27.05.2024 neu
27.05.2024 Wege in die Moderne

Hier finden Sie Informationen zu den Bildungsplänen im Fach Geschichte, außerdem Unterrichtsmaterialien, Linksammlungen, Werkzeuge zur Eigenrecherche und Hinweise auf außerunterrichtliche Lernorte.

Eine Münze für die Kaisermutter – „Frauen in der Kaiserdynastie“

Warum es sich lohnt, Münzabbildungen im Anfangsunterricht einzusetzen

Münzen können als authentische, anschauliche Objekte besser als mancher Text Begeisterung für Geschichte wecken. Für die Antike liefern Münzen vielfach die einzigen zeitgenössischen Abbildungen und sind eine anschauliche Ergänzung zum häufig textlastigen Unterricht.

Um eine Münzabbildung gewinnbringend im Unterricht einzusetzen, ist dabei kein Spezialistenwissen erforderlich. Im Gegenteil erleichtern die bestehenden Präkonzepte der Schülerinnen und Schüler den Zugang zur Quellengattung: Eine Münze wird von Schülerinnen und Schülern problemlos als solche identifiziert. Jede und jeder hat Münzgeld bereits einmal in der Hand gehabt. Die Hauptfunktion des Objekts als Zahlungsmittel hat sich über die Jahrtausende hinweg nicht geändert. Schülerinnen und Schüler bringen häufig als Vorerwartung bereits mit, dass die Bilder und Texte auf den Münzen eine Bedeutung haben und können somit Hypothesen zur Auswertung antiker Münztypen bilden.

Die hier vorgeschlagenen Aufgaben sollen die Schülerinnen und Schüler dabei anleiten, die dynastische Bedeutung der Frauen am Kaiserhof – und damit die große Bedeutung der Blutsverwandtschaft für die Herrschaftslegitimation der römischen Kaiser – anhand eines Münztyps für die Mutter Caligulas und eines Stammbaums zu untersuchen (3.1.3 Griechisch-römische Antike – Zusammenleben in der Polis und im Imperium (4) die politische Herrschaft im Imperium Romanum analysieren).

 

Vorderseite (Avers) einer Bronzemünze (Sesterz) mit einer drapierten Büste der Agrippina (Maior) nach rechts, die in Rom 37-41 n. Chr geprägt wurde. Die Münze hat ein Gewicht von 26,70 g, einen Durchmesser von 35,5 mm und eine Stempelstellung von 7 Uhr. Die Umschrift (Legende) lautet AGRIPPINA M F MAT C CAESARIS AVGVSTI.

 

Der Quellenwert römischer Münzen

Anders als bei heutigen Euromünzen änderten sich die Motive und Texte auf den Münzen der römischen Kaiser sehr häufig. Mit jeder neuen Prägereihe wurden die Titel, Ämter und Siegesnamen der Kaiser aktualisiert. Besonders die Rückseiten (= Reverse) der Münztypen sind für die historische Forschung interessant. Sie zeigen verschiedene Motive, welche die Herrschaft des jeweiligen Kaisers in positivem Licht darstellen sollten und geben somit darüber Auskunft, wie die Alleinherrschaft der römischen Kaiser legitimiert wurde: Göttliche Unterstützung, militärische Erfolge, große Bauprojekte oder auch alltäglichere Dinge, wie die Sorge des Kaisers um die Getreideversorgung, wurden auf Münzen abgebildet. Darüber hinaus wurden immer wieder auch Portraits lebender oder verstorbener Familienangehöriger der Kaiser auf Münzen gezeigt – auch ihrer weiblichen Verwandten.

Münzen als Quelle für die Bedeutung der Frauen in der Kaiserfamilie

Ein kleiner Exkurs zur Quellengattung „Münze“ lässt sich nutzen, um antike Frauen im Geschichtsunterricht in Erscheinung treten zu lassen. Abgesehen davon, dass Frauen in der Antike von weiten Teilen des gesellschaftlich-politischen Lebens ausgeschlossen blieben und äußerst selten einmal politischen Einfluss geltend machen konnten, lässt sich für einzelne weibliche Persönlichkeiten ein erheblicher Einfluss am Kaiserhof rekonstruieren. Dieser mündete in einer meist unschmeichelhaften Darstellung bei den antiken Autoren wie Tacitus und Sueton – insbesondere dann, wenn, wie im Fall von Claudius’ Gattin Messalina oder Neros Mutter Agrippina der Jüngeren, die Herrschaft des jeweiligen Kaisers posthum als negativ dargestellt wurde. Die „Frauenmünzen“ liefern zwar kaum biographische Details, aber authentische und unvoreingenommene Informationen über die Stellung der Frauen bei der Vermittlung kaiserlicher Macht.

Auf den Münzen der Kaiser wurden ihre Ehefrauen, Schwestern und Mütter vor allem dann abgebildet, wenn sie die dynastische Legitimation des Herrschers unterstreichen konnten. Im ersten Jahrhundert spielte die Blutsverbindung zu Augustus eine bedeutende Rolle. So lässt sich erklären, warum Claudius’ Mutter Antonia, der Tochter von Augustus’ Halbschwester Octavia, mehrfach in der Herrschaftsrepräsentation ihres Sohnes auftritt (Claudius konnte sich väterlicherseits lediglich auf einen Stiefsohn des ersten Kaisers zurückführen) oder warum insbesondere Agrippina die Jüngere, Urenkelin des Augustus über dessen Tochter Julia, sowohl unter ihrem Ehemann Claudius als auch ihrem Sohn Nero häufig auf Münzen abgebildet wurde. Noch bei der Nachfolgedynastie, den Flaviern, spielte lediglich die Ehefrau Kaiser Domitians eine prominentere Rolle auf Münzen – denn jene Domitia Longina stammte, wenn auch nun schon über fünf Generationen, in direkter, weiblicher Linie von Augustus’ Tochter Julia ab (AB 2).

 

Rückseite (Revers) einer Bronzemünze (Sesterz) mit einem zweirädrigen Wagen (carpentum), der von zwei Pferden nach links gezogen wird. Die Umschrift (Legende) lautet S P Q R / MEMORIAE / AGRIPPINAE.

 

Ein Sesterz für Agrippina die Ältere im Unterricht

Die hier für den Einsatz im Unterricht ausgewählte Münzabbildung (AB 1) zeigt einen unter Caligula geprägten Sesterz mit dem Portrait seiner Mutter Agrippina. Anders als sein Vorgänger Tiberius, der Sohn von Augustus Ehefrau Livia aus früherer Ehe, war Caligula über seine Mutter leiblich mit dem ersten Princeps Augustus verwandt: Seine Großmutter war Augustus’ Tochter Julia. Diesen legitimatorischen Vorteil kommunizierte der neue Kaiser sehr deutlich, sicherlich auch weil noch ein Enkel des Tiberius und damit ein potenzieller Konkurrent zum Herrschaftsantritt lebte. Caligula ließ die Asche seiner im Exil den Hungertod gestorbenen Mutter Agrippina ehrenvoll nach Rom zurückbringen und demonstrierte nicht zuletzt mit der hier besprochenen Sesterzprägung die gesellschaftliche Rehabilitation seiner Familie.

Der Revers zeigt ein carpentum, einen zweispännigen, überdachten Wagen. Da in Rom grundsätzlich tagsüber ein Fahrverbot für sämtliche Wagen galt, war die Benutzung eines carpentum ausschließlich besonderen Würdenträgern oder den vestalischen Jungfrauen vorbehalten. Die Verleihung des Rechts auf Benutzung des Wagens hob den hohen Status der Frauen der Kaiserfamilie hervor. Ein ähnliches Motiv mit carpentum war bereits unter Tiberius für seine Mutter Livia geprägt worden (RIC I² 51), die auf der Münze als Iulia Augusta mit dem Namen und Titel benannt wurde, den sie mit dem Testament des Augustus durch Adoption in die julisch-claudische Familie erhalten hatte, um die Legitimation ihres Sohnes Tiberius als Nachfolger zu stärken.

Einsatzmöglichkeit im Unterricht

Die Bedeutung dieses besonderen Rückseitenmotivs sollte, von der Lehrkraft gestützt, erklärt werden, während sich die Schülerinnen und Schüler nach dem Einstieg (Aufgabe 1) auf das leichter zugängliche Portrait samt Umschrift auf der Münzvorderseite konzentrieren. Nachdem durch die Übersetzung der Vorderseitenlegende der Münze (M 1 und M 2) geklärt ist, um wen es sich handelt, soll Agrippina die Ältere in einem zweiten Schritt in den Stammbaum der julisch-claudischen Familie (M 3) eingeordnet werden. Anhand der gewonnenen Erkenntnisse können die Schülerinnen und Schüler erklären, warum die Mutter Caligulas dem Kaiser dabei half, seine Herrschaft zu legitimieren, und dies gegebenenfalls auch auf weitere weibliche Mitglieder der Familie übertragen. So geht der Lernertrag darüber hinaus, dass Frauen am Kaiserhof irgendeine Rolle spielten, weil sie auf Münzen auftauchten – sondern umfasst auch, dass die Position der Frauen maßgeblich durch ihre jeweilige dynastische Funktion bestimmt war und an die Herrschaft ihrer männlichen Verwandten gekoppelt blieb.

Literatur

Alexandridis, Annetta, Die Frauen des Römischen Kaiserhauses. Eine Untersuchung ihrer bildlichen Darstellung von Livia bis Iulia Domna, Mainz 2004.

Späth, Thomas, „Frauenmacht“ in der frühen römischen Kaiserzeit? Ein kritischer Blick auf die historische Konstruktion der „Kaiserfrauen“, in: Maria H. Dettenhofer (Hrsg.), Reine Männersache? Frauen in Männerdomänen der antiken Welt, München 1996, 159–205.

Wood, Susan, Agrippina the Elder in Julia-Claudian Art and Propaganda, in: AJA 92,3 (1988), 409–426.

Links

Digitales Münzkabinett der Universität Mannheim 

Numismatische E-learning-Plattform des Numismatischen Verbundes Baden-Württemberg

Numismatischer Verbund Baden-Württemberg

alle Links zuletzt aufgerufen am 09.10.2021.

 


Ausdrücklicher und großer Dank gilt Mareile große Beilage für die Mithilfe bei der Erstellung dieses Moduls.

 


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