Migration - Fortschaffung der Katharina R.

1. Bedeutung

Als Hauptmotive für die Amerikaauswanderung im 19. Jahrhundert werden neben wirtschaftlichen meist auch religiöse Gründe genannt. Politische push-Faktoren spielten dagegen nur kurzzeitig nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 eine Rolle und fielen quantitativ weniger ins Gewicht. Nicht alle Auswanderer beugten sich jedoch allgemeinen wirtschaftlichen Zwängen oder privater Not und verließen "freiwillig" ihre Heimat. Auch der badische Staat und viele Gemeinden förderten ganz zweckorientiert die Auswanderung der Landeskinder. Man hatte erkannt, dass es auf lange Sicht billiger und effektiver war, den Ortsarmen, sozialen Problemfällen und gesellschaftlich Randständigen in der rasch wachsenden Bevölkerung das Passagegeld nach Amerika zu bezahlen, anstatt sie über Jahre hindurch auf Gemeinde- und Staatskosten ohne Aussicht auf Verbesserung ihrer Lage zu unterstützen. Folgerichtig wurden auch Insassen von Straf- und Korrektionsanstalten mit öffentlicher Unterstützung abgeschoben.

Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie, warum und unter welchen Bedingungen Menschen während des 19. Jahrhunderts ihre südwest-deutsche Heimat verließen oder verlassen mussten, zwingt dazu, den Blick auf die sozioökonomischen Verhältnisse jener Zeit zu richten. Gleichzeitig spiegeln sich darin aber auch Aspekte des gegenwärtigen Migrationsgeschehens in Deutschland. Parallelen zu aktuellen be-hördlichen Mechanismen, dem Verhalten der Beteiligten und zu den sozialen Begleiterscheinungen (z. B. Minimierung von Sozialhilfelasten, Beschaffung von Arbeitsplätzen, Abgleiten in Kriminalität etc.) lassen sich auch in den Verwaltungsakten des 19. Jahrhunderts finden. Die historische Perspektive kann deshalb auch zu einem vertieften Verständnis der heutigen Migrationsproblematik in den jeweiligen Ziel- und Quellländern führen.

Dazu wird als Fallbeispiel die nur bruchstückhaft rekonstruierbare Lebensgeschichte der Katharina R. aus Eberbach/Neckar herangezogen, die als Waise keiner geregelten Arbeit nachging, als Landstreicherin straffällig wurde, ins Gefängnis kam und sich dort für die Auswanderung und ein neues Leben in Amerika entschied. Alltagsgeschichtliche und sozialpolitische Parallelen lassen sich ziehen z.B. hinsichtlich der heutigen staatlich geförderten Vermittlung von Arbeitslosen ins Ausland und den Rückkehrbeihilfen für abgewiesene Asylbewerber.

- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Karlsruhe -