Hier finden Sie Informationen zu den Bildungsplänen im Fach Geschichte, außerdem Unterrichtsmaterialien, Linksammlungen, Werkzeuge zur Eigenrecherche und Hinweise auf außerunterrichtliche Lernorte.

Interview Postkolonialismus

Aktuelle Probleme postkolonialer Räume in historischer Perspektive, wie es der Bildungsplan für die Kursstufe des allgemeinbildenden Gymnasiums in Baden-Württemberg für das Fach Geschichte nennt, sind gegenwärtig Inhalt eines ganzen Halbjahres in der Jahrgangsstufe 2. Auch die Bildungspläne des Beruflichen Gymnasiums berücksichtigen die Dekolonisierung (in Afrika) explizit im Unterricht für die Jahrgangsstufe 2 in Geschichte mit Gemeinschaftskunde.

Daneben widmen sich sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch eine Vielzahl von lokalen Initiativen der Erforschung und der damit einhergehenden Sichtbarmachung (post-)kolonialer Geschichte.

Dr. Heiko Wegmann initiierte bereits im Jahr 2005 Forschungs- und Bildungsprojekte in Freiburg im Breisgau. In einem Interview [zip; 0,1 MB] mit den Geschichtslehrenden Florian Hellberg und Nora Mussler sprach er über regionalgeschichtliche Potenziale und Chancen der Dekolonialisierung für den Geschichtsunterricht im Allgemeinen sowie über Debatten um den Dekolonialisierungsprozess in Freiburg im Breisgau im Speziellen:

Interview mit Dr. Heiko Wegmann (Historiker und Sozialwissenschaftler)

Herr Wegmann, Sie engagieren sich seit vielen Jahren bei freiburg-postkolonial. Erklären Sie, was es mit dem Projekt auf sich hat?

Es handelt sich um ein zivilgesellschaftliches Projekt, das gleichzeitig Forschungs- und Bildungsarbeit betreibt. Das Thema ist die deutsche Kolonialgeschichte im weiteren Sinne. Das heißt, dass es nicht nur um die vergleichsweise kurze Periode formeller deutscher Kolonialherrschaft geht, sondern auch um die Vorgeschichte, die Nachwirkungen und den weiteren Kontext. Dazu gehören zum Beispiel die Beteiligung Deutscher an Kolonialprojekten anderer Staaten oder die kolonialzeitlichen Wurzeln heutiger problematischer Vorstellungen. Wie der Name schon andeutet, liegt der Schwerpunkt in der Lokalgeschichte Freiburgs. Auf der Website finden sich ergänzend aber auch viele Aufsätze, Rezensionen und Hinweise, die nicht lokalspezifisch sind.

In den aktuellen Debatten finden sich unterschiedliche Begriffe wie Postkolonialismus, Dekolonisierung und Dekolonialismus. Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser Bezeichnungen?

Der Begriff Postkolonialismus verweist zunächst einmal zeitlich auf das, was auf den Kolonialismus folgte. Gemeint sind damit wirtschaftliche, politische und kulturelle Langzeitwirkungen nach dem Ende formeller Kolonialherrschaft. Der Begriff ist eher vage und das hat gleichzeitig Vor- und Nachteile. Als ich das Projekt freiburg-postkolonial Anfang 2005 gegründet habe, konnte in Deutschland kaum jemand etwas mit dem Begriff anfangen und mir schlug viel Unverständnis entgegen. Da es aber bereits einzelne Gruppen gab, die das „postkolonial“ im Namen hatten, etwa in Hamburg, habe ich das im Sinne eines Wiedererkennungs- und Vernetzungseffekts übernommen. Später entstanden in mehreren Wellen weitere lokale Initiativen, die sich „postkolonial“ nannten.

Dann gab es ca. 2017 einen Schwenk. Eine neue Gruppe bildete mit ihrem Namen „Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself“ praktisch das Bindeglied zu den folgenden Neugründungen, die öfter das „decolonize“ und somit aktives Handeln in den Vordergrund stellten. Die historischen Dekolonisierungsprozesse, also etwa das Abschütteln vieler Kolonialsysteme in Afrika in den 1960er Jahren, sollen in der heutigen postkolonialen Welt auf einer anderen Ebene weitergetrieben werden. So würde ich das interpretieren.

Die Initiativen in den verschiedenen Städten haben sich schon immer etwas unterschieden, was ihre Prioritäten angeht. Ich denke aber, dass mit dem Wandel der Bezeichnung von post- zu dekolonial insgesamt eine gewisse Verschiebung des Schwerpunktes von historischer Forschung hin zu handlungsorientierten Ansätzen im Sinne von Critical Whiteness-Ansätzen verbunden ist. Die Forderung nach Dekolonisierung von Institutionen ist so tendenziell weniger an die konkrete Kolonialgeschichte gebunden, sondern mehr an allgemeine antirassistische Auseinandersetzungen. Insofern tritt neben das Ethnologische Museum mit seinen kolonialzeitlichen Sammlungen zum Beispiel die Schule.

Worin sehen Sie besonders das Potential, sich regionalgeschichtlich mit aktuellen Themen der Dekolonisierung auseinanderzusetzen?

Die Kolonialgeschichte und die vielen damit zusammenhängenden Aspekte sind allgemein lange verdrängt worden zugunsten einer opportunen Erzählung, „wir“ hätten mit dem Kolonialismus praktisch kaum etwas zu tun gehabt. Dies gilt umso mehr im lokalen und regionalen Kontext, in dem sie bislang oft kaum aufgearbeitet ist. Meiner Erfahrung nach lässt sich diese globale Beziehungsgeschichte aber auch hier sichtbar machen.

Und es macht gerade in der Bildungsarbeit einen Unterschied, ob ich Zusammenhänge, die allgemein vielleicht mehr oder weniger bekannt sind, auch konkret vor Ort nachweisen kann oder nicht (das gilt natürlich auch bei anderen Themen). Viele Bürgerinnen und Bürger – und insbesondere auch Schülerinnen und Schüler – haben zwar schon einmal davon gehört, dass auch Deutschland Kolonialmacht war. Sie haben aber meistens eine recht ungenaue Vorstellung davon. Ihnen die vielfältigen Bezüge allein schon des Ortes, an dem sie leben, vorzustellen, hat einen „Aha-Effekt“. Das Interesse, sich mit Kolonialismus zu befassen, steigt einfach, wenn man weiß, dass das auch etwas mit dem eigenen Ort zu tun hat.

Mein Blick auf Städte hat sich ziemlich geändert: Wenn ich mich durch Freiburg, Stuttgart, Karlsruhe oder auch kleinere Orte bewege, mache ich mir die dortigen kolonialen Biografien, Ereignisse, Sammlungen, Veranstaltungs- und Erinnerungsorte bewusst. Entsprechend kann ich das auch bei Stadtführungen weitergeben.

Oft ist das Koloniale nicht mehr sichtbar im öffentlichen Raum, aber es ist schon etwas Besonderes, an Orte zu gehen und Geschichte im übertragenen Sinne „greifbar“ zu machen: In einer Festhalle, vor der ich stehe, fand noch mitten während der NS-Zeit eine große kolonialrevisionistische Ausstellung statt. Jenes Haus, das noch bis vor kurzem an einer zentralen Verkehrsachse stand, wurde von einer Person erbaut, die das Geld als Aufseher auf holländischen Sklavenplantagen verdient hat. Deutschland gab es da noch gar nicht als Staat. Oder aus dieser Kaserne heraus meldeten sich Offiziere und Soldaten freiwillig für den Kolonialdienst. Solche Informationen stellen eine wichtige ergänzende Verbindung zu Schulbuchwissen dar.

In postkolonialer Hinsicht geht es gleichwohl nicht nur um Geschichte, sondern auch um den Umgang mit ihr, also die Erinnerungspolitik, sowie um die aus der Geschichte zu ziehenden Konsequenzen.

Was ist das Spezifische an den Debatten um den Dekolonisierungsprozess in Freiburg?

In verschiedenen deutschen Städten hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mal Ansätze gegeben, Kolonialgeschichte zu thematisieren. Oft kreisten Debatten um Straßennamen oder Denkmäler, also im öffentlichen Raum sichtbare Zeichen. Tiefer und langfristiger war die Auseinandersetzung in großen Hafenstädten wie Hamburg und Bremen, die ja ganz leicht ersichtlich eine größere Rolle gespielt hatten bzw. noch heute eine zentrale Rolle im Welthandel spielen.

Das besondere an Freiburg ist dagegen, dass es in dieser Hinsicht auf den ersten Blick tiefste Provinz, fern ab von Häfen, Industrie sowie politischen Entscheidungszentren gelegen war und ist. Zudem wurde die koloniale Benennung einer ganzen Reihe von Straßen, die während der NS-Zeit immerhin geplant war, schließlich nicht mehr umgesetzt. Umso spannender ist, was sich hier trotzdem alles herausfinden lässt. Und das hat zum Teil beispielhafte Bedeutung für die Forschungspotenziale auch in vielen anderen Städten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Spezifika. Zu letzteren zählt die Rolle als Universitätsstadt. Universitätsangehörige haben Kolonial- und „Rassen“-Forschung betrieben und bis heute befassen wir uns mit diesem schwierigen Erbe, etwa in Gestalt der kolonialen Anteile der anthropologischen Alexander-Ecker-Sammlung. Professoren haben sich hier auch sehr aktiv ‚zivilgesellschaftlich’ in Kolonialvereinen betätigt.

Die Aufarbeitung und Dekolonisierung ist eine sehr unbequeme, umstrittene, mit vielen Widerständen verbundene und deshalb langwierige Angelegenheit, für die oft auch kaum Ressourcen zur Verfügung gestellt wurden. Die derzeitige Situation, dass es in den Medien regelmäßig Debatten um Raubgut und Restitution gibt, dass Kolonialgeschichte an den Unis eine zunehmende Rolle spielt, und dass Stiftungen Provenienzforschung und Projekte zum Thema fördern, ist relativ neu. Früher hat man bei der Thematisierung vor allem Unverständnis geerntet.

Es hat in Freiburg jedoch schon einige Jahre vor meinem Projekt Ansätze zur Aufarbeitung gegeben, die aber nicht verstetigt und teilweise wieder ‚vergessen‘ wurden. Das informationszentrum 3. welt e.V. (iz3w) war Anfang der 1990er Jahre ein bundesweit wichtiger Knotenpunkt einer Kampagne zum Thema 500 Jahre Kolonialismus in Lateinamerika. In diesem Zusammenhang wurde auch eine Ausstellung erstellt, die Freiburgs Rolle in den Blick nahm. Neben aktuellen Themen wie Flüchtlingspolitik und Handels- und Produktionsbedingungen von Südfrüchten wurden lokale historische Bezüge hergestellt und in scharfen Tönen angeprangert. Dabei wurden auch spezifische Bezüge zum deutschen Kolonialismus thematisiert. So wurde etwa die Stifter-Ehrentafel im Eingang des städtischen Museums für Natur- und Völkerkunde angesprochen und die Restitution von geraubten Kulturgütern gefordert. Das heutige Museum Natur und Mensch publizierte 1995 tatsächlich anlässlich seines 100-jährigen Bestehens mehrere Aufsätze, die auf ersten kritischen Bestandsaufnahmen beruhten. In den vergangenen Jahren wurden die Erschließung der ethnologischen Sammlungen und die Provenienzforschung vor dem Hintergrund einer wesentlich breiteren gesellschaftlichen Debatte nun deutlich ausgebaut. Von der Kritik in der Ausstellung 1992, die aber möglicherweise auch schon viel früher geäußert wurde, bis zur Kontextualisierung der Stiftertafel 2015 durch eine Medienstation brauchte es 23 Jahre und viele Zwischenschritte.

Die Forderung an das Museum nach einem kritischen Umgang mit der Stiftertafel war auch von Beginn an ein Thema für mich im Rahmen von freiburg-postkolonial. Das Ziel des Projektes war und ist dabei, sich nicht auf temporäre Debatten oder Interventionen zu beschränken, sondern durch Forschung und Bildungsarbeit Grundlagen für einen stetigen Prozess zu schaffen bzw. zu diesem beizutragen. Dazu war viel ehrenamtliches Engagement über Jahre nötig, aber es konnte schließlich auch einiges erreicht werden, das zudem über Freiburg hinaus ausstrahlt. So regten die Aktivitäten und vor allem die Website Projekte in anderen Städten mit an. Die Stadtverwaltung finanzierte schließlich eine Lokalstudie, die Anfang 2019 erschien und die Vorbild für weitere Studien oder Projekte im Auftrag anderer Städte ist. Und die städtischen Museen haben 2022/23 eine aufwändige Sonderausstellung im Augustinermuseum gezeigt, die das Thema in viel breitere Schichten und insbesondere auch die Schulen getragen hat, die sich sonst nicht damit befasst hätten. Es erschien zudem ein umfangreicher Katalog. […] 

Sie haben sich wissenschaftlich besonders mit dem Offizier und Veteranenführer Max Knecht befasst. Was könnten Schülerinnen und Schüler an diesem biografischen Fallbeispiel über die Geschichte von Kolonialismus und Dekolonialismus lernen?

Am Beispiel der Biografie von Max Knecht kann man vieles lernen über zeitgenössische koloniale Weltbilder und die Praxis in der Kolonie wie in der Heimat. Das reicht von Formen direkter und indirekter Herrschaft über einen der größten deutschen Kolonialkriege (den Maji-Maji-Krieg in Ostafrika, der in der deutschen Öffentlichkeit aber kaum bekannt ist) bis hin zum kolonialpolitischen und -revisionistischen Vereinswesen in Freiburg. Hier ist es spannend zu erkennen, wie vernetzt das alles war. Der ehemaliger Kolonialoffizier Knecht verbreitete die koloniale Ideologie nicht nur privat, sondern als Multifunktionär z.B. auch als Kommunalpolitiker, Gründungsmitglied der Geographischen Gesellschaft und Führer des Badischen Kriegerbundes, der etwa 100.000 Mitglieder hatte. Er tat dies auf eine Art recht erfolgreich gerade während der NS-Zeit, wenn auch wenn sein eigentliches Ziel, die Wiederinbesitznahme von Kolonien durch Deutschland, nicht realisiert wurde.

In den Medien hört man immer öfter den Begriff des kolonialen Erbes. Was ist damit gemeint?

Das koloniale Erbe hat verschiedene Komponenten. Das reicht von ethnologischen und anthropologischen Sammlungen über Denkmäler und Straßennamen bis hin zu Denk- und Sprechweisen und natürlich kolonialzeitlich gewachsenen weltwirtschaftlichen Strukturen. Wir sind auch verbunden etwa mit der Landverteilung in Namibia, deren Weichen die deutsche Kolonialverwaltung zum Teil schon im Zuge des Genozids an Herero und Nama gestellt hat.

Warum wird gerade der Umgang mit dem kolonialen Erbe gegenwärtig so kontrovers in der Öffentlichkeit und den Medien diskutiert?

Das ist eine sehr komplexe Frage, weil sich die Debatte über den Umgang auf vielen verschiedenen Ebenen oder Feldern bewegt. Zunächst einmal ist es ein Fortschritt der letzten Jahre, dass es überhaupt so viele Debatten gibt, bzw. dass diese auch öffentlich geführt werden (mittlerweile wissen wir ja, dass es auch schon vor Jahrzehnten Restitutionsforderungen gegeben hat, die aber erfolgreich abgewürgt wurden, um es plastisch auszudrücken).

Dann gibt es im Einzelnen viele strittige Punkte. Da ist etwa die Frage, wer bei Restitutionsprozessen einbezogen oder aber ausgeschlossen wird, oder ob und ggf. an wen Entschädigungen zu zahlen wären. Welche Rolle spielen hier staatliche, städtische oder auch private Institutionen einerseits, Zivilgesellschaft und betroffene Communities andererseits? Wie definiert man genau einen Unrechtskontext bei der Erwerbung und woher zieht man die Belege? An wen wird überhaupt restituiert: Staaten, die in der Form erst durch den Kolonialismus geschaffen wurden, oder Herkunftsgemeinschaften, die aber auch nicht mehr dieselben wie früher sind? Diese Klärungsprozesse sind absolut nötig, aber auch mit vielen Konflikten behaftet, die man nicht umgehen kann.

Dann gibt es z.B. Auseinandersetzungen darüber, welche Haltungen und Begriffe (kolonial-)rassistisch sind und wessen Ansichten und Erfahrungen zählen oder ausgeklammert werden. Mein Eindruck ist, dass es kritische Töne heute deutlich besser schaffen, sich Gehör zu verschaffen, dass es aber auch massive Gegenbewegungen gibt, die sich keine Reflektion ‚aufzwingen‘ lassen wollen.

Welche Möglichkeiten gibt es Ihrerseits beim Umgang mit dem kolonialen Erbe wie z. B. koloniale Straßennamen?

Straßennamen (und Denkmäler) sind ein klassischer Fall für die Auseinandersetzungen über den richtigen Umgang. Anwohnerinnen und Anwohner laufen regelmäßig Sturm gegen Umbenennungen. Doch will man heute noch Kolonialisten oder Versklavungshändler ehren, deren Namen zudem oft während der NS-Herrschaft auf die Schilder gehoben wurden, die aber bei der Entnazifizierung meist als unproblematisch angesehen wurden? Wie groß muss der Grad der Belastung sein, dass eine Umbenennung hermuss, wann reicht eine Erläuterung oder Kommentierung des Schildes? Wo fängt man also an, wo hört man auf? Im Falle einer Umbenennung: Greift der neue Name die Problematik des kritisch Kolonialismus auf oder wird dieser einfach ausgeblendet, um weitere Debatten zu vermeiden?

Das sind alles Fragen, die ausgehandelt werden müssen. Das kulturelle Erbe (auch mit allen seinen Belastungen aus heutiger Sicht) zu bewahren, heißt nicht, nach Ausreden zu suchen, grundsätzlich einfach immer alles beim Alten zu belassen. Auch die heutige Gesellschaft hat das Recht, ihre Umwelt zu gestalten. Oft gibt es den Vorwurf der „Auslöschung von Geschichte“ aus dem öffentlichen Raum, die zudem auch im Sinne der ‚Umbenenner‘ kontraproduktiv sei. Die Vorstellung des Denkmalstürzers wird da geradezu zum Hassbild. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten. Beispielhaft ist hier einerseits die Umbenennung der Leutweinstraße in Stuttgart-Obertürkheim in Am Weinberg im Jahr 2008 – keine Ehrung mehr, aber auch das Thema verdrängt. Andererseits kann man es aber wie im Berliner Ortsteil Wedding machen, wo der Nachtigalplatz im „Afrikanischen Viertel“ in Manga-Bell-Platz umbenannt wurde. Ich befürworte selbstverständlich letzteres.

In einigen Ausstellungen in Museen werden Bilder, vor allem Fotografien, als Quellen des Kolonialismus bewusst nicht mehr gezeigt. Warum ist dem so? Halten Sie dies für einen gelungen Umgang mit kolonialen Bilderwelten?

Fotografien haftet in der Regel etwas Authentisches an, auch wenn sich das in den nächsten Jahren durch die Verbreitung KI-generierter Bilder vermutlich etwas verändern wird. Gerade in koloniale Fotografien sind aber oft verschiedene Inszenierungs- und Machtebenen eingeschrieben, die dem breiten Publikum nicht bewusst sind. Museen suchen deshalb, nach Wegen, diese nicht eins zu eins zu reproduzieren und noch tiefer in unser heutiges (Unter-)Bewusstsein einzubrennen. Das kann auf unterschiedliche Weise geschehen, Fotos explizit gar nicht zu zeigen, ist nur eine Option.

Dies machen sie nicht zuletzt auch aufgrund etwa von Kritik von afrodeutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Aktivistinnen und Aktivisten, die schließlich auch ins Museum gehen, und dort nicht ungebrochen erniedrigende Fotos sehen wollen. Bei einem anderen Teil des Publikums ruft das aber Protest hervor, weil man sich plötzlich bevormundet fühlt. Ein weiteres Argument ist, dass man um historische Sachverhalte nicht nur drumherum reden kann, wenn man sie verstehen will. Entsprechend müsse man auch Bilder sehen können, die z. B. explizit Gewalt darstellen. Das ist einerseits richtig, man muss aber auch den gesamten Kontext (handelt es sich etwa um eine Fachkonferenz oder um eine Massenausstellung) und die Art der Inszenierung berücksichtigen. Stellt man nur Fotos aus, die Afrikanerinnen und Afrikaner aus der Perspektive von Kolonialisten verschiedener Ausprägung als passive ethnografische Objekte oder quasi als Souvenirs präsentieren und ein „Othering“ betreiben, oder werden ganz andere Fotos ausgewählt? Alles ist irgendwie Inszenierung, das muss man sich bewusst machen. 


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