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Die Perspektive des 20. Jahrhunderts auf den Deutschen Bund

Das in der Reichsgründungszeit etablierte Bild vom Deutschen Bund lebte in nationalen und internationalen Darstellungen zur deutschen Geschichte, trotz gewisser Differenzierungen, fort. Dies galt auch für die in den 1930er Jahren in die USA und nach Großbritannien emigrierten liberalen deutschen Historiker. Die deutsche landesgeschichtliche Forschung hatte ihre Mission mit dem Aufgehen ihrer Länder im Reich als erfüllt angesehen. Der Ausfall der Landesgeschichte als Korrektiv bewirkte, dass es zu unzulässigen, an Preußen orientierten Generalisierungen kam. Dies galt auch für das politische System und die Verfassungsordnungen, beispielsweise in den süddeutschen Staaten, in den Hansestädten und in der Habsburgermonarchie, die sich von Preußen unterschieden. Die preußischen Reformen seit 1807 standen für die "deutsche Reformzeit", während die Rheinbundreformen ausgeblendet wurden. Die Orientierung am Nationalstaat und einem unitarischen System mit gewissen Konzessionen an föderative Elemente beherrschte auch die Diskussionen in der Weimarer Republik und im "Drittem Reich". Sie brachten kaum Korrekturen am Geschichtsbild. […]

In Frankfurt wurde auf dem sog. Fürstentag 1863 über eine Reform der Bundesverfassung beraten. Als Preußen dem Treffen fernblieb, scheiterten die Verhandlunge

Eine Neubewertung des Bundes setzte in der deutschsprachigen Forschung auch nach 1945 nur langsam ein, befördert durch ein neues Interesse an föderativen Ordnungsmodellen, das sich insbesondere aus den Anfängen der europäischen Integration und dem föderativen Staatsaufbau der Bundesrepublik speiste. […] Der kanadische Historiker Robert Spencer etwa begründete 1962 in einem grundlegenden Aufsatz, warum eine Geschichte des Bundes so schwierig zu schreiben sei. Seine allgemeine Geschichte sei bekannt. Dies gelte jedoch nicht für wichtige Aspekte seiner Funktionsweise, seiner Aufgaben, Leistungen und Erfolge. Diese würden vielfach missverstanden und historisch falsch eingeordnet. Eine Analyse der Bundesebene, ohne die einzelstaatlichen und europäischen Entwicklungen zu berücksichtigen, greife zu kurz. Binnen- und internationale Geschichte müssten in einer Geschichte des Deutschen Bundes verknüpft werden.

Seit den 1970er Jahren begann sich in der deutschsprachigen Forschung die Bewertung des Deutschen Bundes und seines Stellenwerts für die deutsche und europäische Geschichte deutlich zu verändern. Es wurde ein Editionsprojekt zur politischen Geschichte des Deutschen Bundes zwischen 1815 und 1866 auf den Weg gebracht. Es erschienen zahlreiche Studien zu Einzelaspekten der Bundesgeschichte, von der Finanzverfassung über die Publizistik, das Militärwesen und Verfassungsfragen zur Bundesreform, zum Zollverein, zur internationalen Ordnung, zum Verhältnis zwischen Einzelstaaten und Bund, sowie Einführungen in die Bundesgeschichte. Insbesondere die Landesgeschichtsforschung nahm den Deutschen Bund als Untersuchungsgegenstand wieder in den Blick. […] Ein europäischer und einzelstaatlicher Ansatz verschob den Fokus, weg von einer ausschließlichen Fixierung auf die Reichs- und Nationalstaatsgründung. Aus einer neuen und komplexeren Sicht wandelte sich das Bild vom Deutschen Bund. Das Urteil wurde ausgewogener.


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Herausgeber: Landesbildungsserver Baden-Württemberg
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