Die Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte, Schloss Rastatt

2.2 Behandlung des Themas in der Schule

 

1) "Staatsbürger in Uniform" oder Verräter?

"Gegen Demokraten helfen nur Soldaten" so lautete bekanntlich das Motto der Gegenrevolution. Mit ihrer Charakterisierung des "Bürgersoldaten" geben Rastatter Soldaten in ihrer Petition vom März 1848 der deutschen Demokratiegeschichte dagegen einen ganz anderen Impuls. Sie nehmen im Grunde das Leitbild der Bundeswehr vom "Staatsbürger in Uniform" vorweg. Mit der Niederschlagung und Diskreditierung der Demokratiebewegung ging allerdings die Überlieferung dieses ersten "Bürgersoldaten" der deutschen Geschichte verloren. Wehrpolitische Traditionsbildung erfolgte primär in Form jenes Militarismus, der nach 1850 verstärkt die deutsche Gesellschaft prägen sollte.

Die Materialien 1a - 1d bieten Anregungen zur Vertiefung dieser Fragestellung im Unterricht. Die Soldatenpetition (Mat. 1a) ist ein Beispiel für die liberaldemokratische Forderung nach Modernisierung und Demokratisierung des Heerwesens und für den Loyalitätskonflikt, in den die Soldaten im Umgang mit der Demokratiebewegung geraten. Der Aufruf des badischen Kriegsministeriums an die Soldaten (Mat. 1b) stellt den argumentativen Gegenpol in diesem Kampf um die Köpfe und Unterstützung der Soldaten dar. Der Brief des Heidelbergers Professors Tiedemann an seinen Sohn, dem Kommandanten der Festung während der Belagerung, bringt diese Wahrnehmungsdifferenz in der Deutung der Freiheitsbewegung in ergreifender Weise zum Ausdruck (Mat. 1c). Die Wertung der Demokratiebewegung durch Gustav v. Struve in seiner "Weltgeschichte" (Mat. 1d) kann als Impuls zur Auseinandersetzung um die Deutung der Freiheitsbewegung dienen.

2) Militär und Macht - Wehrpolitik als Schlüsselfrage der Demokratiebewegung

In Zeiten, in denen die Demokratiebewegung in Deutschland ihre Früchte erst noch sichern muss, spielt der Zugriff auf die bewaffnete Macht eine ganz besondere Rolle. Hier geht es schließlich nicht nur darum, ein Ziel ins Auge zu fassen: also ein demokratisiertes und einheitlich organisiertes Heerwesen zu schaffen und verfassungsrechtlich abzusichern. Hier geht es vor allem darum, auch ein Mittel zu schaffen, dieses Ziel in der Praxis schließlich erreichen zu können. Wer die Namen Brandenburg und Wrangel aus Preußen, Schwarzenberg und Windischgrätz aus Österreich nicht mehr kennt oder in Baden noch nichts von General von der Gröben oder vom Kartätschenprinzen gehört hat, der erinnert sich vielleicht an Bilder sowjetischer Panzer in Berlin (1953) oder an die chinesischen in Peking 1989. Vielleicht versteht er dann, warum Wehrpolitik eine Schlüsselfrage für eine jede Demokratiebewegung ist. Militär und Macht: Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Wehrpolitik in Deutschland 1848 ist alles andere als nur eine Frage der Konzeptionen und Sachfragen. Sie ist eine Frage der Realpolitik. Sie ist eine Frage der Macht. Die Geschichte der Militärstadt Rastatt im Kontext der Demokratiebewegung von 1848/49 steht dafür exemplarisch.

Die Auseinandersetzung um die Heeresform gehört zu den "Klassikern" deutscher Demokratiegeschichte. Liberale und Demokraten fordern gleichermaßen eine Reform der Streitkräfte im vereinigten Deutschland, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten und unterschiedlichen Vorstellungen über den richtigen Weg. Eine Militärmacht wie Preußen wittert hier einen Frontalangriff gegen den föderativen Grundkonsens und fürchtet um seine militärische Übermacht. Die Debatte um die zukünftige Wehrverfassung wird in der Paulskirche leidenschaftlich geführt. Die bekannte Karikatur von den drei Professoren im Schlafrock ist diesem Zusammenhang als antiparlamentarische Polemik von einem preußischen Rittmeister gegen die wehrpolitischen Reformvorstellungen der Paulskirche entstanden. Die beiden Reden geben Ausdruck von der Schärfe der Auseinandersetzung zwischen Verfassungsjuristen und Militärs in der Nationalversammlung (Mat. 2a und 2b). Im Kampf um die Durchsetzung der Verfassung kommt der Frage nach der Vereidigung der Soldaten in der zunehmend gespaltenen Nationalversammlung eine große Bedeutung zu. Die beiden Reden stehen exemplarisch für die zutiefst emotional geführte Debatte vor dem Hintergrund der Gegenrevolution (Mat. 2c und 2d).

- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Freiburg -