Die Arbeitersiedlung Gmindersdorf in Reutlingen als gelungener Beitrag zur Lösung der Sozialen Frage? Eine politische Debatte

Methodenvorschlag

2.1 Lernorterkundung

Das Gmindersdorf ist heute noch als zusammengehörende Siedlung zu erkennen, auch wenn diese mittlerweile mit der Stadt Reutlingen bzw. dem Stadtteil Betzingen verbunden ist. Auch wurden die Wohnhäuser in den letzten Jahrzehnten von ihren Besitzern mehr oder weniger stark renoviert. Dennoch lassen sich immer noch gut historische Aufnahmen mit aktuellen Ansichten vergleichen. Das gilt vor allem auch für die ehemaligen Gemeinschaftseinrichtungen Kaufhaus, Kinderhort und Altenhof. Im ehemaligen Kinderhort ist heute das Städtische Kinderhaus Reutlingen untergebracht.

Wohnhäuser in Gmindersdorf, Reutlingen Wohnhäuser in Gmindersdorf, Reutlingen
B 8 Wohnhäuser in Gmindersdorf, Reutlingen
© Heimatmuseum Reutlingen 1989/74
Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen
B 9 Wohnhäuser in Gmindersdorf, Reutlingen
© Dr. Ines Mayer 2014

Die ehemalige Arbeitersiedlung kann im Rahmen einer Exkursion erkundet werden, wobei es sich anbietet, weitere Programmpunkte einzuplanen. So gibt es mit dem evangelischen Pfarrer Gustav Werner, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Reutlingen ein „Rettungshaus“ – später in Bruderhaus umbenannt – gründete, einen weiteren Protagonisten der Sozialen Frage, diesmal von kirchlicher Seite, dessen Spuren man suchen kann. Eventuell kann man mit der Bruderhaus-Diakonie eine Führung vereinbaren oder die Schüler selbst per Internetrecherche oder Kontaktaufnahme mit dem Bruderhaus eine eigene Führung erarbeiten lassen. ( http://www.bruderhausdiakonie.de)
Möglich wäre auch die Verbindung mit einem Ausflug zur Weißenhofsiedlung nach Stuttgart, die eine Weiterentwicklung in puncto gesundes Bauen darstellt.

Marktplatz, vom Gelände des späteren Kinderhorts aus gesehen

B 29 Marktplatz, vom Gelände des späteren Kinderhorts aus gesehen, mit Kaufhaus (Bildmitte), Gmindersdorf Reutlingen
© Heimatmuseum Reutlingen 1989/74 / Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen

Zurück zu Gmindersdorf: Auch hier ist es möglich, eine Führung zu vereinbaren. Hierfür kann man sich an Holger Lange wenden: histoholger@gmx.de

Natürlich ist auch eine selbstorganisierte Führung nach dem Prinzip „Schüler führen Schüler“ möglich. Zur Vorbereitung eignet sich der vom Heimatmuseum Reutlingen 2003 herausgegebene Jubiläumsband „Arbeiter-Siedlung Gmindersdorf. 100 Jahre Architektur- und Alltagsgeschichte“, der z.B. in der Universitätsbibliothek Tübingen ausgeliehen werden kann (Signatur: 43 B 1111).

ehemaliger Kinderhort, heute Städtisches Kinderhaus Reutlingen

B 20 ehemaliger Kinderhort, heute Städtisches Kinderhaus Reutlingen
© Dr. Ines Mayer 2014

Der eigentliche Ort für die Bearbeitung des Moduls zu Gmindersdorf ist das Klassenzimmer.


2.2 Behandlung des Themas in der Schule

Die Ambivalenz des Gmindersdorf-Projekts bzw. des paternalistischen Lösungsansatzes für die Soziale Frage legt eine Unterrichtsmethode nahe, welche die verschiedenen Sichtweisen und Interessen miteinander konfrontiert, die Vorzüge und Nachteile für die Arbeiter abwägt. Besonders geeignet erscheint hierfür das Format der Debatte, wie es im Bundeswettbewerb Jugend debattiert praktiziert wird (siehe www.jugend-debattiert.de). Schulen bzw. Klassen, die an diesem Wettbewerb teilnehmen, können das Format gleich anwenden, Kollegen, denen es nicht vertraut ist, wird im Folgenden eine abgewandelte (Trainings-)Variante vorgestellt, die ohne vorbereitenden Aufwand sofort umgesetzt werden kann.

Wahlplakat (Europawahlen)

B 36 Wahlplakat (Europawahlen) vor dem ehemaligen Spinnereigebäude Gminder, Reutlingen
© Dr. Ines Mayer 2014

Die Ausgangssituation einer Debatte – im Gegensatz zu einer Diskussion – ist eine Entscheidungsfrage, zu der Pro- und Contraargumente erarbeitet und einander gegenübergestellt werden. Die Debatte soll dabei im besten Falle sachorientiert sein und der Ausbildung der Urteilsfähigkeit dienen, denn in der Regel steht am Ende einer Debatte eine Abstimmung (wie z.B. bei einer Parlamentsdebatte). Im konkreten Fall handelt es sich bei der Debattenrunde um einen Stiftungsvorstand, der einen Preis für den besten Beitrag zur Lösung der Sozialen Frage vergibt und nun entscheiden muss, ob dieser Preis der Firma Ulrich Gminder zuerkannt werden soll.

Entsprechend lautet die Entscheidungsfrage. „Soll der Firma Gminder in Reutlingen für ihre ‚Arbeiterkolonie Gmindersdorf’ der Preis für die Leistung eines vorbildlichen Beitrags zur Lösung der Sozialen Frage verliehen werden?“

Der Verlauf der Debatte wird von einer Protokollgruppe festgehalten, deren Aufzeichnungen die (visualisierte) Basis für eine Schlussabstimmung und ggf. eine anschließende Hausaufgabe (Zeitungsbericht oder –kommentar) bilden.

Arbeiterwohnung

B 41Arbeiterwohnung: Frau mit Kind, Matratze auf Boden, beengte Wohnverhältnisse
© SPD/Archiv der sozialen Demokratie 6/FOTB000893 / Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen

Methodisches Vorgehen:

1. Einstieg: (erste Doppelstunde)
Mit Hilfe des auf Folie M 1

Für Klassen, die mehr Input benötigen, oder als Impuls für weitere Aspekte können außerdem der Quellentext von Paul Göhre und das Foto einer Arbeiterwohnung eingeblendet und besprochen werden.
Die Schülerbeiträge können auf einer Flipchart oder an der Tafel (mit Hefteintrag) gesammelt werden, um während des weiteren Verlaufs als Problemstellung im Blick zu bleiben.

Grundrisse für Wohnhaus (Haustyp 6)

B 12 Grundrisse für Wohnhaus (Haustyp 6) in Gmindersdorf, Reutlingen
© Heimatmuseum Reutlingen 1989/74 / Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen

2. Übergang/Problematisierung:
Nach einem Hinweis des Lehrers /der Lehrerin auf die Arbeiterkolonie Gmindersdorf, die exemplarisch für den paternalistischen Lösungsansatz behandelt werden soll, wird das Übersichtsblatt D 1 , D 1a ,  D 1b ) gelesen und kurz besprochen.

Am Ende sollte eine erste kurze Einschätzung stehen: Trägt das Gmindersdorf-Projekt zur Behebung der eingangs festgestellten Probleme bei? Vermutlich wird hier eine positive Bewertung vorherrschen.
Unter Verweis auf den zeithistorischen Kontext bzw. den Erfahrungsraum der Zeitgenossen umreißt der Lehrer den weiteren Unterrichtsverlauf und stellt die fiktive Gesprächssituation vor: Die Debattenredner stellen den Vorstand einer zeitgenössischen Stiftung dar, die alle vier Jahre einen Preis für den besten Beitrag zur Lösung der Sozialen Frage vergibt. Ziel der Debatte ist es zu klären, ob der Firma Gminder dieser Preis zuerkannt werden kann. (Die genaue Aufgabenstellung findet sich auf AB 1
An dieser Stelle muss auch bereits das Format der Debatte eingeführt werden. Erklärung und Skizze befinden sich ebenfalls auf AB 1
www.jugend-debattiert.de/idee/die-debatte.html

Die im Unterrichtsvorschlag vorgesehene Debattenvariante ermöglicht es allen Schülern, sich im Mittelteil, der sogenannten freien Aussprache, mit eigenen Redebeiträgen zu beteiligen.

Portalinschrift des Kinderhorts Gmindersdorf, Reutlingen

B 18 Portalinschrift des Kinderhorts Gmindersdorf, Reutlingen
© Dr. Ines Mayer 2014

3. Erarbeitung:
Als erstes werden die Schülerinnen und Schüler – je nach Klassengröße – in zwei Pro- und zwei Contra-Gruppen sowie eine Protokoll-Gruppe eingeteilt. Die Einteilung erfolgt zufällig über das Austeilen der fünf Aufgabenblätter. Damit soll – entsprechend der Idee von Jugend debattiert – keine Zuordnung im Hinblick auf die individuelle Bewertung getroffen werden. Jede Gruppe muss sich sowohl mit den Pro- als auch den Contra-Argumenten auseinandersetzen, um fundierte Debattenbeiträge formulieren zu können, die ja die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel voraussetzen. Außerdem werden sowohl Sprachfähigkeit als auch Empathie besonders angeregt, wenn in der Debatte eine Position zu vertreten ist, die nicht der eigenen Haltung entspricht.

Zunächst müssen in den Gruppen jedoch die ausgegebenen Materialien durchgearbeitet, daraus Pro- und Contra-Argumente entwickelt und notiert werden. Die Materialauswahl trifft die Lehrkraft, als grundlegend werden jedoch folgende Quellenblätter empfohlen: T 1 , T 1a , T 1b zeigt die angespannte Wohnsituation im Raum Reutlingen insgesamt), T 2 ,T 3 ,T 4a ,T 4b ,T 5 ,T 6 ,T 7 ,T 8 

Jede Gruppe muss sich am Ende der Gruppenphase auf einen Podiumsredner einigen.
Auch die Protokollgruppe muss sich in die Problematik einarbeiten und Stichworte notieren.
(Zeitaufwand: eine Doppelstunde, evtl. drei Unterrichtsstunden)

Kinderschule

B 22 Kinderschule im Kinderhort Gmindersdorf, um 1915
© Bosch Reutlingen, Archiv Facility Management / Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen

4. Aussprache/Debatte: (zweite Doppelstunde)
Das Klassenzimmer wird für die Debatte vorbereitet: Vorne stehen zwei Tische für die Podiumsredner (Pro 1, Pro 2 vs. Contra 1, Contra 2), die übrigen Tische sollten wenn möglich an die Seite gerückt werden, die übrigen Schülerinnen und Schüler sitzen nur auf ihren Stühlen.

Die Mitglieder der Protokollgruppe müssen arbeitsteilig Notizen zu den Pro- bzw. Contraargumenten festhalten. (Je nach Ausstattung des Klassenzimmers auf OHP-Folien oder normalem Papier für die Projektion per Dokumentenkamera.)

Entsprechend der Vorgangsbeschreibung auf AB 1

Nach 12 bis 15 Minuten bzw. wenn die Lehrkraft den Eindruck hat, dass die Debatte nicht mehr vorankommt, leitet sie die Schlussrunde ein, in der die Podiumsredner jeweils eine Minute lang ein kurzes Fazit für ihre Position ziehen. Dabei bietet es sich an, sich auf das für den Redner stärkste Argument zu stützen.

5. Ergebnissicherung:
Die Protokollanten präsentieren im Anschluss an die Debatte (die übliche Sitzordnung im Klassenzimmer ist zuvor wiederhergestellt worden) noch einmal die Pro- und Contra-Argumente am OHP oder mit der Dokumentenkamera. Anhand dieser Gegenüberstellung kann eine Abstimmung in der Klasse vorgenommen werden, ob der Firma Gminder der Preis zuerkannt werden sollte oder nicht. Evtl. kann das Abstimmungsergebnis mit der Stimmungslage vor Beginn der GA verglichen und bei einer evtl. Veränderung nach den Gründen gefragt werden.
Die Aufschriebe der Protokollgruppe dienen – als Kopiervorlage – gleichzeitig der Ergebnissicherung und als Grundlage für die Hausaufgabe.

Wirtschaft

B 33 Wirtschaft „Karz“, mit Kegelbahn (rechts), Gmindersdorf, Reutlingen
© Dr. Ines Mayer 2014

6. Reflexion / Hausaufgabe:
Die Aufgabenstellung könnte lauten: Verfassen Sie einen Zeitungsbericht (oder anspruchsvoller: Kommentar) über die Debatte. Hierbei kann noch, nach politischer Ausrichtung der Zeitung differenziert, entweder für ein konservatives Blatt wie die Schwäbische Chronik oder für ein sozialdemokratisches Organ wie den Vorwärts oder die Freie Presse geschrieben werden.

Als Hausaufgabe eignen sich auch die Materialblätter M 2 ,M 3  Auch M 4 

Turnerriege

B 38 Turnerriege Gmindersdorf, um 1928
© Sammlung Holger Lange, Reutlingen / Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen

Die Unterrichtseinheit eignet sich in erster Linie für die Sekundarstufe II, kann jedoch auch (in abgewandelter Form) in der Sek. I durchgeführt werden. Dabei kann von der Lehrkraft sowohl bei den ausgegebenen Quellen und Materialien eine dem Leistungsstand der Klasse angemessene Auswahl getroffen werden, als auch die Methode abgewandelt werden. Das recht anspruchsvolle Jugend debattiert-Format kann vereinfacht werden, etwa durch eine einfache Podiumsdiskussion zwischen den Gruppenvertretern, die evtl. von der Lehrkraft oder einem Schüler(tandem) moderiert wird. Auch können die Materialien im Rahmen eines Lernzirkels oder Gruppenpuzzles zum Einsatz kommen. Selbstverständlich können einzelne Materialien auch für eine herkömmliche Textarbeit zur Unterrichtseinheit „Soziale Frage“ verwendet werden.

Kinderhort Gmindersdorf:

B 21 Kinderhort Gmindersdorf: Zimmer mit Laufstall für „Rutscherlein“, 1915
© Bosch Reutlingen, Archiv Facility Managemen / Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen

Die bereitgestellten Materialien lassen sich aber auch für andere Unterrichtsmethoden einsetzen, z.B. für einen Lernzirkel, ein Gruppenpuzzle, aber auch als Grundlage für die Erarbeitung einer politischen Rede. Hier kann sogar fächerübergreifend mit Deutsch gearbeitet werden, indem z.B. Techniken wie die Fünf-Satz-Methode angewandt oder in die Redeanalyse eingeführt werden.

Eine mögliche Situation könnte folgendermaßen aussehen: Die Vorzüge der Arbeiterkolonie Gmindersdorf werden von Spinnereidirektor Wilhelm Kuhn auf einer Betriebsversammlung dargelegt ( T 1 , AB 2 Schwäbische Chronik bzw. für den Vorwärts oder die Freie Presse, das sozialdemokratische Organ für den Reutlinger Wahlkreis. Diese Aufgabe kann jedoch auch an zwei Arbeitsgruppen vergeben werden. Die entsprechenden Rollenkarten liegen bei ( AB 2 )

Zur Vertiefung oder als Ausblick/Aktualisierung eignen sich die Materialblätter M 2 ,M 3 


Reduktionsmodell - „Das Thema in zwei Unterrichtsstunden“:

Für die Reduktion des Stoffes auf eine Doppelstunde muss der Rahmen einer (Jugend debattiert-)Debatte zugunsten einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit mit Präsentation und kurzer Diskussion im Plenum aufgegeben werden. Eine Vertiefung/Reflexion bzw. ein Ausblick kann auch hier in Form einer Hausaufgabe erfolgen.

Gedenktafel

B 25 Gedenktafel vor dem ehemaligen Altenhof Gmindersdorf
© Dr. Ines Mayer 2014

1. Einstieg: Der Einstieg erfolgt wie oben beschrieben anhand der Folie M 1 ,D 1 ,D 1a

2. Erarbeitung: Die Materialien T 1 ,T 2 ,T 4 ,T 4a ,T 4b ,T 5 ,T 6

3. Präsentation: Die Präsentation der Gruppenergebnisse erfolgt anhand der Flipchartbögen, die – sortiert nach Pro und Contra – nebeneinander an die Tafel gehängt (Magnete) und von den Gruppensprechern kurz kommentiert werden.

4. Aussprache: In einer offenen Diskussionsrunde wägen die Schülerinnen und Schüler die vorgestellten Argumente gegeneinander ab. Hier sollte auf jeden Fall die Ausgangsfrage – die Lösung der Sozialen Frage durch die Verbesserung der Wohnsituation – und übergeordnet die Bewertung paternalistischer Konzepte (von der Lehrkraft) im Blick behalten werden.

5. Ergebnissicherung: Diese wird durch die von den Schülerinnen und Schülern in der Erarbeitungsphase erstellten Kopiervorlagen gewährleistet, die überdies als Grundlage für die Hausaufgabe dienen können. Hierbei soll ein Kommentar zum Wohnsiedlungsprojekt Gmindersdorf verfasst werden.

Vertiefung/Hausaufgabe: als Hausaufgabe können auch – wahlweise oder arbeitsteilig – M 2 , M 3 , M 4 

Lageplan

B 2 Lageplan Gmindersdorf, Reutlingen, 1908
© Heimatmuseum Reutlingen 1989/74 / Dieses Bild ist von der Lizenz CC-BY 4.0 ausgenommen

 

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