Buchtipps, Methoden, Konzepte und Projekte rund ums Lesen und Vorlesen bietet der Ideenpool Lesen gegliedert für alle Schularten und auch für den Elementarbereich.


Bücher des Monats April 2008

In diesem Monat empfehlen wir folgende Bücher:

Dolf Verroen: Wie schön weiß ich bin (ab 12 Jahre)

Marliese Arold: So frei wie ihr? Hatice lebt zwischen zwei Welten (ab 12 Jahre)

Dolf Verroen: Wie schön weiß ich bin

Peter Hammer Verlag 2006
ISBN 3-7795-0039-6
68 Seiten

Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Zu ihrem 12. Geburtstag bekommt Maria, Tochter eines wohlhabenden Gutsbesitzers, ein besonderes Geschenk. Papa selbst hebt den Deckel der großen silbernen Terrine auf dem Tisch: Darin sitzt eng zusammengekauert ein Menschlein. Ein kleiner schwarzer Junge. Marias erster eigener Sklave!

Mit zwölf Jahren tritt Maria in das Erwachsenenleben als Dame ein, bekommt zum ersten Mal ein Glas Champagner von den Sklaven serviert, und von ihrer Tante eine "Fast-Schon-Große-Dame-Handtasche" geschenkt. Doch bedauernd muss sie feststellen, dass die neue kleine Peitsche, das Geschenk ihrer anderen Tante, nicht hineinpasst.

Dolf Verroen erzählt aus Marias Perspektive vom Alltag auf einer Teeplantage im Surinam des 19. Jahrhunderts. In vierzig kurzen Episoden, die in einer Art innerem Monolog erzählt werden bzw. wie kurze Prosagedichte wirken, erfährt der Leser durch ihren Blickwinkel vom Leben auf der Plantage und vom Umgang mit den Sklaven. Mit großer Selbstverständlichkeit, die in keiner Weise reflektiert wird, findet sich Maria in ihrer Rolle als rechtmäßige Besitzerin eines Sklaven wieder. Sie behandelt ihren Sklaven so, wie sie es auch in ihrer Familie erlebt: Er wird von ihr verachtet, beschimpft, geschlagen und schließlich wieder verkauft.

Maria stellt die Zustände in keiner Weise in Frage, sie hat die herrschenden Normen völlig verinnerlicht. Dabei stehen die einfältige Unbedarftheit der Erzählweise Marias und ihre naiv-kindlichen Gedanken im krassen Gegensatz zu den menschenverachtenden, brutalen Bedingungen, unter denen die Sklaven leben müssen.

Dolf Verroen bleibt konsequent bei der Wahl seiner Perspektive. Er selbst enthält sich jeglicher Kommentierung und Wertung. Gerade dadurch aber wirkt der Text umso eindringlicher, beklemmender und provozierender für die Leser und zwingt diese zum Nachdenken! Das Buch wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2006 und dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis 2006 ausgezeichnet.

(wm, Arbeitskreis Leseerziehung)


Marliese Arold: So frei wie ihr? Hatice lebt zwischen zwei Welten

Fischer Taschenbuch Verlag 2008
ISBN 978-3-596-80754-3
176 Seiten (kartoniert)

Altersempfehlung: ab 12 Jahre

Hatice ist verliebt. Immer wenn sie an Kenan denkt, wird ihr ganz warm ums Herz. Doch in Hatices Familie bestimmen ihr Vater und ihr Bruder, mit wem sie zusammen sein darf. Traditionen spielen eine große Rolle. Jungen dürfen sie kaum anschauen. Deshalb trägt Hatice auch ein Kopftuch, weite Pullover und lange Röcke. Eigentlich fand Hatice es immer ganz in Ordnung, nach der türkischen Tradition zu leben. Doch dann lernt sie die Türkin Tülay kennen und zwischen beiden entwickelt sich schnell eine Freundschaft. Tülay lebt viel freier als Hatice und hat zu ihren Eltern und ihrem Bruder Kenan ein offenes, vertrautes Verhältnis und einen deutschen Freund.

Und dann ist da noch die Sache mit Leyla, ihrer älteren Schwester. Hatice vermisst sie sehr, denn sie lebt nicht mehr zu Hause. Hatice ist davon überzeugt, dass auch ihre Eltern darunter leiden, doch über Leyla darf nicht mehr gesprochen werden, denn sie hat die Ehre der Familie verletzt. Leyla hat rebelliert. Sie hat versucht, ihren Willen gegen den Widerstand der Familie durchzusetzen und ist daran verzweifelt. Jetzt wohnt sie zusammen mit anderen Mädchen in einer betreuten Wohngemeinschaft für junge Mädchen. Die Sozialarbeiterin Jasmin hat sich sehr um Leyla gekümmert und hat versucht, zwischen ihr und ihren Eltern zu vermitteln.

Hatice lebt zwischen zwei Welten. Ihrem Tagebuch vertraut sie ihre Gedanken an. Sie liebt ihre Eltern, doch sie würde gerne auch einmal ins Kino mit Freundinnen gehen und sich nicht eingesperrt fühlen wie ein Vogel im Käfig. Immer wieder steigt Unzufriedenheit in ihr auf. Warum darf sich ihr Bruder Murat soviel erlauben und sie nicht! Gern würde Hatice Tülays Bruder Kenan wiedersehen, doch sie ist so schüchtern und kann sich zunächst kaum vorstellen, dass auch Kenan sie mag.

Schließlich eskaliert die Situation. Hatice vermutet, dass ihr Bruder Murat in ihrem Zimmer geschnüffelt und ihr Tagebuch entdeckt hat, denn es liegt zerrissen auf dem Küchentisch, als sie nach Hause kommt. Hatice wird von ihren Eltern zur Rede gestellt, geschlagen und in ihr Zimmer eingesperrt, sie soll wieder zur Vernunft kommen. In der Schule wird sie krank gemeldet. Tülay und Jasmin kommen schließlich vorbei und versuchen, Hatice zu helfen.

Aus einem neuen Tagebucheintrag erfahren die Leser im Nachhinein, dass es Hatice nun besser geht. Sie versteht sich besser mit ihrer Mutter und hofft, dass auch ihr Vater bald wieder mit ihr spricht. Inzwischen wohnt sie bei ihrer Schwester Leyla, da ihre große Schwester Elif mit ihrem Baby wieder zu Hause eingezogen ist. Elif will sich von ihrem Mann, der sie immer wieder schlägt, scheiden lassen. Wenn Elif eine eigene Wohnung gefunden hat, wird Hatice wieder zu Hause einziehen. Das Kopftuch trägt sie nur noch, wenn sie in die Moschee geht. Kenan und Hatice versuchen, sich möglichst häufig zu sehen, und auch mit ihrer Freundin Tülay trifft sie sich regelmäßig.

Das Jugendbuch beschreibt auf sensible Weise den Alltag des türkischen Mädchens Hatice, das zwischen zwei Welten lebt. Einerseits fühlt sie sich ihren Eltern und ihrer Familie verbunden, andererseits aber fühlt sie sich unterdrückt und eingesperrt und sehnt sich nach mehr Freiraum. Durch ihre Freundin Tülay erlebt sie, dass es auch türkische Mädchen gibt, die viel freier leben als sie. Im Anhang werden Begriffe des Islam wie z.B. Allah, Kismet, Islam, Koran, Ramadan schülergerecht erklärt.

(wm, Arbeitskreis Leseerziehung)