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Virtuelle Ausstellungen: ein Konzept für die Zukunft? Das Beispiel "Bedrohte Ordnungen"

Schülerinnen und Schüler kennen herkömmliche Ausstellungen in Museen oder bei Sonderausstellungen aus Anlass eines bestimmten Jubiläums. Schülerinnen und Schüler kennen auch das Internet als Unterhaltungsmedium daheim wie als Recherchewerkzeug für die Schule. Wenn man beide Ebenen mischt, entsteht ein virtuelles Museum, mit dem viele Museen heute auch schon arbeiten (zu denken wäre etwa an die Darstellung vergangener Sonderausstellungen vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg). Der Sonderforschungsbereich "Bedrohte Ordnungen" der Universität Tübingen nutzt das Werkzeug "Virtuelle Ausstellung" zur Darstellung der eigenen Forschungsergebnisse. Dies geschieht auf verschiedenen medialen Kanälen - sowohl via Texte als auch via Bilder und Videos. Für Schülerinnen und Schüler besteht so die Möglichkeit, einen Blick auf entstehende Forschung und deren Leitfragen zu werfen.

Aus der Website bedrohte-ordnungen.de


Die virtuelle Ausstellung "Bedrohte Ordnungen" mehrdimensional strukturiert: Ausführlich werden die einzelnen historischen Fälle linear, entlang der vier Leitfragen des Projekts erzählt. Darüber hinaus eröffnet die Website die Möglichkeit, innerhalb einer Leitfrage zwischen den Fällen zu wechseln, um dadurch den theoretischen Blick auf die Vergleichbarkeit menschlicher Handlungs- und Kommunikationsmuster in Bedrohungssituationen zu erleichtern Dadurch kann jeder Besucher einen individuellen Weg durch die Ausstellung einschlagen - ein Merkmal, das rein räumlich von keiner herkömmlichen Ausstellung geboten werden kann.

Die Schülerinnen und Schüler können sich so nicht nur mit den einzelnen Oberthemen auseinandersetzen, sondern auch tief in einzelne Forschungsfragen eintauchen und deren Relevanz für "Bedrohungsszenarien" und "Bedrohungskommunikation" reflektieren. Abschließend sollen in diesem Modul die Möglichkeiten und Grenzen von virtuellen Ausstellungen abgewogen werden und die Frage diskutiert werden, ob virtuelle Ausstellungen langfristig analoge ersetzen werden.


1. Einstieg: Strukturierungskonzepte von Ausstellungen

Einstiegsgespräch über Erfahrungen in historischen Ausstellungen

These: "Historische Ausstellungen folgen bestimmten Strukturierungskonzepten."

Überprüft diese These anhand zwei der folgende  Beispiele:

 ...denn die Zeiten ändern sich. Die 60er-Jahre in Baden-Württemberg

‚Auf nackter Haut' - Leib.Wäsche.Träume 

 ‚Fastnacht der Hölle' - Der Erste Weltkrieg und die Sinne‘

RAF - Terror im Südwesten  

 

 

 

Anmerkungen

zu Phase 1. Einstieg: Strukturierungskonzepte von Ausstellungen

Schülerinnen und Schüler werden herausfinden, dass Ausstellungen thematisch (Fastnacht der Hölle, ...denn die Zeiten ändern sich, RAF) oder chronologisch (Auf nackter Haut) geordnet sein können. Sie können sich auch zur Binnenstrukturierung äußern (z.B. zum Aufbau des Raumes, zum Arrangement der Exponate, dem Verhältnis von Erklärungstext und Exponat, den Elementen der Besucherführung, der Bedeutung der Farbwahl, usw.)

 

 

 

2. Informationsphase: Das Konzept der virtuellen Ausstellung am Beispiel des Tübinger SFB "Bedrohte Ordnungen(Lehrervortrag)

  • Die Ausstellung stellt Ergebnisse eines interdisziplinären (z.B. Geschichtswissenschaft, Germanistik, Soziologie, Theologie) Forschungsprojekts vor. Die Forschungen und die Ausstellung werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (deren Mittel wiederum von Bund- und Ländern stammen) finanziert und an der Universität Tübingen durchgeführt.
  • Im Projekt geht es darum, Situationen zu untersuchen, „in denen Menschen das Vertrauen in gewohnte Abläufe, das Handeln ihrer Mitmenschen und den Glauben an eine sichere Zukunft verlieren.“ Die Tübinger Wissenschaftler nennen solche Situationen ‚Bedrohte Ordnungen‘.
  • Um dies gemeinsam untersuchen zu können, haben die Wissenschaftler wichtige Leitfragen entwickelt, die in allen Teilprojekten verfolgt werden. Durch die Untersuchung und den Vergleich vieler einzelner Fälle soll am Ende das Gesamtverständnis solcher Situationen erhöht werden.
  • Um das Projekt einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen, wurde die virtuelle Ausstellung entwickelt.

3. Erarbeitung I: Reproduktion des Forschungsansatzes und Analyse der Struktur

Arbeitsauftrag (auch als pdf)

1. Öffne die Website bedrohte-ordnungen.de und mache dich mit ihrer Nutzung vertraut.

2. Beschreibe in eigenen Worten, was das Ziel des Projekts ist und welche Leitfragen verfolgt werden sollen. Nutze dazu den Videoclip von Prof. Dr. Mischa Meier sowie die fünf darum angeordneten Textabschnitte. 

 

 

 

Anmerkungen

zu Phase 3. Erarbeitung I: Reproduktion des Forschungsansatzes und Analyse der Struktur

  • Da die Leitfragen die Grundlage für die Erarbeitung II sind, ist es wichtig, ihren Kern in der Auswertung deutlich herauszustellen und festzuhalten:
    • Die Frage ‚Was bedroht uns?‘ ist aus der Perspektive der Betroffenen zu verstehen und fragt danach, was als Bedrohung empfunden wird bzw. wie sie von ihnen beschrieben wird.
    • 'Wer sind wir?‘ zielt auf die Kommunikation über Gruppenidentitäten.
    • Unter dem Aspekt ‚Was brauchen wir‘ wird die Mobilisierung von Personen, Dingen, Erklärungsansätzen, etc. analysiert.
    • Die Frage ‚Was tun wir?‘ hat zwei Zielrichtungen: Einerseits geht es um das praktische Handeln der Akteure in den Bedrohungssituationen; andererseits wird darunter in der virtuellen Ausstellung die Veränderung der Ordnung durch die Bedrohungssituation thematisiert. Dieser zweifache Sinn rührt aus den Anforderungen an die virtuelle Ausstellung: Während im theoretischen Ansatz des Forschungsprojekts alle vier Prozesse – also die Thematisierung einer Veränderung als Bedrohung, die Rückwirkung der Bedrohungskommunikation auf Gruppenidentitäten, die Versuche, Ressourcen zu mobilisieren sowie die Bewältigungspraxis – als parallel ablaufende und sich gerade wechselseitig beeinflussende Prozesse verstanden und untersucht werden, ist im Format der virtuellen Ausstellung ein linearer ‚Plot‘ gefragt. Der letzten Frage ‚Was tun wir‘ kommt daher in den Fallbeispielen die Rolle des ‚Endes‘ zu, in dem die Folgen der Bedrohungssituation dargestellt werden.
    Außerdem ist es wichtig, in der Besprechung die beiden analytischen Ziele des Projekts festzuhalten: Einerseits sollen zeitübergreifend gedachte, allgemeine Gemeinsamkeiten gesellschaftlicher Bedrohungssituationen erschlossen werden; vor deren Hintergrund sollen sich andererseits zeit- und situationsspezifische Besonderheiten abheben und vergleichbar werden.

 

 

 

4. Erarbeitung II: Eigener Nachvollzug von historischen Vergleichen

Die Schülerinnen und Schüler sollen die Forschungsmethodik des SFB selbst nachvollziehen und ihre Haltbarkeit überprüfen. 

In allen Fallbeispielen geht es darum, wie sich die Kommunikation über Bedrohungssituationen etablierte (Gruppe 1), wie sich das auf Gruppenidentitäten auswirkte (Gruppe 2), was zur Abwehr der Bedrohung getan wurde (Gruppe 3) und welche Veränderungen die Bedrohungssituation tatsächlich bewirkte (Gruppe 4). Innerhalb dieser einzelnen Aspekte lassen sich jedoch Unterschiede herausarbeiten.

Übergreifender Arbeitsauftrag (auch als pdf) :

1. Lest zunächst alle drei Fallbeispiele durch und findet eine Überschrift zu jedem eurer drei Fallbeispiele, die sich auf die jeweilige Leitfrage bezieht (z.B. "Was bedroht uns?").

2. Untersucht folgende Detailfragen:

Welche Grundannahmen macht das Projekt: Was muss der Fall sein, damit eine Bedrohungssituation gegeben ist?

Gibt es tatsächlich „zu allen Zeiten in unterschiedlichen Gesellschaften vergleichbare Handlungsmuster?“

Inwiefern führt der Ansatz des Projekts zu einem besseren Verständnis von Bedrohungssituationen?

3. Erstellt eine Präsentation eurer Ergebnisse, in der ihr die Fallbeispiele (sehr kurz) und die Ergebnisse eures Vergleichs darstellt.

 

Mögliche Gruppierungen:

Gruppe 1:

Was bedroht uns?

Wie wird die Bedrohung beschrieben?

Gruppe 2:

Wer sind wir?

Gruppe 3:

Was brauchen wir?

Gruppe 4:

Was tun wir oder was verändert sich?

Belagerung Konstantinopels

Vergifteter Reis im Nordkaukasus

Bewältigung nach 9/11

 

Antijüdisches Theater im Spätmittelalter

Erste Börsencrashs in London und Paris

Gescheitertes Sozialbauprojekt in Murcia

Erdbeben am Golf von Neapel

Ordnungssuche im Frankenreich

Gewaltfreie Proteste in Biafra

Klosterauflösungen durch die Reformation

Kirchenreformen in den Alpen

Lynchmorde im Süden der USA nach 1945

 

 

 

 

Anmerkungen

zu Phase 4. Erarbeitung II: Eigener Nachvollzug von historischen Vergleichen

Die Zuordnung der drei Themen zu den Leitfragen ist bewusst so erfolgt, dass häufig die Extreme zusammenkommen und die Unterschiede somit klar erkennbar sind. Dadurch wird das Potenzial eines aspektorientierten/ fragegeleiteten Ansatzes, Unterschiede vergleichbar zu machen, deutlich. Da dies aber dazu führen könnte, dass die Unterschiede der einzelnen Fälle von Bedrohungssituationen gegenüber den Gemeinsamkeiten überbetont erscheinen, könnte das Auswahlkriterium ggfs. im Auswertungsgespräch reflektiert werden. Der folgende Erwartungshorizont ist ausdrücklich als eine mögliche (nicht die einzige) Lösung zu verstehen. Die Gruppen können auch andere Schwerpunkte setzen.

Gruppe 1 – Was bedroht uns? Wie wird die Bedrohung beschrieben? Etablierung von Bedrohungskommunikation

  • Entschärfung von Bedrohungen (Belagerung Konstantinopels)
  • Scheitern der Versuche, Kommunikation über die Bedrohung zu etablieren (Vergifteter Reis im Nordkaukasus)
  • Verortung der Bedrohung bei ‚Fremden‘, die nicht als Teil der eigenen Ordnung verstanden werden (Bewältigung nach 9/11)

Gruppe 2 –Wer sind wir? Auswirkung der Bedrohungssituation auf Gruppenidentitäten

  • Stärkung der Gemeinschaft durch Ausgrenzung anderer (Antijüdisches Theater im Spätmittelalter)
  • Identitätsbildung als Opfergruppe (Börsencrashs, John Evelyn)
  • Keine Entstehung einer Gruppenidentität (Börsencrashs, Jean Vercour)
  • Polarisierung und Spaltung einer Gruppenidentität (Gescheitertes Sozialbauprojekt in Murcia)

Gruppe 3 – Was brauchen wir? Mobilisierung zur Bedrohungsabwehr

  • Plausible Erklärung der Bedrohung (Erdbeben am Golf von Neapel)
  • Wiederherstellung einer besseren Ordnung ‚von oben‘ (Ordnungssuche im Frankenreich)
  • Gewaltfreie Abwehr der Bedrohungssituationen ‚von unten‘ (Gewaltfreie Proteste für Biafra)

Gruppe 4 – Was tun wir oder was verändert sich? Veränderungen durch die Bedrohungssituation

  • Auflösung der Ordnung (Klosterauflösungen durch die Reformation)
  • Standhalten gegenüber dem Veränderungsdruck (Klosterreformen in den Alpen)
  • Mischung aus Kontinuität und Wandel (Lynchmorde im Süden der USA nach 1945)

 

 

 

5. Integration/Transfer: "Was fühlen wir uns heute bedroht?"

Die Schülerinnen und Schüler äußern sich zur gegenwärtig gefühlten Bedrohungen (z.B. Bedrohungsgefühl durch Migrationsbewegungen, Reaktionen auf den Klimawandel, Manipulation durch Algorithmen im Internet,...) und differenzieren zwischen wirklichen und gefühlten Bedrohungen.

"Was hat der Forschungsansatz mit mir zu tun?" - Die Schülerinnen und Schüler beurteilen, inwiefern der Ansatz von "Bedrohte Ordnungen" für ihr gegenwärtiges Verständnis von Bedrohungen beiträgt.

6. Reflexion: Werden virtuelle Ausstellungen ‚analoge‘ langfristig ersetzen?

Es gibt zwei Möglichkeiten, sich in der Ausstellung zu bewegen. Inwiefern ist diese Dopplung den Zielen des Projekts dienlich ist?

Anhand der Fragestellung "Werden virtuelle Ausstellungen ‚analoge‘ ersetzen?" können die beiden Ausstellungsarten im Vergleich reflektiert und die jeweiligen Vorzüge und Nachteile thematisiert werden.  Detailfragen könnten sein:

  • Wo liegen Stärken/Schwächen virtueller Ausstellungen? Was hat euch gefehlt? Was hat euch überzeugt?
  • Inwiefern wird der Typus der virtuellen Ausstellung dem Thema "Bedrohte Ordnungen" besonders gerecht?

Differenzierung:

Untersuche einzelne mediale Elemente der virtuellen Ausstellung zu einem Thema, das dich besonders interessiert hat.


Dieses Modul geht auf die innovative Unterrichtsidee von Benjamin Bräuer (Gymnasium Hechingen) zurück und basiert auf der Kooperation mit dem SFB "Bedrohte Ordnungen" der Universität Tübingen.

Weiterführende Literatur mit vielen didaktischen Vorschlägen zu Teilthemen des Projekts:  Dennis Schmidt, Johanna Singer, Roland Wolf (Herausgeber): Bedrohte Ordnungen: Konzepte, Materialien und Arrangements für den Geschichtsunterricht, Schwalbach 2018.