Buchtipps, Methoden, Konzepte und Projekte rund ums Lesen und Vorlesen bietet der Ideenpool Lesen gegliedert für alle Schularten und auch für den Elementarbereich.

Bücher des Monats September 2016

Rob Scotton: Kater Kamillo kommt in die Schule ( ab 4 - 5 Jahren)

Robert M. Sonntag (Martin Schäuble): Die Scanner (ab 12 Jahren)

Elisabetz Etz: Alles nach Plan (ab 14 Jahren)

Sarah Crossan: Eins (ab 14 Jahren)


Rob Scotton: Kater Kamillo kommt in die Schule

Originaltitel: Splat the cat
Übersetzung vonSylvia Tress

Verlag: Esslinger Verlag 2016
llustrator: Rob Scotton
ISBN - 10: 3480232779
ISBN - 13: 978-3480232772
Gebunden: 40 Seiten
Bilderbuch
Altersempfehlung: ab 4 - 5 Jahren

Kater Kamillo, der schwärzeste und felligste Kater der Welt, hat seinen ersten Schultag. Doch ganz geheuer ist ihm die neue Sache, die da auf ihn zukommt nicht.
Erst will er nicht aufstehen, als er geweckt wird. Dann sind die Anziehsocken schmutzig, dabei zieht er ja sowieso nie welche an! Und die Fellfrisur will ausgerechnet heute nicht richtig sitzen. Als er endlich mit Hilfe seiner geduldigen Katzenmama bereit ist zum Gehen, schmuggelt er noch schnell seinen Mäusefreund Hugo in die Vesperdose. In der Schule angekommen wird er durch die Lehrerin, Frau Pünktchen, freundlich empfangen. Kamillo bekommt einen Platz und darf gleich interessante Dinge über Katzen lernen. Aber zu seinem Entsetzen muss er auch hören, dass Katzen eigentlich Mäuse fangen! Als sein Mäusefreund Hugo beim Mittagessen aus der Vesperdose entwischt, haben seine neuen Klassenkameraden großen Spaß. Doch der Mäusefreund ist listig genug und so passiert es, dass Frau Pünktchen am Ende der Schule an die Tafel schreibt: Katzen fangen keine Mäuse!
Und Kater Kamillo? Er hat nicht nur viel gelernt und viele neue Freunde gewonnen, sondern das Wichtigste überhaupt erfahren, nämlich, dass er ein wundervoller Kater ist!

Rob Scotton ist es mit dieser Geschichte gelungen ein ganz anderes Bilderbuch für künftige Erstklässler zu gestalten. Witzig und doch einfühlsam nimmt er die Situation der Schulneulinge auf und lässt seine Hauptperson Kater Kamillo die kleinen oder größeren Besorgnisse zum Schulstart durchleben. Und wer von den Kindern würde nicht gerne seinen Freund oder das Lieblingsspielzeug mit in die Schultasche schmuggeln? Vielleicht sogar etwas ganz Außergewöhnliches? Doch was, wenn die anderen Kinder oder sogar die Lehrerin das komisch finden?

Das Bilderbuch erhält zu der humorvollen und in kurzen, leicht verständlichen Sätzen gehaltenen Handlung auch seinen besonderen Reiz durch die unterschiedliche perspektivische Bilddarstellung. Einmal kann man die versammelte Katzenklasse mit erhobenen Tatzen zum jubelnden Empfang von Kamillo über eine ganze Doppelseite betrachten. Dann gibt es auch kleinere, comicartige Szenen oder eine Perspektive aus Mäusesicht. Die plakativ dargestellte Hauptperson fällt durch ihre schwarze Farbe direkt ins Auge. Die weiteren Figuren sind in grau mit wenigen Pastelltönen gemalt. Alle besitzen eine ausgeprägt witzige Mimik und Gestik, die eindeutig zu verstehen ist. Die für die Handlung wichtigen Utensilien, wie Schultasche oder Vesperdose werden durch kräftig leuchtende Farben hervorgehoben.

Dieses empfehlenswerte Buch ist schon durch seine gesamte Aufmachung für die Betrachter ein Erlebnis. Vertieft werden kann es dadurch, dass man mit den Kindern darüber ins Gespräch kommt, wie sie sich vor dem großen Tag fühlen: Wen würden sie gerne mit in die Schule nehmen? Und finden das die anderen Kinder komisch?
Die gestalterische Aufmachung bietet sich zudem zur Nachahmung an. Aus unterschiedlichen Materialien, wie Filz oder dünneres Kunstfell, Wollfäden, Ton- oder Buntpapier lässt sich die Hauptperson gestalten. Als Blickfang lässt sich dann mit kräftigen, leuchtenden Farben, zum Beispiel Wachsmalkreide, das Kunstwerk vervollständigen.
Auf der Homepage des Thienemann-Esslinger-Verlages wird ein Blick ins Buch möglich gemacht. Außerdem ist hier auch der Link zu finden, durch den das Bilderbuchkino heruntergeladen werden kann.

Möchte man das Buch im Englischunterricht der ersten Klasse einsetzten, steht auch die englische Version dieses reizenden Katzenbuches zur Verfügung. Und wenn "Scat the cat" immer noch interessant ist - Rob Scotton hat "Scat the Cat" in mehreren englischen Bilderbüchern Schulereignisse durchleben lassen. Sehr vergnüglich!

G.G. Ideenpool Lesen


Robert M. Sonntag (Martin Schäuble): Die Scanner

Fischer Taschenbuch 2013
ISBN - 10: 3596855373
ISBN-13: 978-3596855377
Taschenbuch: 192 Seiten
Zukunftsroman
Altersempfehlung: ab 12 Jahren

„Klick. Vergiss das Geräusch! 2035 hat es sich ausgeklickt.
Mzzzp. So klingt die Zukunft. So klingt alles. Ganz besonders 2035, im Juli.“

Die Hauptfigur Robert M. Sonntag, geboren 2010, lebt 2035 in einer namenlosen Stadt, in der die Menschen je nach finanzieller Lage und Gesundheitszustand in drei Zonen unterteilt leben. Bestimmt wird das Leben in allen Zonen von der Technik: Alle Menschen tragen eine Mobril, eine Datenbrille, die ermöglicht, dass man virtuell am Leben anderer teilhat und jederzeit auf Neuigkeiten und Informationen zugreifen kann. Alle Dienste sind allerdings kostenpflichtig. Der Einzelne kann die Kosten gering halten, indem er sich verpflichtet, Werbung anzusehen und an Befragungen dazu teilzunehmen. Über die Mobril sammelt man auch Freundschaften, ist immer online, greift auf Bücher und Wissen zu, das allerdings ausschließlich von Ultranetz zur Verfügung gestellt wird. Dies ist ein monopolistischer Weltkonzern, der jeden Einzelnen kontrolliert und sogar verfolgt, wenn dieser systemkritisch agiert. Robert, kurz Rob, arbeitet für diesen Konzern als Scanner. Sein Auftrag ist es, zusammen mit seinem Freund Jojo Bücher zu suchen, die verboten sind. Denn Bücher enthalten Wissen und Wissen ist Macht. Finden die beiden einen Leser, versuchen sie das Buch zu erwerben und scannen es ein. Danach liefern sie es bei ihren Vorgesetzten ab.

In einem Metro-Gleiter lernen die beiden Arne kennen, der, wie sich später herausstellt, für die Büchergilde arbeitet. Diese wendet sich gegen das bestehende System und ist ausgewiesener Feind von Ultranetz. Schnell gerät Robert in die Parallelwelt der Büchergilde, wird gejagt und verliert seinen besten Freund. Die Gründe sind für Rob zunächst nicht verständlich. Auf seiner Flucht wird ihm immer bewusster, dass seine Welt ganz anders ist, als er sie wahrgenommen hat.

Der dystopische Roman lässt den Leser nicht los. Die Dialoge sind spannend, das Erzähltempo hoch, teilweise überschlagen sich die Ereignisse, sodass auch Wenig- oder Nichtleser einen Zugang und Gefallen an dem Buch finden. Zudem ist es ein Roman, der auch Jungen anspricht. Das Thema und die Technikbeschreibungen gefallen Acht- und Neuntklässlern, sie lassen sich schnell darauf ein. Für Mädchen sind in die Handlung zudem zwei Liebesgeschichten eingeflochten, ohne dass der Zukunftsthriller dabei langatmig oder gar kitschig wird.

Am Ende des Buches wird Robs Aufgabe im Widerstand deutlich: Als ehemaliger Ultranetz-Mitarbeiter soll er seine Erlebnisse aufschreiben und verbreiten. Seine Geschichte entpuppt sich als der Roman, was sehr konsequent umgesetzt wird: Der Roman erschien nicht unter dem Namen des Autors, Martin Schäuble, der eigentlich Nah-Ost-Experte ist, sondern unter dem der Hauptfigur, Robert M. Sonntag. Auf der ersten Seite ist das Emblem der Büchergilde abgedruckt. Es schließt sich eine Danksagung des fiktiven Autors an und auf dem Umschlag findet sich seine Biographie, sodass dem Leser suggeriert wird, er lese das Buch Roberts.

Der Roman ist uneingeschränkt für Mädchen und Jungen zu empfehlen, da es dem Autor gelungen ist, eine spannende Geschichte zu erschaffen, die viele Parallelen zur heutigen Welt hat und den Leser in Atem hält. Gleichzeitig warnt die Geschichte davor, die eigenen Daten unkontrolliert in sozialen Netzwerken preiszugeben. Eine umfangreiche Unterrichtseinheit findet sich im Deutschportal.

M.S. Ideenpool Lesen


Elisabeth Etz: Alles nach Plan

Zaglossus 2015
ISBN-13: 978-3902902313
Broschiert: 174 Seiten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Roman

Die Hauptfigur des Romans in „Alles nach Plan“ von Elisabeth Etz, Anna, scheint nicht normal: Sie trinkt zum Beispiel nicht, raucht nicht, hat keinen Sex und geht nicht auf Partys. Um ihr „Unnormalsein“ zu beenden, stellt sie für das kommende Jahr sieben Punkte zusammen, die sie erfüllen möchte, um so zu werden, wie die anderen sich eine normale Jugendliche vorstellen.
Sie versucht zusammen mit ihrer Freundin Isabel ein normales Leben wie andere ihres Alters zu führen, empfindet dabei aber nicht wirklich Vergnügen. Als sie Mona kennenlernt, die Frontfrau der Band „Zeitpunkt“ meint sie, sie könne Punkt 7 ihrer Liste, sich endlich zu verlieben, abhaken, nichts ahnend, dass es dadurch erst kompliziert wird. Ihre Eltern sind sehr locker und lassen ihrer Tochter alle Freiheiten, die sie aber nicht auskosten will oder kann, das ist genau festzustellen. Sie muss sich eingestehen, dass die Punkte ihrer Liste nicht so einfach zu streichen sind, nachts ist Zugfahren besser als per Anhalter zu fahren, die Party des Lebens zu feiern geht nicht auf Zuruf, sich zu verlieben nicht auf Befehl. Auch ältere Frauen sind nicht unbedingt eine magische Quelle für Weisheiten und Ratschläge, wie Anna zunächst meint.

Das Buch zeigt die komplizierte Welt einer Pubertierenden. Die Geschichte ist ab 14 Jahren zu empfehlen, kann durchaus als Klassenlektüre in den Klassen 8 und 9 gelesen werden, wobei ein weiteres Buch für die Jungen ausgewählt werden sollte, da diese sicher mit der Gefühlswelt Annas überfordert sind und es schnell lächerlich finden. Mädchen können sich aber sicher mit ihr identifizieren, denn fast jeder kennt die Gefühle, sich ein bisschen verloren, verwirrt oder kompliziert zu fühlen. Das Interessante ist das offene Ende. Die Geschichte steuert nicht, wie man vermuten würde, auf ein Happy End zu. Alles bleibt offen, Anna kann alles sein und werden.

Sprachlich ist der Roman, für den Etz 2016 das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium bekam, einfach und leicht verständlich. Durch die persönliche, informelle Erzählweise mit Einblicken in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfigur wirken die Geschehnisse realistisch und nachvollziehbar. Themenfelder sind die Probleme mit sich selbst, der Umwelt und den Eltern. Dabei kann auch reflektiert werden, ob man immer alle Erwartungen erfüllen muss, kann oder will, wie man seine Identität finden kann und warum die Peergroup wichtig ist. Eine Zusammenarbeit mit dem Fach Gemeinschaftskunde / GWG in Klasse 8 ist im Rahmen der Unterrichtseinheit „Jugendliche in Gesellschaft und Familie“ denkbar. Ausschnitte aus dem Buch können zur Auseinandersetzung mit dem Thema verwendet werden.

M.S. Ideenpool Lesen


Sarah Crossan: Eins
Titel der Originalausgabe: One
Aus dem Englischen von Cordula Setsman

Umschlaggestaltung: Yvonne Hüttig
mixtvision Verlag, 2016
ISBN-13: 978-3-95854-057-6
Gebunden mit Folienumschlag: 424 Seiten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Roman

Die beiden sechzehnjährigen Zwillingsschwestern Tippi und Grace wachsen in Hoboken bei New York City auf. Sie sind eng miteinander verbunden: sie lachen gemeinsam, streiten auch hin und wieder, haben manchmal dieselben, oft aber auch verschiedene Interessen. Und doch ist ihr Leben alles andere als normal, denn Tippi und Grace fühlen sich nicht nur seelenverwandt. Als siamesische Zwillinge sind die beiden nicht nur geistig miteinander verbunden: Sie teilen sich von der Hüfte an abwärts einen Körper. Die beiden kennen es nicht anders und haben sich scheinbar mit ihrer Situation arrangiert.

Sie besitzen zwei verschiedene Persönlichkeiten und sind doch so eng verbunden. Nie können sie allein sein und ohne die Andere nirgendwo hingehen. Beide leben mit ihrem fragilen Gesundheitszustand und der ständigen Angst vor einem frühen Tod. Familiäre Konflikte finden wie überall statt und haben sehr viel mit ihrem Zustand zu tun und mit der Entscheidung, sich so weit wie möglich aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten, um keine Zielscheibe für Sensationslust oder Spott zu bieten.

Ihr Leben lang wurden Tippi und Grace zu Hause von Privatlehrern unterrichtet. Doch nun ist der Vater arbeitslos und das Gehalt der Mutter reicht nicht aus, um die Schwestern weiter zu Hause unterrichten zu lassen. Sie müssen also auf eine normale Schule gehen und sich der Öffentlichkeit zeigen. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester Dragon warnt Tippi und Grace vor der Schule als einem schrecklichen Ort mit gemeinen Schülern und verbitterten Lehrern, so dass sie das Schlimmste befürchten. In der Schule treffen sie dann zwar tatsächlich auf viele Jugendliche, die ihnen mit Zurückhaltung und Mitleid, aber auch mit Furcht, Ablehnung oder gar Spott begegnen, doch sie finden auch zwei wunderbare Freunde. Yasmeen und Jon nehmen die Zwillinge gleich vom ersten Tag an unter ihre Fittiche. Mit den beiden können Tippi und Grace auch mal ganz normale Teenager sein. Doch dann werden die Schwestern krank und müssen sich die Frage stellen, wie es wäre, ihre Symbiose aufzugeben und körperlich voneinander getrennt zu leben – denn nur wenn sie sich operativ trennen lassen, haben sie eine Chance zu überleben.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Grace als tagebuchartiger Rückblick, für den Sarah Crossan eine ganz besondere Form gefunden hat. In freien Versen lässt die Autorin Grace über den Alltag mit ihrer Schwester, ihre Erlebnisse zu Hause und in der Schule, ihre Unternehmungen mit ihren Freunden, Besuche beim Arzt und bei der Psychologin, über das erste Verliebt sein und über die Angst vor Trennung und Tod berichten. Zunächst ist diese Versform gewöhnungsbedürftig, doch je mehr es um Graces Gefühle geht, desto stärker entfaltet sich die Kraft dieses poetischen Stils. Als Leser wähnt man sich Grace ganz nah und mag das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Und wenn man es schließlich nach beendeter Lektüre doch zur Seite legt, denkt man noch lange über zentrale Fragen des menschlichen Daseins nach, die in diesem Buch thematisiert werden: Erwachsenwerden und Identitätsfindung, Toleranz, Liebe, Freundschaft und Tod. Dieser Roman regt an zum Nachdenken und Diskutieren darüber, was im Leben wirklich wichtig ist. So ist es eine ideale Ergänzung für jede Schul- oder Klassenbibliothek und eignet sich auch sehr gut für Buchpräsentationen.

Ausgearbeitetes Unterrichtsmaterial findet man auf den Seiten des Verlages im Internet.

Zusätzlich setzt das Buchcover das Thema „siamesische Zwillinge“ einfallsreich und wunderschön um:

Das Cover zeigt einen dunklen Mädchenkopf mit zwei Gesichtern. Nimmt man jedoch den transparenten Schutzumschlag ab, stellt man fest, dass auf dem eigentlichen Buchcover lediglich ein Mädchenkopf in Pink abgedruckt ist, während der transparente Schutzumschlag einen zweiten Mädchenkopf in Blau zeigt – zwei Individuen verschmelzen also zu einem. Selten wird das Thema eines Buches so gekonnt auf dem Cover widergespiegelt wie hier.

Umschlag Quelle: www.mixtvision-verlag.de/

 

S.K. Ideenpool Lesen