Hier finden Sie Informationen zu den Bildungsplänen im Fach Geschichte, außerdem Unterrichtsmaterialien, Linksammlungen, Werkzeuge zur Eigenrecherche und Hinweise auf außerunterrichtliche Lernorte.

2.3 Stadtbild, soziales und politisches Leben Friedrichshafens vor der Industrialisierung

Die Stadtentwicklung bis zu jener Zeit lässt sich noch heute im Stadtplan und in Resten im Stadtbild ablesen

Kerne der Stadtentwicklung waren, wie bereits angedeutet, die alte Reichsstadt mit ihren wenigen Gassen, meist einstöckigen Häusern, im Osten, und dem Schloss und Dorf Hofen im Westen. König Friedrich verband beide Teile symmetrisch durch die sogenannte Neustadt, lange Zeit eine einfache Häuserzeile. Ins Zentrum der Neustadt kam 1847 der Bahnhof zu stehen. Der bedeutende städtebauliche Entwurf einer symmetrischen Stadtanlage hat seine Funktion als Grundmodell der städtebaulichen Entwicklung der Stadt leider bald verloren und ist heute fast ganz zurückgetreten.

Friedrichshafen von Nordwesten um 1850
Friedrichshafen von Nordwesten um 1850
Bild mit freundlicher Genehmigung des Kreisarchivs Bodenseekreis, Salem 1500x781 Pixel

Die weitere Ausdehnung der Stadt in der 2. Jahrhunderthälfte vollzog sich dann für die gehobenen Kreise im Westen der Stadt nördlich des Schlosses und im Osten um den kleinen Berg für das Kleinbürgertum. Durch ein Ortsbaustatut von 1876 wurde versucht, sehr präzise Gestaltungsvorschriften sowohl für Alt- wie für Neubauten durchzusetzen, die der Stadt ein "anständiges" und geschlossenes Aussehen verleihen sollten. Ausnahmen wurden nur auf der einen Seite für das Dorf Hofen gemacht, wo man das dörflich geprägte Erscheinungsbild dulden musste, nach der anderen Seite für das Schlossgebiet. Hier durften nur noch "landhausartige Gebäude von geschmackvollem Äußeren" errichtet werden.

Bosses
Friedrichshafen Luftaufnahme um 1912
Bild mit freundlicher Genehmigung des Kreisarchivs Bodenseekreis, Salem 1500x1066 Pixel

Dass man von dieser Zielvorstellung doch etwas entfernt war, konstatierte enttäuscht ein Reiseführer von 1859. Er empfahl den Reisenden bei schlechtem Wetter mangels anderer Gelegenheiten die Gasthöfe aufzusuchen. Dort hätte er "Gelegenheit (mit) einer großen Zahl von Post-, Eisenbahn-, Zoll- u.a. Beamten Kontakt (aufzunehmen), welche in Verbindung mit mehreren einheimischen, Spedition und Kommission treibenden Persönlichkeiten den Ton angeben. Wissenschaftliche (und das heißt wohl allgemeiner kulturelle) Tendenzen irgendeiner Art finden sich nur höchst selten repräsentiert und der herrschende Ton ist der materiell geschäftliche " (Schnors).

Von einem politischen Leben im heutigen Sinn konnte eigentlich mit Ausnahme der Jahre um die Revolution von 1848/49 kaum die Rede sein. Die Komunalpolitik machten die Honoratioren der Stadt unter sich aus. Alle Wahlen im kommunalen Bereich (Stadtschultheiß, Gemeinderat, Bürgerausschuss) waren Persönlichkeitswahlen, die Kandidaten wurden vorher bestimmt. Dass dabei auch Einflüsse von ganz oben eine Rolle spielten, lässt sich aus einem Brief des württembergischen Innenministers an das Oberamt in Tettnang anlässlich der bevorstehenden Schultheißenwahl in Friedrichshafen 1895 ersehen: Es gelte, die "große Bedeutung zu erwägen, welche es für Friedrichshafen als Sommerresidenz des königlichen Hofes und Badeort hat, dass diese Stelle mit einem in jeder Beziehung tüchtigen Manne besetzt werde“. Der Oberamtmann möge deshalb einen geeigneten Kandidaten lancieren. Ob der schließlich gewählte Schultheiß Schmid, der bis 1908 im Amt war, dieser Vorstellung entsprach, bleibt leider unbekannt.

Bei den Reichstags- und Landtagswahlen überflügelte Ende des Jahrhunderts die Zentrumspartei als katholische Partei die bis dahin herrschenden Liberalen. Auf eine Parteiorganisation konnte das Zentrum bis nach dem 1. Weltkrieg verzichten. Das katholische Vereinswesen reichte als Basisorganisation aus.

Dem Anwachsen der Bevölkerung und den Bedürfnissen der Zeit entsprach der Ausbau der Infrastruktur durch die Stadt. Jedenfalls hören wir nichts von größeren Auseinandersetzungen. So entstand 1862 ein Gaswerk, das 1893 an die Stadt überging, 1889 wurde die zentrale Wasserversorgung gebaut, 1891 das Krankenhaus errichtet und aus dem Spital ausgegliedert, 1898 der neue Friedhof angelegt und noch vor der Jahrhundertwende die Versorgung mit elektrischem Strom eingeführt. Welche Veränderungen für das Alltagsleben gerade die Versorgung mit Gas, Wasser, Strom bis in die Häuser hineinbrachte, können wir uns heute kaum mehr vorstellen. Die nunmehrige Einzelversorgung der Haushalte förderte die Privatisierung des Lebens, das ja in vorindustrieller Zeit viel mehr geselliges Leben war.

Gegen Ende des Jahrhunderts traten dann aber die ersten Zielkonflikte zwischen den Entwicklungszielen der Stadt auf, in diesem Fall zwischen der Gewerbeentwicklung, gehobenem Wohnen und Badeort. Umweltprobleme gibt es also nicht erst in unserer Gegenwart, sondern schon in Friedrichshafen des späten 19. Jahrhunderts.

Die "üblen Gerüche" aus dem Gerbergraben der Firma Hüni, in dem die Abwasser ungeklärt in den See abgeleitet wurden, begannen nun Anstoß zu erregen. Die Stadt hielt sich heraus, da sie, wie sie zu verstehen gab, der Firma Hüni einiges an Stiftungen zu verdanken hatte und überließ die Auseinandersetzung den staatlichen Behörden. Seit 1890 ließ die Behörden das Problem nicht mehr los, man behalf sich zunächst mit kleineren Auflagen, bis seit 1909 die Sache dadurch komplizierter wurde, dass der Uferstreifen bei der Abwassereinmündung mit Villen und Landhäusern bebaut werden sollte. Die neuen Anlieger beschwerten sich massiv über Geruchsbelästigung und das "ekelhafte Aussehen der Abwässer". Der Streit, ob diese Abwasser nun tatsächlich ekelerregend seien und ob die von der Firma schließlich vorgenommenen Klärmaßnahmen ausreichend seien, wurde während unseres ganzen Zeitraums bis in die späten 20er-Jahre hinein nicht abgeschlossen. Das Oberamt blieb hier in seiner Argumentation, dass für "die Reinhaltung des Bodensees und seines Ufers, welche den Hauptanziehungspunkt für die Fremden bilden sollen, ein dringendes öffentliches Interesse vorliege", immer hart, konnte sich aber gegen Stadt und auch übergeordnete Behörden nicht durchsetzen.