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Zeitzeugen - eine ambivalente Quelle?

Im Geschichtsunterricht sind Zeitzeugen sehr beliebt: Angesichts ihrer unmittelbaren Authentizität haben sie einen enormen Effekt auf die Vermittlung geschichtlicher Inhalte. Die persönliche Note, die sonst abstrakte Ereignisse wie Flucht und Vertreibung, Mauerbau oder Staatssicherheit (ganz zu schweigen von Themen aus den Zeit der NS-Diktatur) greifbar werden lässt, verleiht dem Zeitzeugen etwas Unangreifbares: er hat Geschichte erlebt, seine Glaubwürdigkeit steht zunächst einmal außer Zweifel. Dass der Zeitzeuge selbstverständlich hochgradig subjektiv urteilt, verschwindet angesichts dieser Vorteile zunächst. Schwierig wird es im Unterricht, wenn ein Zeitzeuge den im Schulbuch dargestellten Ereignissen aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen widerspricht.

Um Schüler auf die den Zeitzeugen innewohnende Problematik aufmerksam zu machen, sind in diesem Modul 13 (überwiegend kritische) Aussagen von Historikern zur Bedeutung und Funktion von Zeitzeugen gesammelt und dargestellt. Mit diesen kann vor oder nach einem Zeitzeugenbesuch reflektiert werden, was von einem Zeitzeugen zu erwarten ist (und was nicht), welche Rolle Zeitzeugen im heutigen historischen Betrieb haben und inwieweit der Zeitzeuge an sich quellenkritisch zu behandeln ist.

Methodisch kann jeder Schüler bzw. ein Schülertandem zunächst mit einem Zitat ausgestattet werden, das verständlich erklärt werden soll und das danach kritisch reflektiert wird. Ebenfalls ist es möglich, dass die Schüler mit allen Zitaten zugleich konfrontiert werden und sich zwei Zitate aussuchen, mit denen sie übereinstimmen, sowie eines, das sie ablehnen, und eines, das sie nicht verstehen. Auch hieran kann sich eine kritische Diskussion anschließen, während der die Schüler auch distanzierend zu den unten dargestellten Thesen eine Gegenposition entwickeln können.

Ein Zeitzeuge spricht vor einer Schulklasse.
Ein Zeitzeuge spricht vor einer Schulklasse.
Foto: D. Grupp 2005

Die Zitate sind zur leichteren Verständigung durchnummeriert.

  1. "In der simplen Frage, ob Täter Zeitzeugen sein können oder dürfen, liegt die Spannung zwischen der auratischen und der kathartischen Bestimmung des Zeitzeugen offen zutage."
    (Martin Sabrow, S. 28)
  2. "Oft reproduzieren Zeitzeugen genau jene Stereotype, die man eigentlich zugunsten der Aufklärung über Geschichte auflösen sollte, und im Übrigen liefern Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nur höchst selten Informationen über das hinaus, was aus anderen Quellen erschließbar ist."
    (Harald Welzer, S. 33)
  3. "Zeitzeugen waren seit den 1970er Jahren zu einem unabdingbaren heuristischen und ästhetischen Element historischer Dokumentationen im Fernsehen geworden."
    (Rainer Gries, S. 50)
  4. "Der Zeitzeuge macht die Besonderheit der Zeitgeschichte aus."
    (Sybille Steinbacher, S. 145)
  5. "Die Zeitzeugen dienten seit 1945 sporadisch, seit spätestens Ende der fünfziger Jahre als integrierter und integrierender Bestandteil von Erinnerungsritualen."
    (Silke Satjukow, S. 222)
  6. "Die monotone Klage, wie es mit der Erinnerung weitergehe, wenn die Zeitzeugen gestorben sind, könnte den Eindruck erwecken, die Zeitzeugen würden alle Kenntnis der Vergangenheit mit ins Grab nehmen und die Menschheit sänke ins archaische Stadium vollkommener Unwissenheit und Ahnungslosigkeit zurück."
    (Heidemarie Uhl, S. 226)
  7. "Das emotionale Potenzial von Zeitzeugenberichten ist in allen Verwendungsformen präsent und kommt als didaktisches Mittel insbesondere im Schulunterricht zum Tragen."
    (Heidemarie Uhl, S. 239)
  8. "Ein weiterer Aspekt ist die Aussparung der Täter, die in die Kategorie des Zeitzeugen gerade nicht inkludiert ist."
    (Heidemarie Uhl, S. 243)
  9. "Es sind nicht zuletzt die eindrücklichen Zeugenaussagen aus Filmen und Fernsehsendungen, die das Verhalten der sich gegenwärtig zu Wort meldenden Zeitzeugen prägen."
    (Judith Keilbach, S. 299)
  10. "Der Zeitzeuge verkörpert ebenso die subjektive, lebensbiographisch konnotierte Zeitaneignung wie die Pluralisierung von Perspektiven und die emotionale Grundierung des Erinnerungsparadigmas."
    (Christoph Classen, S. 314)
  11. "Geschichtswissenschaftler weinen einfach nicht genug vor der Kamera. Sie müssen als Medienfigur noch einmal neu erfunden werden."
    (Wulf Kansteiner, S. 353)
  12. "Indessen hat es mir (sic!) oft viel Mühe gekostet, hinter die eigentliche Wahrheit zu kommen, weil die, (die) bei den jedesmaligen Verrichtungen zugegen gewesen, in ihren Berichten oft nicht einstimmig waren, sondern nachdem sie einer oder der andern Partei günstig waren, oder auch ihr Gedächtnis ihnen zustatten kam, die Sachen verschiedentlich erzählten."
    (Thukydides, Peloponnesischer Krieg, S. 32, I, 22)
  13. "Innerhalb einer Generation werden die Gedenkstätten und Museen Staub ansammeln - wie heute auf den Schlachtfeldern der Westfront wird man dort nur noch die besonders Interessierten und Angehörigen treffen."
    (aus: Tony Judt, Die Geschichte Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, München/Wien: Hanser 2006, S. 966)
  14. "Das ist eine sehr große Problematik heutzutage. Dass man den Zeitzeugen blind vertraut."
    (aus: Rainer Wirtz, Alles authentisch: so war's. Geschichte im Fernsehen oder TV-History, in: Thomas Fischer, ders. (Hgg.). Alles authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen, Konstanz. UVK 2008, S. 9-32, S. 21)
  15. "Zeitzeugen sind für zeitgeschichtliche TV-Dokumentationen in der Regel keine Quelle für neue historische Erkenntnisse."
    (aus: Thomas Fischer, Erinnern und Erzählen. Zeitzeugen im Geschichts-TV, in: ebda., S. 33-50, S. 42)
  16. "Andererseits stehen sie [die Zeitzeugen, Anm. d. Red.] jedoch für eine eine Rückkehr zu vormodernen Formen der mündlichen Geschichtstradierung, wobei die vereinfachten Aussagen der Zeitzeugen die professionelle Deutung der Zeithistoriker ersetzen."
    (aus: Frank Bösch, Geschichte mit Gesicht. Zur Genese des Zeitzeugen in Holocaust-Dokumentationen seit den 1950er-Jahren, in: ebda., S. 51-72, S. 52)

Die Zitate sind, wenn nicht anders angegeben, folgendem Buch entnommen:
Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Martin Sabrow, Norbert Frei (Hgg.), Göttingen: Wallstein 2012.


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