Buchtipps, Methoden, Konzepte und Projekte rund ums Lesen und Vorlesen bietet der Ideenpool Lesen gegliedert für alle Schularten und auch für den Elementarbereich.


Bücher des Monats April 2010

In diesem Monat empfehlen wir folgende Bücher:

Murathan Mungan: Palast des Ostens (ab 14 Jahre)

Russell Ash: Die größten Weltwunder (ab 10 Jahre)

Sverre Henmo: Hier wohnt Ben und da Marie (ab 8 Jahre)

Murathan Mungan: Palast des Ostens

Unionsverlag Zürich 2008
ISBN 978-3-293-20437-9
253 Seiten

Altersempfehlung: ab 14 Jahre

Fünf Paare stehen im Mittelpunkt der fünf Geschichten, die Murathan Mungan für diesen Band zusammengestellt hat und die von den strengen Traditionen der Nomaden in den Bergregionen Ostanatoliens und von ihrer Mythen- und Sagenwelt erzählen. Vor allem der Eintritt in die Erwachsenenwelt und damit das Ende der Kindheit und der Gewissheiten sind das zentrale Thema, das in den Beziehungsgeschichten variiert wird. Sie handeln davon, welche Erschütterungen die Identitätssuche und die Bewusstwerdung der eigenen Existenz und Sexualität auslösen können. Und sie handeln von der plötzlichen Einsamkeit der Menschen im Zustand dieser Irritation.

So findet die Kindheit der 15-jährigen Freunde in Ökkes undCengâver ein jähes Ende, als sie von ihrem Nomadenstamm in einem brutalen Initiationsritus dazu gezwungen werden, ohne jedes Mitgefühl gegeneinander anzutreten, um ihre Männlichkeit zu beweisen und Eintritt in die Erwachsenenwelt zu erhalten. In Dumrul und Azrail verliebt sich der Todesengel Azrail entgegen seinem Vorhaben in den aufmüpfigen Brückenbauer Dumrul und ist dem tiefen Konflikt ausgesetzt, ob er diesen aus Liebe weiterleben lässt. In Binali und Temir geht es um den Räuber Binali und den 15-jährigen Schafhirten Temir, die einander als Feinde gegenüberstehen und im Kampf um ihr territoriales Vorrecht alle Facetten von Macht und Unterwerfung ausspielen. Die Geschichte von Muradhan und Selvian erzählt von der schönen 14-jährigen Prinzessin im Kristallpalast, die sich ihrer Weiblichkeit bewusst wird, als sie sich in den Tänzer Muradhan verliebt. Auch Der Großwesir und sein Bote ist eine Art Liebesgeschichte, die von der Treue eines stummen Dieners zu seinem Herrn erzählt, der dafür selbst Folter und Tod in Kauf nimmt.

Indem Murathan Mungan seine Initiationsgeschichten in einer archaischen Welt ansiedelt, macht er die Spannung zwischen Tradition und Moderne, zwischen Anpassung und Selbstverwirklichung, der bis heute gerade junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden ausgesetzt sind, besonders eindringlich. Diese Geschichten sind nicht einfach zu lesen, da dem inneren Geschehen Vorrang vor der äußeren Handlung gegeben wird, was den jugendlichen Lesegewohnheiten nicht unbedingt entgegenkommt. Auch eine sehr bildhaft poetische Sprache in Verbindung mit dem Thema Männerfreundschaft mag vor allem für Jungen ungewohnt sein. Andererseits entführen die Geschichten an ferne Handlungsorte und thematisieren, besonders in den beiden kraftvollen Erzählungen Ökke? undCengâver sowie Binali und Temir, starke Helden, deren Nöte zwischen Fremd- und Selbstbestimmung, zwischen Ich und Anderem mitfühlen lassen. Eine gelungene Einführung anhand von ausgewählten Textpassagen aus der Initiationsgeschichte Ökke? undCengâver findet sich in der Broschüre Texte und Ideen für den Unterricht der Stiftung Lesen, die in der Zeitschrift Abenteuer Lesen, Heft 5/2010 vorgestellt wird.

(ubh, Arbeitskreis Leseerziehung)


Russell Ash: Die größten Weltwunder

Dorling Kindersley 2008
ISBN 978-3-8310-1314-2
64 Seiten (gebunden)

Altersempfehlung: ab 10 Jahre und für die ganze Familie

Mit zahlreichen farbigen Illustrationen von Richard Bonson

Wie heißen die sieben Weltwunder der Antike? Wo standen sie und warum wurden sie überhaupt gebaut? Gibt es auch heute noch Weltwunder und welche Weltwunder aus antiker Zeit können heute noch besichtigt werden? Auf diese und ähnliche Fragen gibt das sehr ansprechend gestaltete, anspruchsvolle Sachbuch für Kinder und Jugendliche zahlreiche Antworten.

Nach einer kurzen Einführung in die Geschichte der Wunder und einer anschaulichen Karte, die den jungen Leserinnen und Lesern einen Überblick über die sieben Weltwunder der Antike gibt, folgt eine detaillierte, kindgerechte Darstellung und Beschreibung der einzelnen Weltwunder. So wird auf einer bildreichen, mehrfarbigen Doppelseite die Cheops-Pyramide von Gizeh mit ihrer gesamten Anlage gezeigt und beschrieben, bevor die junge Leserschaft auf der folgenden Doppelseite erfährt, wie diese und ähnliche Pyramiden vermutlich entstanden sind und wie es im Innern aussieht. Auf einer weiteren Doppelseite sind andere spektakuläre Pyramiden abgebildet und ihre Besonderheiten werden erläutert, darunter z.B. die Pyramide des Wahrsagers auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán, das als Pyramide gebaute Hotel Luxor in Las Vegas und die Transamerica-Pyramide in San Francisco.

Diesem Prinzip entsprechend ist das Buch durchgängig strukturiert: Ausgehend von einem der sieben Weltwunder der Antike, das anschaulich erläutert und mit zahlreichen mehrfarbigen Abbildungen gezeigt wird, spannt sich der Bogen zu ähnlichen historischen Bauwerken und bedeutenden Stätten in der Geschichte bis hin in die heutige Zeit. So wird die Zeusstatue von Olympia verbunden mit einem doppelseitigen Überblick über die Stadt Olympia und einem Verweis auf die wichtigsten Götter in der griechischen Mythologie. Ein Blick auf heilige Statuen in der Neuzeit schließt sich an wie z.B. die 30 Meter hohe Christusstatue auf dem Corcovado-Berg bei Rio de Janeiro, die Pietà des Michelangelo oder der große Buddha von Leshan.

Ein kleiner Hinweiskasten mit "verblüffenden Fakten" erscheint bei jedem der sieben antiken Weltwunder. Hier erfahren die Leserinnen und Leser z.B., dass die Cheops-Pyramide vermutlich mehr als 5 Mio. Tonnen wiegt und aus über 2 Millionen Blöcken zusammengesetzt ist, dass der Baumeister Phidias 8 Jahre benötigte, um die Zeus-Statue zu vollenden und das dabei verwendete Gold heute etwa 10 Millionen Euro kosten würde.

Ausgehend von dem Mausoleum von Halikarnassos wird gezeigt, wie mit Stein in der Antike gearbeitet wurde, bevor dann gewaltige Gräber wie das Grab des Tut-anch-Amun, das Oseberg-Schiff der Wikinger oder das Taj Mahal erläutert werden. Die hängenden Gärten von Babylon laden ein, mehr über die Pracht Babylons - z.B. das berühmte Ishtar-Tor - und die erste Ziegelherstellung zu erfahren, um dann andere "Wunder für die Freizeit" (Irrgarten von Longleat, Centre Pompidou, Olympiastadion von Sydney) kennen zu lernen.

Wie war es damals den Menschen möglich, den ca. 32 Meter hohen Koloss von Rhodos überhaupt zu erbauen, der als eines der Weltwunder galt, obwohl er gar nicht mehr stand, als die Liste erstellt wurde? Und welche anderen mächtigen Monumente können heute noch besichtigt werden? Der Pharos von Alexandria war lange Zeit das höchste bewohnbare Gebäude der Welt. Bis heute gilt er als der höchste Leuchtturm, der je gebaut wurde. In einem Querschnitt können die Leserinnen und Leser das Innere des Leuchtturms und der Feuerkammer bestaunen und in einer Zeitleiste Wissenswertes über die Entwicklung der Leuchttürme erfahren.

Die Ausführungen über den Artemis-Tempel in Ephesos schließlich weisen dann auf andere herausragende religiöse Bauten hin wie z.B. den Petersdom, den Minakshi-Tempel und die Basiliuskathedrale.

In den darauf folgenden Kapiteln folgen Ergänzungen zu weiteren Wundern und wunderbaren Erfindungen vor allem auch aus der Neuzeit:

- Weitere Wunder der Antike
- Wundervolle Burgen und Schlösser
- Kurioses/ Wundersames
- Wunder der Technik
- Wunder des Transports
- Wunderbare Erfindungen
- Naturwunder
- Das Wunder der Zahl Sieben

Mit mehr als 150 farbigen Fotos, detailreichen Illustrationen und Übersichtskarten wird das Buch auch visuell zu einem Erlebnis und zeigt, wie viele legendäre Bauwerke vermutlich ausgesehen haben und warum sie so berühmt geworden sind. Ein sehr gelungenes, anschaulich und zugleich informativ gestaltetes Buch, das nicht nur interessierten Kindern und Jugendlichen sehr zu empfehlen ist!

(w-m, Arbeitskreis Leseerziehung)


Sverre Henmo: Hier wohnt Ben und da Marie

Carlsen Verlag, 2008
ISBN 9-783551-554949
112 Seiten

Altersempfehlung: ab 8 Jahre
Zuordnung zu den Bildungsstandards: BS 4

Ben wohnt mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder Klaus in einer Reihenhaussiedlung. Als er mit seiner Familie aus den Sommerferien zurückkommt, stellt er fest, dass nebenan neue Nachbarn eingezogen sind, bei denen es sich um die gleichaltrige Marie, ihren älteren Bruder und den Vater der beiden handelt. Zu Bens Leidwesen ist Baldur, Maries Furcht einflößender Hund auch mit eingezogen. Baldur ist einer der Gründe, weshalb Ben zunächst einen großen Bogen um Marie macht. Zu Beginn des neuen Schuljahres stellt sich heraus, dass Marie nicht nur die gleiche Klasse wie Ben besucht, die Klassenlehrerin weist Marie auch noch den Sitzplatz neben Ben zu. Marie verschafft sich Respekt, als sie Rasmus, den schnellsten Läufer der Klasse, beim Fangenspielen abschlägt. Vielleicht könnte Ben sogar mit ihr befreundet sein, wenn sie kein Mädchen wäre und es Baldur nicht gäbe. Plötzlich verschwindet Baldur und Marie benötigt Bens Hilfe. Ein paar ältere Jungen haben Baldur entführt und Ben wächst über sich hinaus. Er ist plötzlich mutiger, als er es je gedacht hätte. Kann das an Marie liegen?

Obwohl die Handlung in Norwegen spielt, kann der junge Leser diese unmittelbar auf seine Situation hierzulande übertragen. Das erste vorsichtige Annähern von Jungen und Mädchen wird glaubhaft und für Kinder nachvollziehbar beschrieben. Die Protagonisten Ben und Anna sind Kinder, wie sie in jeder zweiten/dritten Klasse zu finden sind. Ben wird zunächst nicht als der mutige, starke Junge beschrieben, sondern als ein ganz normales Kind, das zunächst Angst vor dem neuen, großen Hund der Nachbarn hat. Marie hat es anfangs nicht leicht in ihrer neuen Klasse - eine Situation, die viele Schülerinnen und Schüler nach einem Schulwechsel schon in ähnlicher Weise erfahren haben. Das letzte Kapitel des Buches ist ?Marie und Ben? überschrieben und zeigt den Kindern, wie schön für beide diese Freundschaft sein kann.

Traditionell wird in vielen Schulen noch immer das Buch "Ben liebt Anna" im Rahmen der Geschlechtserziehung gelesen, obwohl das Buch schon sehr lange auf dem Markt ist und die Protagonisten heute ganz anders aussehen würden. Der Bildungsplan 2004 sieht für den Fächerverbund "Mensch, Natur und Kultur" vor, dass die Schülerinnen und Schüler sich selbst, ihre Körperlichkeit, ihre Geschlechtlichkeit und ihre Lebenswelt differenziert wahrnehmen und zunehmend reflektieren. Zuneigung und Abgrenzung sind Inhalte, die der Bildungsplan 2004 für Bildungsstandard 4 vorgibt. Das beschriebene Buch ist ausgezeichnet geeignet, Gesprächsanlässe in der Klasse zu diesem Themenbereich zu schaffen.

Die 112 Seiten des Buches sind in sehr überschaubare Kapitel von drei bis zu sechs Seiten gegliedert, die immer wieder von passenden Illustrationen unterbrochen werden. Der großzügige Zeilenabstand erleichtert noch ungeübten Lesern das selbstständige Erlesen des Textes. Vor dem Einsatz des Buches als Klassenlektüre sollte der Ort der Handlung mit den Schülerinnen und Schülern geklärt werden. Obwohl die Handlung in Norwegen spielt, werden die Kinder viele Parallelen entdecken, was zum interkulturellen Lernen beiträgt und damit ebenso den Anforderungen des Bildungsplans 2004 (Bildungsplan Baden-Württemberg Grundschule, S. 104/105) entspricht.

(kim, Arbeitskreis Leseerziehung)