντα εὖ τελευτῆσαὶ τὸν βίον. (1.32.5)

Das Schicksal bzw. Glück kann streng genommen niemandem „hinterlaufen“ bzw. „auf dem Fuß folgen“.

Polyptoton

Wiederholung desselben Wortes in unterschiedlich flektierten Formen kurz hintereinander

ἀνδρῶν τε φίλων τυγχάνεις ἔκγονος ἐὼν καὶ ἐλήλυθας ἐς φίλους (1.35.4)

Wirkung hier: betont die Gegenseitigkeit der Freundschaftsbeziehung

καὶ σέο δέομαι μὴ δέεσθαι ἀνόμων. (1.8.4)

Wirkung hier: verleiht der Bitte größeren Nachdruck

Polysyndeton

Verbindung mehrerer Glieder durch maximal viele Konjunktionen

Ἀρίονα τὸν Μηθυμναῖον […] διθύραμβον πρῶτον ἀνθρώπων, τῶν ἡμεῖς ἴδμεν, ποιήσαντά τε καὶ ὀνομάσαντα καὶ διδάξαντα ἐν Κορίνθῳ. (1.23)

Wirkung hier: hebt die Menge dieser Leistungen hervor und betont, dass alle diese Errungenschaften von Arion in einem Akt geschaffen wurden

Prägnanz

 

Ein Wort enthält sinngemäß mehr als das eigentlich von ihm Bezeichnete.

δῆλον δ᾽ ἐποίευν παντί τεῳ καὶ οὐκ ἥκιστα αὐτῷ βασιλέι, ὅτι πολλοὶ μὲν ἄνθρωποι εἶεν, ὀλίγοι δὲ ἄνδρες. (7.210.2)

Die persischen Soldaten zeigen sich in dem ersten Gefecht bei den Thermopylen nicht als wahrhaft tapfere „Männer“.

Prolepse

Das Subjekt eines abhängigen Aussage- oder Fragesatzes ist als Objekt zum Prädikat des übergeordneten Satzes vorgezogen.

σκοπέειν δὲ χρὴ παντὸς χρήματος τὴν τελευτήν, κῇ ἀποβήσεται. (1.32.9)

Reihender Stil

Aneinanderreihung der Aussagen durch Konnektoren oder andere sprachliche Verknüpfungen, z. B. wird das Prädikat des Vorsatzes im Folgesatz als Partizip wiederholt.

οὗτος δὴ ὦν ὁ Κανδαύλης ἠράσθη τῆς ἑωυτοῦ γυναικός, ἐρασθεὶς δὲ ἐνόμιζέ οἱ εἶναι γυναῖκα πολλὸν πασέων καλλίστην. ὥστε δὲ ταῦτα νομίζων […] (1.8.1)

Wirkung: Es ergibt sich eine besonders enge gedankliche Verknüpfung, indem das Partizip die Handlung des Vorsatzes aufgreift und die damit gegebenen spezifischen Umstände der Handlung des Folgesatzes angibt.

Trikolon

ein aus drei (oft gleich gebauten) Abschnitten bestehendes Satzgefüge

τὸ μέν νυν ἁρπάζειν γυναῖκας ἀνδρῶν ἀδίκων νομίζειν ἔργον εἶναι,

τὸ δὲ ἁρπασθεισέων σπουδήν ποιήσασθαι τιμωρέειν ἀνοήτων,

τὸ δὲ μηδεμίαν ὤρην ἔχειν ἁρπασθεισέων σωφρόνων (1.4.2)

(Nimmt die Länge der drei Glieder zu spricht man von einem Trikolon „mit wachsenden Gliedern“.)

variatio

verschiedene Ausdrücke/Wörter für dieselbe Sache, um eine Wiederholung zu vermeiden

ἐκ τοῦ αὐτοῦ μὲν χωρίου ἡ ὁρμή ἔσται, ὅθεν περ καὶ ἐκεῖνος ἐμέ ἐπεδέξατο γυμνήν, ὑπνωμένῳ δὲ ἡ ἐπιχείρησις ἔσται. (1.11.5)

Wirkung: bewirkt Abwechslung

Vergleich

Verdeutlichung eines Sachverhalts durch Heranziehen eines analogen Sachverhaltes aus einem anderen Bereich, signalisiert oft durch Wörter wie ὡς/ ὥσπερ „wie“ und ὥς/οὕτως „so“.

τὰ πάντα μέν νυν ταῦτα συλλαβεῖν ἄνθρωπον ἐόντα ἀδύνατον ἐστί, ὥσπερ χώρη οὐδεμία καταρκέει πάντα ἑωυτῇ παρέχουσα, ἀλλὰ ἄλλο μὲν ἔχει ἑτέρου δὲ ἐπιδέεται· ἣ δὲ ἂν τὰ πλεῖστα ἔχῃ, αὕτη ἀρίστη. ὣς δὲ καὶ ἀνθρώπου σῶμα ἓν οὐδὲν αὔταρκες ἐστί· τὸ μὲν γὰρ ἔχει, ἄλλου δὲ ἐνδεές ἐστι. (1.32.8)


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