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Lehrjahre der Demokratie: Die Anfänge der Wahlen in Deutschland

Als Vincenz Speckbacker am Wahlmorgen im Jahr 1871 mit dem Stimmzettel in der Hand am Schulhaus in Sachrang eintraf und es verlassen vorfand, beklagte er sich bitterlich, dass er den ganzen Tag verloren hätte, um zu den Wahlen zu kommen, und nicht hatte wählen können. Der Lehrer Johannes Eberle, der mit seinen 24 Jahren bereits eine wichtige Persönlichkeit im Dorf war, hatte nämlich das Schulgebäude abgeschlossen und sich ins Wirtshaus zurückgezogen, wo seine Kollegen vom Wahlvorstand bereits tagten. Erst wenn eine genügende Anzahl von Wählern im Wirtshaus versammelt war - oder, wie manche Leute behaupteten, nur wenn es Eberle gefiel -, brachte er sie truppweise zum Schulhaus, damit sie ihre Stimmzettel in die Urne stecken konnten. Obwohl das Gesetz vorsah, dass mindestens drei Mitglieder des Wahlvorstandes zu jeder Zeit an den Wahlurnen anwesend sein sollten, bemühte sich keiner der Kollegen des Lehrers hinüber.

Im Gegensatz zum Gütler Speckbacker und einigen anderen jedoch schienen die meisten dieser oberbayerischen Dörfler damit einverstanden zu sein, den Wahltag im Wirtshaus zu verbringen, ohne Rücksicht darauf, ob oder wann sie wählen durften. Die Atmosphäre heizte sich auf, während der energische Eberle die Kundschaft bearbeitete, um sie dazu zu bringen, seinen eigenen Kandidaten zu unterstützen, den Posthalter Pachmayr – einen Nationalliberalen. Der Lehrer nutzte seine kurzen Ausflüge ins Schulhaus, um die Wahlurne zu durchsuchen. Er zählte laufend mit und teilte das Ergebnis von Zeit zu Zeit allen interessierten Zuhörern mit. Die Menge, die für Pachmayr gestimmt hatte, nutzte die frühe Führung Ihres Kandidaten, um Druck auf die anderen auszuüben, sich ihr anzuschließen. Wann immer ein neuer Wähler die Schwelle überquerte, rief die Wirtin, Elisabeth Neumayer ihm zu: »Wählt nur den Pachmayr, Obermeier hat bis jetzt nur zwölf Stimmen.«

Der junge Eberle legte seine Befugnisse im Wahlvorstand sehr weit aus. Dies geht aus seinem Umgang mit zwei beurlaubten Soldaten hervor, Georg Passinger und Johannes Angerer. Beide waren an dem Morgen von den Wahlen ausgeschlossen worden, der erste, weil er noch nicht volljährig war, der zweite, weil er nicht auf der Wahlliste stand. Die zwei äußerten ihre Unzufriedenheit im Laufe des Tages immer wieder durch laute Beschwerden, wobei sie heftig dem Alkohol zusprachen. Zu ihnen gesellte sich Benno Oberhorner, ein Gütler, dessen Name auch auf der Liste fehlte. »Ich begab mich dann in das Gasthaus und hielt mich darüber auf, dass ich zur Wahl nicht zugelassen wurde«, berichtete er. Später am Nachmittag sprach Lehrer Eberle die Soldaten an, gab ihnen Stimmzettel für den Liberalen und ließ sie wissen, da mehrere Wähler nicht gekommen seien, könnten sie an ihrer Stelle wählen. Als Oberhorner zur Toilette ging, traf er auf einen Grenzpolizisten, der ihm einen Stimmzettel gab, auf dem ebenfalls der Name des liberalen Kandidaten eingetragen war. Der Grenzpolizist schlug vor, es noch einmal zu versuchen - dieses Mal werde er sicher vorgelassen. So begaben sich die drei zur Wahlurne, und tatsächlich wurden ihre Stimmzettel widerspruchslos angenommen.

Als er später dazu befragt wurde, gab der Wahlvorsteher von Sachrang, Bürgermeister Anton Daxer, ein Bauer mittleren Alters, die Verstöße zu. Außer dass er Unbefugte hatte wählen lassen, war er so dumm gewesen, eine Reihe von absolut wahlberechtigten Bürgern abzuweisen, weil er »immer der Ansicht« gewesen sei, dass nur Hausbesitzer wählen dürften. »Ich sehe ein, dass ich bei dieser Wahl Fehler gemacht habe und der Lehrer zu viel gelten ließ«, schloss er reuevoll. »Ich glaubte eben, dass der Lehrer die Sache besser verstehe als ich.«' Daxer war nicht der einzige Dorfbürgermeister, der sich durch seine Unsicherheit hinsichtlich Formalitäten und Verfahrensfragen praktisch in die Hände des Lehrers begab.


(aus: M.L. Anderson: Lehrjahre der Demokratie, Übersetzung aus d. Englischen v. S. Hirschfeld, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2009, S. 66/67.)


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