Le mariage pour tous - Un conflit sociétal. Einführung

Direkt zum Scénario; s.u. Erläuterung und Downloads.

Heterosexuelle Ehe und Homoehe in Frankreich

Triple A pour l'égalité
un papa, une maman
Le mariage pour tous : des slogans

Während es laut INSEE 100 000 homosexuelle Paare in Frankreich gibt, immer weniger Franzosen heiraten, und das immer später, immer mehr in Patchworkfamilien (les familles recomposées) leben und der PACS (Pacte civil de solidarité), der ursprünglich ein Vertrag gleichgeschlechtlicher Partner sein sollte, einen ungeahnten Zulauf heterosexueller Paare hatte (sie machen 95% der "pacsés" aus), wollte vor kurzem die frühere Regierung Sarkozy noch gegen die hohe Zahl der Scheidungen vorgehen und die Ehe aufwerten, etwa durch feierlichere Zeremonien.

Die Homoehe hat eine lange Geschichte. Homosexualität war noch bis 1982 ein Delikt und wurde bis 1992 als Geisteskrankheit geführt. Zwar hatte 2011 der Conseil constitutionnel das Verbot der Homoehe für verfassungsgemäß erklärt, dem Gesetzgeber aber die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe überlassen. Das Gesetz könnte das Ende einer Jahrtausende alten Diskriminierung bedeuten. Es gibt die Homoehe in mehreren anderen Staaten, darunter auch in den Nachbarländern Belgien und Spanien.

Die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe hat sich gewandelt: Im Mittelpunkt stehen heute nicht mehr Vaterschaft und Erbe, sondern das Paar. Dennoch löst die Vorstellung gleichgeschlechtlicher Eltern bei manchen Entsetzen aus. Das zeigt auch ein emblematisches Foto zweier sich küssender Frauen vor demonstrierenden "anti" des neuen Gesetzes (s. Interview mit den -heterosexuellen- Protagonistinnen). Die katholische Kirche spricht sich vehement gegen die Ehe für alle aus (aber nicht alle Katholiken folgen ihr), ebenso Vertreter anderer Religionen.

Umfragen zeigen eine Mehrheit für die Homoehe, in der Frage der Adoption und der künstlichen Befruchtung (APM, assistance médicale à la procréation, bzw. PMA, procréation médicalement assistée) gehen die Meinungen auseinander; letztere wurde aus dem Gesetz ausgegliedert. Die Gegner weisen auf eine angebliche Gefahr der impliziten Legalisierung der Leihmutterschaft (GPA, gestation pour autrui) hin; sie ist in Frankreich verboten.

Pro und "anti"

Gegner (an der Spitze die schillernde Komikerin Frigide Barjot - der Name ist eine Anspielung auf Brigitte Bardot) und Befürworter organisierten große Demonstrationen (s. Gegenmeinung zur "Manif pour tous"). "Un papa. Une maman. On ne ment pas aux enfants" war einer der Hauptslogans der sonst eher selten demonstrierenden politischen Rechten, die sich über die vermeintlich möglichen Bezeichnungen wie "parent 1" und "parent 2" statt "mère" und "père" im Code civil lustig machen. Die Homoehe zerstöre Familie und Gesellschaft. Die Oppositionspartei UMP befürchtet ein "Las Vegas du mariage". Die extreme Rechte ist ebenfalls gegen das Gesetz. Es kam auch zu homophoben Ausfällen. Auch im Internet werden heftige Diskussionen geführt.

Die Befürworter organisierten ihrerseits große "manifestations pour l'égalité", sie antworten auf die Slogans der Gegenseite: "Mieux vaut une paire de mères qu'un père de merde" (s. auch ein Video mit animierten Slogans; dort auch Hinweis auf ein Buch; einen Bericht über eine Familie mit zwei Vätern), rufen den christlichen Gegnern "Jésus avait deux pères et une mère porteuse" zu und prangern die "Intoleranz" der Kritiker des Gesetzes an. Den heterosexuellen Paaren werde doch nichts weggenommen.

Debatte in der Assemblée nationale

Nach Ansicht der Regierungsmehrheit muss mit dem Gesetz einer "stillen Revolution" der Familienformen Rechnung getragen werden.

Die Opposition versuchte es im Parlament mit Obstruktion: Sie stellte 5000 Änderungsanträge. Die Justizministerin Taubira wurde mit ihrer frei gehaltenen und mit historischen und literarischen Anmerkungen gespickten Rede zum Star der Befürworter (s. Video und weiteres Video; gesamte Rede (45 Min.) und Text; Gegenrede H. Guainos: Die Regierung handele gegen das Naturgesetz).

Das Ausland wunderte sich über den polemischen Charakter der Debatte.

Die politischen Lager stimmten nach tage- und nächtelangen Sitzungen im Wesentlichen geschlossen ab ( 329 zu 229 Stimmen); s. die Regelungen im einzelnen. Der Senat befasste sich im April mit dem Gesetz hat ihm trotz einiger Unwägbarkeiten mit seiner linken Mehrheit bei möglichen kleineren Änderungen zugestimmt. Am 23.4. wurde es endgültig von der Assemblée nationale angenommen. Die Gegner planen eine weitere Großdemonstration und versuchten, mit einer Petition den Conseil économique, social et environnemental ( CESE) zu einer Stellungnahme zum Inhalt des Gesetzes zu bewegen; der CESE hat jedoch nur beratende Funktion, außerdem wies er die Petition ab. Eine von der Opposition geforderte spätere Abschaffung des Gesetzes und damit eine "Entheiratung" (le démariage) ist nicht möglich: Man kann ein einmal getrautes Paar von Staats wegen nicht "entheiraten", der Code civil verbietet rückwirkende Gesetze. Gleichwohl rief die Opposition den Verfassungsrat an. Am 17.5.2013 gaben die "Weisen" des Conseil constitutionnel endgültig grünes Licht für die Reform, wenn auch unter einem Vorbehalt (réserve): Es gebe kein "Recht aufs Kind", bei Adoptionen homosexueller Paare muss das Kindeswohl (l'intérêt de l'enfant) gewahrt sein. Derweil tut sich mit der "mariage homo" bereits eine sehr begehrte neue Marktlücke auf.

Hinweis: Das Scénario beinhaltet Dokumente bis März 2013. Es gab danach aber keine wesentlichen neuen inhaltlichen Gesichtspunkte.

Das Scénario

In unserem Scénario für die Kursstufe werden viele der oben angesprochenen Aspekte behandelt. Es ist nicht daran gedacht, es in voller Länge durchzuarbeiten; es bietet sich deshalb an, je nach Interesse der Lehrkraft und der Schülerinnen und Schüler Teile daraus zu machen. Den Kern bilden der Teil B. "étude des documents, Aufgabe I, 1-8 (etwa 6 Stunden) und die Mediations- und kreativen Aufgaben.

Die Einführung "Avant d'étudier les documents" soll, wenn von der Lehrkraft gewünscht, grundlegende Begriffe mit Hilfe von v. a. Wikipedia-Artikeln klären: Concubinage, PACS, Mariage und die verwandten Themen PMA und GPA (künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft). Ein Vergleich mit den deutschen Pendants liegt nahe. Diese Themen können aber auch weggelassen oder kursorisch von der Lehrkraft oder als Kurzreferat vorgestellt werden.

Der Teil B. "étude des documents" beginnt mit einer Analyse zweier Fotos. Sie kann schnell in eine Textproduktion münden, bei der einschlägiger Wortschatz sowie grundlegende Kenntnisse der Schülerinnen und Schüler mobilisiert werden können. Ein Einstieg in die jeweiligen Argumentationen und in Wertungen kann die Liste von Slogans (DOC) aus den Demonstrationen beider Seiten sein. Eine ausführliche Gegenüberstellung der kontroversen Argumente kann von einem Zeitungsartikel L. Joffrins ausgehen (Hinweis: Der Text ist sehr lang, deshalb ist eine arbeitsteilige Erarbeitung in vier Gruppen empfehlenswert). Die Auszüge aus Reden politischer Protagonisten, der Justizministerin Taubira (s. Hör-/Sehverstehensübung) und des UMP-Abgeordneten H. Guaino, können die Argumentation erweitern und die Stimmung in der Parlamentsdebatte analysieren helfen. Die Aufgaben 9-11 zu Umfragen und Stellungnahmen religiöser Instanzen können auch als Kurzreferate gemacht werden.

Dies gilt auch für den Teil "Comprendre l'évolution de la société" zum Wandel der Ehe im juristischen Sinn, zur Geschichte des Umgangs mit Homosexuellen in Frankreich und zur "Homoparentalité" (Familien mit homosexuellen Eltern). Die letzte Aufgabe dieses Blocks könnte sich an Schülerinnen und Schüler richten, die Spanisch als weitere romanische Sprache lernen.

Die Aufgaben zur Mediation (deutsche Ausgangstexte) können zu einem Vergleich der aktuellen Diskussion dieses Themas in Deutschland und Frankreich anregen.

Beispiele für kreative Aufgaben bilden den Abschluss des Scénarios.

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