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410: Die Westgoten plündern Italien

Über den Geschichtsschreiber Jordanes:

Gestorben nach 552, spätrömischer Geschichtsschreiber gotischer Herkunft. Vor Abfassung seiner Werke war er Sekretär eines hochrangigen römischen Generals, des magister militum per Thraciam. Sein Hauptwerk trägt den Titel "Über den Ursprung und die Taten der Geten (De origine actibusque Getarum)" und wurde nach eigenem Zeugnis 551 abgefasst. Er identifizierte die Goten mit dem thrakischen Volksstamm der Geten, daher der Titel.

Jordanes schrieb sein Werk unter Verwendung der verlorenen Schriften vor allem des Cassiodor, der unter König Theoderich einflussreiche Staatsstellen im ostgotischen Staat bekleidet hatte. Cassiodor schrieb wohl auf Geheiß Theoderichs eine Geschichte der Goten in 12 Bänden zur Verherrlichung des Gotenkönigs und dessen Familie, der Amaler. Der leitende Grundgedanke des Jordanes bei der Abfassung seines Hauptwerks ist, dass er nur in der friedlichen Einführung des Gotenvolkes in das römische Reich die Möglichkeit und Hoffnung einer gedeihlichen Zukunft für Reich und Goten erkennt.


Aus dem Bericht des Jordanes, Kapitel XXX

Zur Quelle

Als nun das Heer der Westgoten in die Nähe der Stadt gekommen war, schickte es zum Kaiser Honorius, der darin seine Residenz hatte, eine Gesandtschaft. Durch diese ließen sie anfragen, ob er gestatte, dass die Goten sich friedlich in Italien niederließen. In diesem Fall wollten sie in solcher Eintracht mit den Römern leben, dass man sie für ein Volk halten könne. Andernfalls solle der Stärkere den Schwächeren vertreiben und der Sieger in Ruhe die Herrschaft besitzen.

Da bekam der Kaiser Honorius bei beiden Vorschlägen große Angst und berief den Senat zu einer Beratung, wie man sie auf jede mögliche Weise vom italischen Boden vertreiben könne. Zuletzt drang die Ansicht durch, dass Alarich mit seinem Volk die weit entlegenen Provinzen Gallien und Spanien als sein Eigentum besetzen solle, wenn er dazu im Stande wäre, und diese Schenkung wurde durch ein kaiserliches Rescript bestätigt. Denn jene Provinzen hatte man auch so verloren, da der Vandalenkönig Geiserich in dieselben verwüstende Einfälle machte. Dieser Abmachung stimmten die Goten zu und zogen in das ihnen übergebene Land.

Nach ihrem Abzug lauerte ihnen, obgleich sie in Italien nichts Schlimmes getan hatten, Stilicho, der Patricius und zugleich Schwiegervater des Kaisers Honorius war, [...] bei der Stadt Pollentia in den Cottischen Alpen heimtückisch auf [...] und überfiel sie, die auf nichts Arges gefasst waren, zum Verderben von Italien und zu seiner eigenen Schande.

Da die Goten ihn plötzlich erblickten, erschraken sie zuerst, bald aber fassten sie wieder Mut und feuerten einander an, wie es ihre Gewohnheit war, warfen fast das ganze Heer des Stilicho in die Flucht und schlugen ihn bis zur Vernichtung.

Voll Wut gaben sie alsbald den angetretenen Weg auf und zogen zurück nach Ligurien, wo sie schon durchgezogen waren. Dort machten sie reiche Beute, verwüsteten dann ebenso die Aemilia und zogen auf der flaminischen Heerstraße zwischen Piceneum und Tuscien bis zur Stadt Rom und plünderten die anliegenden Gegenden auf beiden Seiten.

Endlich rückten sie in Rom ein und plünderten es auf Befehl des Alarich. Sie legten jedoch nicht, wie wilde Völker gewöhnlich tun, Feuer an und duldeten nicht, dass die heiligen Orte irgendwie verunehrt wurden.

Dann zogen sie fort durch Kampanien und Lukanien, das sie gleichfalls plünderten, und kamen zu den Bruttiern. Hier saßen sie lange und dachten daran, nach Sizilien und von da in die afrikanischen Länder hinüber zu gehen. [...] Mehrere seiner Schiffe aber [...] verschlang jenes furchtbare Meer, die meisten verschlug es.

Während Alarich durch dieses Unglück niedergeschlagen darüber nachdachte, was zu tun sei, wurde er plötzlich von einem frühen Tod dahingerafft und schied von dieser Welt. [Er wurde nach diesem Bericht im Fluss Busento bei Cosenza begraben. Sein Nachfolger wurde Athaulf.]

Kapitel XXXI

Als dieser die Herrschaft übernommen hatte, kehrte er wieder nach Rom zurück. Was etwa von der ersten Heimsuchung übrig geblieben war, das scherte er kahl ab, wie die Heuschrecken. Er beraubte in Italien nicht allein die einzelnen Besitzer ihrer Reichtümer, sondern er nahm auch die des Staates weg, ohne dass Kaiser Honorius irgendwie vermocht hätte, ihm zu widerstehen. Auch führte er dessen Schwester Placidia, die Tochter des Kaisers Theodosius von seiner zweiten Gemahlin, gefangen aus der Stadt mit sich. Mit dieser jedoch vermählte er sich wegen ihres edlen Geschlechts, ihrer schönen Gestalt und ihrer unbefleckten Keuschheit in richtiger Ehe [...]. Dadurch sollten zugleich die fremden Völker, wenn sie die Kunde davon vernähmen, wie wenn das Reich mit den Goten vereinigt wäre, wirksamer abgeschreckt werden. Den Kaiser Honorius verließ er, wenn derselbe auch von Macht entblößt war, doch wenigstens als seinen Verwandten voll dankbarer Gesinnung und zog nach Gallien.

(Text sprachlich vorsichtig modernisiert.)


Chronologische Übersicht

Der nach heutigem Wissensstand aus verschiedenen Quellen rekonstruierte historische Ablauf der Ereignisse in Italien im ersten Jahrzehnt des 5. Jahrhunderts

402: Schlacht von Pollentia zwischen dem weströmischen obersten Heerführer Stilicho und den Westgoten unter Alarich. Ausgang wohl unentschieden.

405 :Das Heer des Goten Radagais (405-406) fällt in Italien ein, erleidet aber aufgrund seiner Größe in den Apenninen eine Hungersnot und wird vom weströmischen Oberbefehlshaber Stilicho mit hunnischen und gotischen Hilfstruppen vernichtet.

404 oder 405: Bündnis zwischen Alarich und Stilicho zur Eroberung oströmischer Gebiete. Alarich in weströmischen Diensten.

407: Alarich hat den Feldzug vorbereitet, doch dieser entfällt wegen der Ausrufung des Konstantius zum (weströmischen) Gegenkaiser in Britannien. Alarich wird für seine Rüstungen finanziell entschädigt.

Um 408: Stilicho wird beschuldigt, den oströmischen Nachfolger des Kaisers Arkadius, Theodosius II., stürzen und seinen eigenen Sohn auf den oströmischen Thron setzen zu wollen.

408: Tod Stilichos und seiner Gemahlin. 30.00 germanische Verbündete Stilichos laufen zu Alarich über.

Ende 408: Alarich belagert zum ersten Mal Rom, zieht aber nach Zahlung von 5.000 Pfund Gold, 30.000 Pfund Silber und 4.000 Seidengewändern wieder ab.

23. August 410: Erste Eroberung Roms durch die Westgoten unter Alarich. Seit wann genau sich Galla Placidia in den Händen Alarichs befindet, steht nicht genau fest.

410: Die Goten ziehen nach Kalabrien, die Überfahrt nach Nordafrika scheitert, Alarich stirbt, sein Nachfolger wird Athaulf. Es folgt die zweite Eroberung Roms durch die Westgoten unter Athaulf.

414: Athaulf heiratet in Narbonne Galla Placidia.

415: Athaulf wird von Westgoten umgebracht.

(Quelle: Hans-Jürgen Hube: Ostgoten Saga. Nach der "Origo Gothica", dem Geschichtswerk der Amaler im 6. Jahrhundert, Wiesbaden 2010, Seite 170 ff.)


Aufgaben: Friede oder Krieg?

  1. "Als nun das Heer der Westgoten in die Nähe der Stadt gekommen war, schickte es zum Kaiser Honorius, der darin seine Residenz hatte, eine Gesandtschaft. Durch diese ließen sie anfragen, ob er gestatte, dass die Goten sich friedlich in Italien niederließen."
    Gestaltet diese Szene: Spielt eine Beratung der Westgoten nach, die diesen Vorschlag an Kaiser Honorius diskutiert.
  2. "Da bekam der Kaiser Honorius bei beiden Vorschlägen große Angst und berief den Senat zu einer Beratung."
    Gestaltet diese Szene: Spielt diese Beratung des römischen Senats nach.
  3. Erläutere, was Athaulf von der Heirat mit Galla Placidia hat, der Halbschwester des weströmischen Kaisers Honorius (395-423 n.Chr.).

Vertiefung/Binnendifferenzierung:

Vergleiche die Darstellung des Jordanes mit der chronologischen Liste und erkläre die Unstimmigkeiten.