Die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte, Schloss Rastatt

1.1 Bedeutung

 

Friedliche Revolution

"Wir sind das Volk, das seine Freiheit fordert!"
Unter dieser Parole schließen sich im Mai 1849 Soldaten der Rastatter Bundesfestung und Rastatter Bürger zusammen. Dass sich Soldaten auf die Seite einer friedlichen Demokratiebewegung schlagen, ist für die deutsche Geschichte ein bis dahin einzigartiger Vorgang.

Mairevolution 1849

Mairevolution 1849; © Bundesarchiv

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Die Bundesfestung, ein Zeichen monarchischer Macht, wird somit zu einem "Bollwerk der Freiheit". Der Soldatenaufstand in Rastatt weitet sich aus. Er verbindet sich mit der zivilen außerparlamentarischen Oppositionsbewegung der badischen Volksvereine, die zeitgleich in Offenburg beraten. Eine breite Volksbewegung bildet sich. Durch die Dynamik der Ereignisse verschreckt, verlassen der Großherzog und seine Regierung fluchtartig Baden. Sie hinterlassen ein Machtvakuum, in das eine provisorische Regierung eintreten kann.

Die Flucht des Großherzogs

Bild 6: Die Flucht des Großherzogs; © Bundesarchiv
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Bereits am 3. Juni finden Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung statt. Es ist die erste demokratische Wahl in der deutschen Geschichte, die auf der Grundlage eines allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts durchgeführt wird. Eine Woche später tritt das neu gewählte Parlament zusammen. Damit wird Baden der erste republikanisch regierte deutsche Staat und dies mit überwiegend friedlichen Mitteln, gestützt und getragen von der Zustimmung und Mitwirkung eines großen Teiles der badischen Bevölkerung. Die erste "friedliche Revolution" in Deutschland.

Militärische Gewalt

Gegen die übermächtige, vom Großherzog herbeigerufene Invasion von außen, die unter dem Oberbefehl des späteren ersten deutschen Kaisers steht, ist der "bunte Haufen der Revolutionsarmee" unter dem polnischen General Mieroslawski allerdings chancenlos. Nach Niederlagen bei Waghäusel und Gernsbach zieht sich der größte Teil der Revolutionsarmee nach Süden zurück. Rastatt, in dessen Festung sich ca. 5.500 Mann verschanzen, wird von der preußischen Armee eingeschlossen und vom 30. Juni bis zum 23. Juli 1849 belagert. Der Befehl ist eindeutig: Die Festungswerke der auch mit preußischen Geldern gebauten Bundesfestung sind nicht zu zerstören. Um den Widerstandswillen der Rastatter Zivilbevölkerung zu brechen und die aufständischen Soldaten möglichst schnell zur Kapitulation zu zwingen, wird statt dessen die Rastatter Innenstadt mit schwerer Artillerie beschossen. Tote, Verletzte und erheblicher Sachschaden sind die Folge. Am 23. Juli kapituliert die Festung.

Entwaffnung der Insurgentenbesatzung von Rastatt

Bild 7: Kapitulation der Festung Rastatt, © Bundesarchiv

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Die Freiheitskämpfer müssen sich bedingungslos auf "Gnade und Ungnade" ergeben. Sie werden in den feuchten Kasematten der Bundesfestung inhaftiert. Viele erkranken unter den teilweise unmenschlichen Haftbedingungen an Ruhr, Typhus und Cholera oder erliegen ihren Verletzungen.

Rastatter Kasematten 1849

Bild 8: Kasematten 1849, © Bundesarchiv

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Ab August 1849 tagt im Ahnensaal des Rastatter Schlosses das Standgericht. Im Falle eines Todesurteils lautet die Begründung: "des Hochverrats für schuldig und deshalb zum Tode durch Erschießen und zur Erstattung der Untersuchungskosten verurteilt". Eine Berufungsmöglichkeit gibt es nicht. In Rastatt werden 47 Standrechtsurteile gesprochen, davon 26 Zuchthausstrafen und 21 Todesurteile, von denen 19 vollstreckt werden.

Erschießunf Georg Bönings

Bild 9: Erschießung Georg Bönings, © Bundesarchiv

Zahlreiche Revolutionäre werden auf Jahre in Gefängnisse geworfen, in denen sie ihre Gesundheit lassen. 10-15 Jahre erhalten die meisten von ihnen. In Rastatt sind ca. 90 Familien durch die politische Justiz betroffen. Öffentlich kompromittiert werden sie mit hohen Geld- und Vermögensstrafen in den Ruin getrieben.

Der konsequente Einsatz militärischer Gewalt nach innen und die Anwendung polizeistaatlicher Repressalien zur Unterdrückung der deutschen Demokratiebewegung von 1848/49 bildet eine der zentralen historisch-politischen Grunderfahrungen dieser Zeit. Das "Badische Wiegenlied" von Ludwig Pfau fasst die Gefühle zwischen Trauer und Wut eindrücklich zusammen: "Schlaf, mein Kind, schlaf leis, / Dort draußen geht der Preuß! / Deinen Vater hat er umgebracht, / Deine Mutter hat er arm gemacht, / Und wer nicht schläft in stiller Ruh, / Dem drückt der Preuß die Augen zu./ [...] Gott aber weiß wie lang er geht, / Bis dass die Freiheit aufersteht, / Und wo Dein Vater liegt, mein Schatz, / Da hat noch mancher Preuße Platz! / Schrei s, mein Kindlein, schrei s, / Dort draußen liegt der Preuß!"

Lernort deutscher Demokratiegeschichte

Die Festung Rastatt ist neben der Frankfurter Paulskirche und dem Denkmal der Märzgefallenen im Friedrichshain in Berlin ein zentraler Erinnerungsort der deutschen Revolution von 1848/49. Als Symbol deutscher Freiheitsgeschichte verkörpert Rastatt Höhepunkt und Endpunkt der deutschen Revolution von 1848/49.

Bleibende demokratiegeschichtliche Impulse sind:

  • die Idee des Bürgersoldaten als Staatsbürger in Uniform
  • die Idee des Verfassungspatriotismus
  • Als authentischer Ort und Erinnerungsort zugleich ist Rastatt als Lernort deutscher Demokratiegeschichte doppelt geeignet. Überregional und didaktisch umfassend lassen sich zum einen in der Erinnerungsstätte zentrale Aspekte der Revolutionsgeschichte sei sie nun lokalgeschichtlich, regionalgeschichtlich, landesgeschichtlich, gesamtdeutsch oder europäisch betrachtet erarbeiten.
  • Angesichts der zahlreichen Schauplätze der Revolution in Baden und Württemberg sowie der vielfältigen Handlungsebenen wird bewusst von einem lokalgeschichtlichen Unterrichtsmodell abgesehen und auf die vielfältigen dezentralen Möglichkeiten überall im Lande verwiesen. Der Revolutionsführer "Revolution im Südwesten. Stätten der Demokratiebewegung 1848/49 in Baden-Württemberg" (1998) enthält ausführliche Informationen zu allen wichtigen Orten badischer und württembergischer Revolutionsgeschichte.
  • Historisch wesentliche und didaktisch relevante Aspekte deutscher Demokratiegeschichte am Beispiel Rastatts sind:
    • Militär und Macht. Wehrpolitik als Schlüsselfrage der Demokratiebewegung von 1848/49.
    • Staatsbürger in Uniform oder Verräter . Soldaten in der Demokratiebewegung von 1848/49.
    • Partizipation und Gewalterfahrung.
    • Demokratische Traditionsbildung.
- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Freiburg -