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Altsteinzeit: Eine ungewöhnliche Pferdejagd

Altsteinzeit Speere Schoeningen

Die prähistorischen Speere im niedersächsischen Schöningen sind die ältesten vollständigen Jagdwaffen der Menschheit

Die Erde. Unendliche Zeiten. Wir schreiben das Jahr 300.000 vor unserer Zeit.

Pferdejagd beim Lager einer Sippe

Der Herbst hat begonnen, auf dem trockenen Uferstreifen eines 800 Meter langen Sees zieht eine Wildpferdherde nach Süden. Da die Tiere den Wind im Rücken haben, erkennen sie die Gefahr erst, als es bereits zu spät ist. Ein 2,5 Meter langer Speer durchbohrt den Leithengst und bringt ihn zu Fall. Führungslos eingeklemmt zwischen dem See und einer Gruppe von wenigstens zehn Urmenschen wird die Herde regelrecht abgeschlachtet: mindestens zwanzig Stuten, Hengste und Fohlen tränken die Seggenwiese mit ihrem Blut.

Wenig später bevölkert eine Sippe von etwa 30 Urmenschen den Ort des Geschehens.  Sie zerlegen das erbeutete Tier. Das Pferdefleisch wird in Streifen geschnitten und geräuchert. Fell, Sehnen, Knochenmark, Eingeweide - alles wird verwertet, nur die Köpfe bleiben unangetastet, damit die Tiere (in der Vorstellungswelt der Jäger) ein neues Leben beginnen können. So oder so ähnlich könnte die Jagd im Altpaläolithikum abgelaufen sein.

Konservierung

Im nächsten Frühjahr lässt das Schmelzwasser den Seespiegel wieder ansteigen, der Jagdplatz wird überflutet und mit Sedimenten zugedeckt. Jahrzehntausende vergehen, doch das Grundwasser hält die Zeugnisse der Großwildjagd ständig feucht und verhindert somit den biologischen Abbau des organischen Materials. Als sich vor 250000 Jahren die Gletscher der Saale-Vereisung über das nördliche Harzvorland schieben, lastet ein enormer Druck auf den "Beweisstücken". Spätestens jetzt zerbrechen die Speere.

Fundplatz 13 II-4 - Entdeckung und Ausgrabung der Speere

Wieder vergehen unvorstellbare Zeiträume, bis der Tatort entdeckt wird. Am 20. Oktober 1994 findet der Archäologe Hartmut Thieme im Südfeld des Braunkohletagebaus Schöningen bei Helmstedt einen 78 Zentimeter langen Holzstab, der an beiden Enden zugespitzt ist. Der Fund, welcher später als Wurfstock eines Homo erectus identifiziert wird, lag nur einen Meter von der Abbaukante entfernt. Dennoch gelang es dem Forscher, die Betriebsleitung davon zu überzeugen, den 40 Meter hohen Schaufelradbagger zu stoppen und das Areal großzügig auszusparen. Noch im selben Jahr entdeckt Thieme mit den ersten drei Holzspeeren die "ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit". Fundplatz 13 II-4 gilt zudem weltweit als der "früheste Nachweis von aktiver, systematisch betriebener Großwildjagd".

Erst zwölf Jahre später werden diese einzigartigen Funde einem breiten Publikum gezeigt: In der Landesausstellung "Die Schöninger Speere - Mensch und Jagd vor 400.000 Jahren." Die lange Wartezeit hängt sicherlich mit den schwierigen Restaurationsbedingungen zusammen, aber auch damit, dass das "Pferdeland" Niedersachsen nicht genügend Geld und Personal zur Verfügung stellte, um das Wildpferd-Jagdlager des Homo erectus auszugraben und zu dokumentieren. Selbst nach dem Fund der Speere war Thieme zeitweise nur mit zwei Mitarbeitern vor Ort. Oder er bekam ABM-Kräfte, die erst mühsam angelernt werden mussten.

Technische Beschaffenheit

Folgt man den Erkenntnissen von Hartmut Thieme, dann hatten diese Urmenschen bereits kultisch-religiöse Vorstellungen und betrieben eine Vorratshaltung. Sie verfügten also über Fähigkeiten, von denen man bisher vermutete, dass sie erst sehr viel später entwickelt wurden. Verblüffend ist auch die handwerkliche Qualität der Jagdwaffen aus Fichten- bzw. (in einem Fall) aus Kiefernholz. Dafür wählten die Urmenschen junge, gerade Fichtenstämmchen aus. Diese wurden mit Feuersteinwerkzeugen gefällt, entrindet und sorgfältig entastet. Weil das Holz an der Stammbasis am härtesten ist, wurde hier die Speerspitze angelegt. Sie ist mehr als 60 Zentimeter lang, vermutlich, damit sie mehrfach nachgespitzt werden konnte.

Auch die Speerbasis wurde aus ballistischen Gründen angespitzt. Die Speere I bis VI sind bis zu 2,5 Meter lang, bei einem maximalen Durchmesser von bis zu fünf Zentimeter. Länge, Schwerpunkt und Gewicht gleichen in etwa dem heutigen Damen-Wettkampfspeer. Spitzensportler bescheinigen den Nachbauten eine sehr gute Treffsicherheit bei einer Wurfdistanz bis 15 Meter. Die maximale Wurfweite wird mit 100 Meter angegeben.

Moderne Archäologie

In den vergangenen Jahren konnte die Ausgrabung im Schöninger Tagebau immer wieder mit außergewöhnlichen Funden aufwarten:

Es wurden beispielsweise Reste von drei Säbelzahnkatzen der Gattung Homotherium gefunden. Es sind die jüngsten Funde dieser Art weltweit, bis dahin waren die Wissenschaftler davon ausgegangen, dass sich Mensch und Säbelzahnkatze in Europa nicht begegnet sind. Was bedeuten diese Tiere für die Mensch-Umwelt-Beziehung? Einfach gesagt: der Mensch war nicht der einzige gefährliche Jäger und er hatte einen gefährlichen Konkurrenten in seinem Revier. Für die Interpretation der Speere kommt mit diesen Neufunden auch eine neue Komponente ins Spiel: waren sie womöglich gar nicht reine Angriffswaffen, sondern dienten womöglich auch der Verteidigung?

Neben den Homotheriumfunden sorgten ein Fund eines Stoßzahns vom Waldelefanten sowie eine Rippe mit eingeritzten Linien für Aufsehen. Beide Funde befinden sich momentan noch in der Restaurierung und können erst danach eingehend untersucht werden.

Präsentation der Funde im paläon:

Seit Sommer 2013 werden alle Originalfunde der Schöninger Grabung im paläon – Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere präsentiert - nur einen Steinwurf von der Tagebaukante entfernt. Das paläon versteht sich als wissenschaftliche Einrichtung, die Besuchern die spektakulären steinzeitlichen Funde aus dem Braunkohletagebau im Helmstedter Revier näher bringt. Themenschwerpunkte der Vermittlung sind das Leben in der Steinzeit, die Evolution des Menschen, Klimageschichte und Umweltrekonstruktion sowie die Prinzipien verschiedener archäologischer Methoden.

Workshops, Führungen und unterschiedlichste Aktivangebote machen die Welt vor 300.000 Jahren für die Gäste begreifbar und regen zur Auseinandersetzung mit unserer Vorgeschichte an. Ziel der Bildungsarbeit des paläon ist es den Besuchern die Steinzeit mit all ihren Facetten näherzubringen und dazu anzuregen, sich mit dem eigenen Handeln und dessen Wurzeln auseinander zu setzen. Als anerkannter außerschulischer Lernort im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung werden insbesondere in den Schulprogammen Akzente für zukunftsfähiges Denken und Handeln gesetzt.

 


Zu den Aufgaben


Nach Mathias Orgeldinger (mit freundlicher Genehmigung des Südkurier) und überarbeitet nach neuesten Forschungen des paläon