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Robert B. Marks: Eine komprimierte Geschichte

Nach diesem [dem in dem Buch zuvor vorgestellten, d.Red.] Ansatz lebten bis vor sehr kurzer Zeit (ca. 1800) praktisch alle Kulturen innerhalb der Zwänge der biologischen alten Ordnung. In dieser Welt erwiesen sich einige als äußerst erfolgreich darin, einen hohen Lebensstandard für ihre Bevölkerung, enorme kulturelle Errungenschaften und beträchtliche staatliche Macht hervorzubringen. Gleichwohl waren die höchstentwickelten Kulturen der Alten Welt — China, Indien, Westeuropa, Japan und vielleicht Teile Südostasiens grundsätzlich einander vergleichbar, mit entwickelten Marktwirtschaften, institutionellen Vorkehrungen, die es Menschen erlaubten, das Maximum aus landwirtschaftlich verankerten Wirtschaftsordnungen herauszupressen, und produktiven Wirtschaftszweigen, die indes noch immer weitgehend davon abhingen, den alljährlichen Zustrom an Sonnenenergie auszunutzen.

Karte der Reisen von Zheng He
Karte der Reisen von Zheng He
Foto: wikipedia commons
Quelle Continentalis [CC-BY-SA-3.0]

Die Fähigkeit eines Teils dieser Welt — in diesem Fall der Westeuropäer, geführt von den Engländern —, aus den Zwängen dieser biologischen alten Ordnung auszubrechen, indem sie Vorräte an fossilen Brennstoffen (erst Kohle, dann Erdöl) anzapften, war zufällig und Folge einer weltweiten Konjunktur. Sie war schon deshalb zufallsbedingt, weil die Chinesen sich zu Anfang des 15. Jahrhunderts dazu entschlossen, ihre maritime Vorherrschaft im Indischen Ozean aufzugeben, jener Drehscheibe, in welcher der Reichtum Asiens gegen Rohstoffe (darunter Silber und Gold) von den weniger entwickelten Teilen der Welt erhandelt wurde und so zur Remonetarisierung der chinesischen Wirtschaft durch Silber beitrug. Vier Jahrhunderte lang (von 1400 bis 1800) erlaubte es der kommerzielle und gewerbliche Wagemut der Chinesen und Inder — in beiden Fällen ermöglicht durch eine hochgradig produktive Landwirtschaft — den Asiaten, die Weltwirtschaft zu beherrschen und die Aufmerksamkeit wie die Ressourcen all derer in der Welt anzuziehen, die Zugang zu den Reichtümern Asiens begehrten. Der Stellenwert, den Silber in den asiatischen Wirtschaften hatte, setzte somit eine Reihe weiterer weltbewegender Prozesse in Gang.

Das Silberbergwerk von Potosi im heutigen Bolivien
Das Silberbergwerk von Potosi im heutigen Bolivien - die Grundlage für die spanischen Silbervorräte
Detail aus einer um 1715 entstandenen Südamerikakarte von Herman Moll
Foto: wikipedia commons
Quelle

Der zweite Zufallsfaktor, der in unserer Geschichte Bedeutung entfaltete, war nun aber die Entdeckung der Neuen Welt und ihrer Silbervorräte, das folgende Aussterben der Ureinwohner durch Krankheiten, die von den Eroberern eingeschleppt wurden, und der Aufbau eines auf afrikanischer Sklavenarbeit beruhenden Plantagensystems, das einseitig europäischen Interessen diente. Drittens führte das Unvermögen der Spanier im 16. Jahrhundert ein europäisches Imperium zu errichten, zu einem System rivalisierender Staaten in Europa, die in nahezu permanente Kriegführung im 17. und 18. Jahrhundert — mit entsprechendem militärischem Innovationspotential — verstrickt waren.

Im 18. Jahrhundert versetzte eine breite Konjunktur Großbritannien — eine kleine Insel vor dem äußersten westlichen Winkel Eurasiens — in die Lage, aus dem Hauptfeld auszubrechen. Die Kriege zwischen Frankreich und Großbritannien, die ihren Höhepunkt mit dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) erreichten, mündeten in Großbritanniens Vorherrschaft über Europa. Nahezu gleichzeitig begann die Macht der Mogule in Indien zu zerfallen, vornehmlich aus inneren Gründen, und schuf so den britischen Abenteurern ein Einfallstor, um einen kolonialen Brückenkopf zu errichten. China indes war noch immer viel zu mächtig für die Engländer und konnte daher die Bedingungen der britischen Teilhabe in seiner ostasiatischen Hemisphäre diktieren, bis eine Kombination aus Opium und dampfgetriebenen Kanonenbooten seine Niederlage im Opiumkrieg (1839-1842) besiegelte.

In der Rückschau hätte der Umschwung gegen China nicht stattgefunden, hätte Großbritannien sich nicht industrialisiert und die Früchte der Industrialisierung nicht in den Dienst des Militärs gestellt. Obendrein war die dortige Industrialisierung dadurch bedingt, dass Großbritannien mit der Neuen Welt über eine spezifische Peripherie verfügte, in der eine Nachfrage nach britischen Fertigwaren bestand, um afrikanische Sklaven einzukleiden. Großbritannien hatte zudem das Glück, günstig gelegene Kohlevorräte zu besitzen, nachdem es einen Großteil seiner Wälder abgeholzt hatte, um London zu heizen. Während also Asien und Lateinamerika um 1800 in den Grenzen, die ihnen die biologische alte Ordnung auferlegte, gefangen blieben, begannen zunächst Großbritannien, dann aber auch andere europäische Länder (aus Furcht davor, gegenüber Großbritannien an Gewicht zu verlieren) auszubrechen, indem sie fossile Energiequellen (zuerst Kohle, dann Erdöl) für den Produktionsprozess nutzbar machten.

Die daraus erwachsenden Wandlungen änderten die wirtschaftliche Dynamik von Grund auf und mündeten in den Konjunkturzyklus von Boom und Niedergang, in eine wachsende Kluft zwischen den sozialen Klassen sowie zwischen den Menschen und dem Staat, in wachsenden Wettbewerb zwischen den europäischen Staaten um Kolonien, die ihren Volkswirtschaften garantierte Märkte und Rohstoffquellen verfügbar machen sollten. Schließlich mündeten sie in den Wettlauf um Kolonien in Afrika und um Konzessionen in China. Zum Unglück für die Teile der Welt, die noch in der biologischen alten Ordnung gefangen waren, kam es im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zur schlimmsten El-Nino-Wetterlage seit 500 Jahren: Sie tötete Millionen von Menschen in durch Dürre verursachten Hungerkatastrophen und trieb weite Teile Asiens, Afrikas und Lateinamerikas weiter in Bedingungen, die wir heute als „Dritte Welt" bezeichnen.