Das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm. Ein frühes Konzentrationslager im Nationalsozialismus (1933-1935)

2.1 Lernorterkundung

Geeignet für alle Schularten

Ein Besuch des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg eignet sich für Schüler/innen aller Schularten im Zusammenhang mit der Behandlung des Themas Nationalsozialismus im Unterricht. Das DZOK verknüpft verschiedene Methoden der Lernorterkundung miteinander, Zuhören und Sehen sind immer auch mit eigenständigem Erkunden verbunden. Zu einer altersgemäßen kognitiven Wissensvermittlung kommen affektive, handlungsaktive Elemente.
Um eine alters- und leistungsgemäße Lernorterkundung zu ermöglichen, ist es notwendig, sich mit dem DZOK über die Lerngruppe und die Zielsetzungen eines Besuchs auszutauschen.
Das DZOK ist offen für eine kreative Mitgestaltung eines Besuchs durch Lehrkräfte und Schüler/innen. Beispielsweise besteht die Möglichkeit, in der Schule vorbereitete Lesungen, künstlerische oder andere handlungsaktive Elemente mit einer Führung zu verbinden.

Lehrerhandreichung

Als Hilfe zur Erkundung des Lernorts liegt seit 2004 eine Lehrerhandreichung vor mit dem Titel "Württembergisches Schutzhaftlager Ulm". Ein frühes Konzentrationslager im Nationalsozialismus (1933-1935). Informationen und Arbeitshilfen für den Besuch der Ulmer KZ-Gedenkstätte mit Schülern". Die Handreichung erschien als Ausgabe der Reihe "Materialien zur Landeskunde und Landesgeschichte des Oberschulamts Tübingen", Heft 17 und DZOK-Manuskripte 6. Die 126 Seiten starke Broschüre besteht aus drei Teilen und einem Anhang.

  • Teil A: Die Ulmer KZ-Gedenkstätte - Grundlagen
    (Einleitung - Menschenspuren - Praktische Hinweise - Lehrplanbezug - historische Zusammenhänge - Schauplätze)
  • Teil B: Pädagogisch-didaktische Aneignung
    (Aneignung von Basiswissen - vertiefende Informationen zu den Häftlingen - Biografiealben - der Film über das DZOK - affektive Arbeitsformen)
  • Teil C: Materialien
    (Bilder - szenische Lesungen - Kurt Schumachers Briefe an seine Verlobte - Hitlers Rede zum 1. Mai 1934 und das "Heuberg-Lied" - Häftlingsliste - Literatur und Medien)

Anhang
(Anmeldeformular - Rückmeldeformular - Steckbrief des DZOK - Literatur und Videos - Lösungsvorschläge)
Die Handreichung kann für 8 Euro (zzgl. Porto, Stand 2007) über das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg bestellt werden.

Führungen und Bausteine

Das DZOK bietet für Besuche von Schulklassen eine ca. zweistündige Führung durch Gebäude und Gelände mit historischen Erläuterungen und der Möglichkeit zur Selbsterkundung an. Die zu besuchenden Bereiche der Anlage sind hier beschrieben. Die Führung endet mit einem Abschlussgespräch.
Eine Variante der "klassischen" Führung ist die Ergänzung mit einer affektiven oder kognitiven Vertiefung (Elfchen und Kohlezeichnungen/oder Basiswissen der Ausstellung). Auch diese Führung dauert ca. zwei Stunden.

Ergänzende Bausteine

Zusätzlich zu den Führungen werden ergänzende Bausteine angeboten. Die Wunschbausteine sollten unbedingt in einem Vorgespräch besprochen werden.

Baustein A: Aneignung von Basiswissen anhand der acht Themeninseln und zweier Hörstationen
Der Baustein eignet sich für alle Schultypen ab Klassenstufe 9. Kleingruppen von Schüler/innen bearbeiten schriftlich zusammen eine Station mithilfe von je zwei Aufgaben- und Fragestellungen.
Bei einigen Gruppen (z. B. hoher Migrantenanteil) wäre vorher zu überlegen, ob zugunsten anderer Methoden auf die schriftliche Bearbeitung verzichtet werden sollte. Die Ergebnisse werden anschließend im Plenum vorgetragen.
Die Materialgrundlage der elf in der Handreichung (Seiten 30ff.) abgedruckten Aufgabenblätter bilden alle acht Themeninseln der Ausstellung, das Computer-Terminal (PC in Themeninsel 2) sowie zwei von insgesamt fünf Hörstationen.
Wichtig für die begleitende Lehrkraft: Dies ist ein Angebot, kein prinzipieller Bestandteil des Gedenkstättenaufenthalts. Zeitlicher und thematischer Umfang, Formen und Ziele der Nutzung dieses Angebots sollten im Rahmen der telefonischen Anmeldung mit der/dem Gedenkstättenmitarbeiter/-in besprochen werden.
Die begleitende Lehrkraft könnte schon in der Vorbereitung des Besuches bestimmte Themenbereiche im Unterricht ansprechen. Dabei wäre sinnvoll, wenn im Vorfeld auch der Ausstellungskatalog als Materialgrundlage hinzugezogen werden würde.

Baustein B: Die Häftlinge - Aneignung vertiefender Informationen

Das Angebot bezieht sich auf die Häftlinge des Ulmer Konzentrationslagers anhand der folgenden sechs Leitfragen bzw. Themenbereiche:

  1. Die Menschen
    Wer wurde auf dem Heuberg/Kuhberg inhaftiert?
    Was waren das für Menschen?
  2. Haftgründe
    Warum kamen diese Menschen ins KZ?
  3. Lageralltag
    Was wissen wir über das alltägliche Leben im Lager zwischen Regeln und Schikanen?
  4. Schicksal nach der Entlassung
    Wie sah das Leben der Häftlinge nach ihrer Entlassung vom Kuhberg aus?
  5. Ehemalige Häftlinge nach 1945
    Wie gingen die Opfer nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mit ihren KZ-Erfahrungen um?
  6. Besondere Häftlingspersönlichkeiten
    Erarbeitung eines Persönlichkeitsbildes nach Wahl unter den genannten 5 Aspekten

Die begleitende Lehrkraft könnte schon in der Vorbereitung des Besuches bestimmte The�menbereiche im Unterricht ansprechen und die Schüler (in Kleingruppen) das von ihnen zu bearbeitende Thema wählen lassen. Dabei wäre sinnvoll, wenn im Vorfeld auch der Ausstellungskatalog als Materialgrundlage hinzugezogen werden würde.
In der Gedenkstätte werden auf Grund der Entscheidung für einen Themenbereich die Aufgabenstellungen für die einzelnen Themen als Einzelblätter ausgegeben.
Die Arbeitsergebnisse können die Schüler noch in der Gedenkstätte im Plenum vorstellen, wobei der begleitende guide als Wissens-Pool genutzt werden kann; sie können aber auch Gegenstand der schulischen Nacharbeit sein.

Baustein C: Die Biografiealben

Die Arbeit mit so genannten Biografiealben (vgl. Lehrerhandreichung S. 41ff.) stellt die zeitlich und inhaltlich anspruchvollste Stufe pädagogisch-didaktischer Aneignung der Gedenkstätten-Inhalte dar. Die Alben erweitern die Basisinformationen und er�möglichen noch mehr eigenverantwortliches, entdeckendes Lernen in der Gruppe.
Außerdem sind sie als Grundlage für Schülerprojekte und Facharbeiten, insbesondere in der Sekundarstufe II, geeignet.
Da die Bearbeitung mehr Zeit als die üblichen zwei Stunden voraussetzt, sollte das Interesse an ihrem Einsatz bei der Anmeldung des Besuches mitgeteilt werden.

Das vorhandene Material

1. Biografie-Alben

Im Obergeschoss des Reduitgebäudes, direkt über der Ausstellung, in den ehemaligen Räumen des KZ-Kommandanten Karl Buck, befindet sich eine Reihe reich bebilderter Alben mit den Biografien folgender Häftlinge:

  • Kurt Schumacher aus Stuttgart
  • Alfred und Lina Haag aus Schwäbisch Gmünd
  • Albert Fischer (Vater und Sohn) aus Metzingen
  • Gebrüder Rieckert aus Esslingen
  • Hermann Lachenmaier und die Backnanger Razzia
  • Alfred Lauterwasser, Anton Waibel (ihre vergebliche Flucht)
  • Johannes Heinzelmann, der freikirchliche Prediger aus dem Allgäu
  • Alois Dangelmaier, Josef Leissle und Josef Sturm, drei katholische Pfarrer
  • Ihr Peiniger, der Lagerkommandant Karl Buck
  • Das Künstler-photoalbum_kuhberg zum Kuhberg-Häftling Ludwig Götz (1909-1942) aus Tischardt (heute Gemeinde Frickenhausen bei Nürtingen)

2. Themenalben
Die drei Themenalben bieten regionalhistorische Aspekte zum Hintergrund des Phänomens "KZ Oberer Kuhberg"; sie sind im Folgenden nicht weiter didaktisch aufbereitet.

  • Die Bau- und Nutzungsgeschichte des Forts Oberer Kuhberg als Teil der Bundesfestung Ulm
  • Häftlinge aus dem Stadt- und Landkreis Ulm in den Konzentrationslagern Heuberg und Oberer Kuhberg
  • Der Ulmer Münsterplatz als politische Bühne in der NS-Zeit

3. Weiteres Arbeitsmaterial

  • Kataloge einer Ulmer Ausstellung (Myrah Adams) von 1993, "Kunst und Kultur in Ulm, 1933 - 1945"
  • DIN A2-Plakate und Begleithefte der Ausstellung, "Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben"
    Sie handeln von den Jugend-Konzentrationslagern Moringen und Uckermark 1940-1945.

Erweiterung durch Film

Führungen und Bausteine können zusätzlich durch eine Filmvorführung ergänzt werden. Der Film "…dass es so etwas gibt, wo man Menschen einsperrt" (33 min) skizziert die Geschichte des KZ Oberer Kuhberg. Eine genaue Beschreibung des Films und Anmerkungen zur pädagogischen Anwendung findet sich in der Handreichung auf den Seiten 45ff.

Präsentation einer GFS vor Ort
Präsentation einer GFS vor Ort
©DZOK Ulm

Affektive Arbeitsformen - ergänzend zur Wissensvermittlung

Die in der Handreichung auf den Seiten 48ff. beschriebenen Arbeitsformen gehören zum Wesentlichen der Gedenkstättenarbeit. Denn die Aura von KZ-Gedenkstätten am authentischen Ort (wo Historisches sich wirk�lich ereignet hat) spricht - anders als Museen - zunächst die Gefühle und dann erst Verstand und Wissen der Besucher an. Oft ist es sogar so, dass emotionale Zugänge und künstlerisch-kreative Ausdrucksformen erst die Vermittlung und Aneignung von Wissen, also Lernen, ermöglichen. Inhaltlich schlagen sie eine Brücke von der historischen Wirklichkeit zur Gegenwart, genauer noch: zur Gegenwart, wie sie der einzelne Schüler wahrnimmt und empfindet.

Schüler verarbeiten ihre bei der Führung erhaltenen Eindrücke.
Schüler verarbeiten ihre bei der Führung erhaltenen Eindrücke.
©DZOK Ulm

Mit diesen Arbeitsformen rücken - neben den Schülern der Jahrgänge 9 bis 13 - auch wichtige weitere Zielgruppen in das Blickfeld der Gedenkstättenarbeit:

  • Grundschüler und Unterstufen-Schüler
  • Schüler mit eigenen massiven Ausgrenzungserfahrungen
  • Schüler mit Sprach- und Schreibproblemen
  • Schüler, die andere "Geschichten" als die deutsche Geschichte als Lebenshintergrund haben

Noch drei Vorbemerkungen für die begleitenden Lehrkräfte:

  • Das Interesse an diesen Arbeitsformen ist schon bei der Anmeldung der Klasse zu äußern, damit der zeitliche Rahmen festgelegt und Material vorbereitet werden kann.
  • Lehrer aller Fächer - insbesondere Kunst, Musik, Religion, Theater - sind gebeten, neue Ideen und Arbeitsergebnisse in diesem Bereich dem Dokumentationszentrum mitzuteilen.
  • Aus diesen Arbeitsformen entstehende Schülerarbeiten können in der Schule (z. B. im Rahmen von Projekttagen) oder auch in der Gedenkstätte ausgestellt werden.

Beispiele für affektive Arbeitsformen:
Raumerfahrungen, Kohlezeichnungen, Elfchen schreiben, KZ-Koffer, Häftling im Kellerarrest, eine Fahne gestalten, eine Begegnung Häftling - Wachmann nach der Entlassung, der Traum eines Häftlings in der Kasematte …

Schüler bei der Freiarbeit
Schüler bei der Freiarbeit
©DZOK Ulm

Tanzprojekt von Schüler/innen
Tanzprojekt von Schüler/innen
©DZOK Ulm

Der "Spielraum": Lernen aus dem Gestern für die Welt von heute - Anregungen zur Menschenrechtserziehung

Im Parterre der Gedenkstätte befindet sich ein (geheizter) Raum, der den Leitgedanken der Gedenkstätte, "Die Würde des Menschen ist unantastbar", in die politische Gegenwart verfolgt. Dieser Raum heißt "Spielraum", weil er Räume eröffnet für eigenes politisches Lernen und Handeln, für Engagement und Einmischen in der Gegenwart.
Hier sind Schüler und Lehrer aufgefordert, eigenes Material mitzubringen und eventuell der Gedenkstätte zu überlassen.
Noch ein Hinweis: Hervorragende Materialien und Modelle zur Menschenrechtserziehung enthält das Buch: "Ich klage an" - das Lehrerbuch zum Thema Menschenrechte im Unterricht (Elefanten Press 2002; zu beziehen über den Buchhandel).
Neben der Bildersammlung können die ausliegenden aktuellen Publikationen, z. B. von Amnesty International (ai) und deren Ulmer Regionalgruppe oder vom Ulmer "Behandlungszentrum für Folteropfer", genutzt werden.
Zwei Beispiele für die Arbeit im "Spielraum" finden sich in der Handreichung auf den Seiten 50f.

 

Nachbereitung eines Besuchs in der Schule

Das Minimum an Nachbereitung ist ein Gespräch im Unterricht über das Geschehene und Erlebte. Dazu kommt die Auswertung des Besuchs für die Unterrichtseinheit, in die sie eingebettet war. Weitere vertiefende Angebote zur Nachbereitung bietet die Lehrerhandreichung, insbesondere der Materialienteil, S. 52ff.

 
- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Tübingen -