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Station 4: Verräter oder Helden? Vom Umgang mit Tätern und Widerständigen

Die „Spandauer Tagebücher“ von Albert Speer (1975)

„Ich hätte wissen können, wenn ich hätte wissen wollen.“ (Albert Speer)

Albert Speer, Hitlers Architekt, Generalbauinspektor und Rüstungsminister, schaffte es erfolgreich, Richter, die Öffentlichkeit, ja seine eigene Familie zu täuschen und stilisierte sich selbst zum unwissenden Opfer des bösen Verführers Adolf Hitler, ja sogar zu seinem zum Attentat bereiten Gegner. Während der Nürnberger Prozesse inszenierte er sich als unpolitischen Technokraten und einsichtigen Zeitzeugen, der von Vernichtungslagern und dem Judenmord nichts gewusst habe. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Obwohl unzählige Dokumente das Gegenteil beweisen, blieb Speer sein Leben lang bei seiner Version und räumte allenfalls den Fehler ein, „nicht nachgefragt zu haben“, als ihm „schlimme Gerüchte aus dem Osten“ zu Ohren gekommen seien. Für viele Zeitgenossen Albert Speers in der bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte bot die Lebenslüge des Hitler-Vertrauten die Chance, die eigene Verantwortung zu relativieren. Wenn schon der Rüstungsminister der Nazis nichts vom Massenmord an Juden, Sinti und Roma wusste, dann musste das doch auf fast alle Deutschen zutreffen. Mit seinen hunderttausendfach verkauften Büchern „Erinnerungen“ und „Spandauer Tagebücher“ wurde er zum Millionär und Medienstar. Er diente als willkommene Blaupause für ein ganzes Volk, das „davon nichts gewusst“ haben wollte.

Johann Georg Elser

Johann Georg Elser wird 1903 in einfachen Verhältnissen in Königsbronn bei Heidenheim geboren. Zeit seines Lebens übt er mehrere handwerkliche Berufe aus. Spätestens seit Ende 1936 reift in Elser die Erkenntnis, dass der drohende Krieg nur durch eine Beseitigung des obersten Führungszirkels der NS-Diktatur verhindert werden kann. Als Ort für sein Attentat wählt er den Bürgerbräukeller in München. Hier hält die Führungsspitze der NSDAP jährlich eine Feier ab. Die versteckte Bombe detoniert wie geplant, allerdings hat Hitler den Saal schon 13 Minuten früher verlassen und wird nicht getroffen. Elser wird verhaftet und 1945 im KZ Dachau ermordet. Nach 1945 findet Elser bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zunächst keine Anerkennung.

Deutsche Sonderbriefmarke zum 100. Geburtstag von Georg Elser aus dem Jahr 2003

 

Es kursieren zwei Theorien über Elser. Einerseits die vom NS-Regime propagierte Geschichte, dass das Attentat von der Britischen Regierung geplant worden sei, andererseits das Gerücht, Elser sei selbst Nazi und das Attentat inszeniert gewesen. Erst als 1970 das Verhörprotokoll gefunden wird, das als einziges schriftliches Dokument Rückschlüsse auf Elsers Person zulässt, beginnt der Weg der Rehabilitation Elsers. Besonders in Elsers Heimatdorf Königsbronn ist er lange Zeit eine Persona non grata. Mit Hilfe des 1980 gegründeten Georg-Elser-Arbeitskreises und der 1998 eröffneten Gedenkstätte wurde innerhalb von 20 Jahren das Vermächtnis von 50 Jahren Schweigen aufgearbeitet.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wird als Sohn einer Adelsfamilie geboren. In der Wehrmacht steigt er im Generalstab bis zum Oberst auf. Anfangs fühlt sich Stauffenberg durch seinen Treueeid an Hitler gebunden, erst 1943 sucht er die Gesellschaft von Hitler-Gegnern. Ihr Ziel ist es, das Regime zu beseitigen, den Krieg zu beenden, die Judenverfolgung zu stoppen sowie den Rechtsstaat von 1932 wiederherzustellen; nicht aber die Demokratie. Als „Operation Walküre“ bezeichnen Stauffenberg und seine Mitstreiter das geplante Attentat auf Hitler und die anschließende Bildung einer militärischen Übergangsregierung. Stauffenberg ist der einzige, der Zugang zu Hitler hat. Bei einer Lagebesprechung am 20. Juli 1944 platziert er eine Bombe unter dem Kartentisch. Die Bombe detoniert, aber Hitler überlebt. Der Umsturzversuch scheitert, Stauffenberg wird noch am selben Tag gefasst und erschossen. Insgesamt fallen mehr als 200 Menschen den NS-Schergen zum Opfer.

Büste von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Frank Mehnert (1930)

 

Vom NS-Regime als Verräter und Eidbrecher gebrandmarkt, wird Stauffenberg ab 1946 in den Medien und Gedenkreden immer häufiger als Held und Vorbild präsentiert. 1952 werden die Widerstandskämpfer des 20. Juli im Remer-Prozess auf Betreiben des Hessischen  Generalstaatsanwalts Fritz Bauer offiziell rehabilitiert. Trotz alledem werden Stauffenberg und viele weitere Widerstandskämpfer in Westdeutschland bis in die 1960er Jahre von vielen als Vaterlandsverräter angesehen. Da das Thema Widerstand die deutsche Nachkriegsgesellschaft stark polarisierte, bezog keine der größeren Parteien deutlich Stellung, was eine politische Auseinandersetzung mit dem Thema erschwerte.


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