Landesgeschichtliche Einordnung

Gegen die Gleichschaltung der evangelischen Landeskirche

Bereits 1930 hatte sich mit Unterstützung Adolf Hitlers die Glaubensbewegung Deutscher Christen gebildet, die bei den reichsweiten Kirchenwahlen am 23.7.1933 im württembergischen Landeskirchentag 34 von 61 Sitzen erhielt. Gegen die Umtriebe der Deutschen Christen und aus Protest gegen die Anwendung des “Arierparagraphen“ formierte sich im September 1933 bei der evangelischen Kirche der Pfarrernotbund, dem sich 800 württembergische Pfarrer anschlossen.

Gegen die Eingliederung der Landeskirche in eine deutsch-christliche Kirchenführung unter Reichsbischof Müller setzte sich die Kirchenleitung um Landesbischof Wurm erfolgreich zur Wehr.

Theophil Wurm

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Theophil Wurm
© Haus der Geschichte Baden-Württemberg,
Sammlung Weishaupt

Im September 1933 stärkte eine Pfarrerversammlung der Kirchenleitung mit großer Mehrheit von 1250 Pfarrern den Rücken und am 22. April 1934 distanzierte sich Theophil Wurm und sein Amtskollege Hans Meiser (Bayern) in der Ulmer Erklärung von der nationalsozialistisch orientierten Reichskirche und reklamierte für die “Bekennende Kirche“ den kirchlichen Alleinvertretungsanspruch. Der Bekennenden Kirche, die sich im Mai 1934 sich aus dem Pfarrernotbund und einzelnen Bekenntnisgemeinschaften gründete, ging es vor allem um die Erhaltung kirchlicher Freiheiten und verstand sich nicht als politische Protestbewegung.

Im Oktober 1934 trat der Kirchenstreit in Württemberg in sein entscheidendes Stadium.
Landesbischof Wurm widersetzte sich der von der Reichskirche am 3. September 1934 verfügten Eingliederung. Er wurde in den Ruhestand versetzt und unter Hausarrest gestellt. Gegen diese Maßnahmen mobilisierte die evangelische Landeskirche ihre Mitglieder. An zwei Sonntagen sangen jeweils ca. 5000 Menschen vor dem Haus von Theophil Wurm in Stuttgart religiöse Lieder und sammelten öffentlich Unterschriften für Wurm. In den Gottesdiensten wurde für den Landesbischof und gegen die Reichskirche Stellung bezogen.

Hitler ließ daraufhin den Vereinnahmungsversuch der Reichskirche abbrechen und den württembergischen Landesbischof wieder ins Amt einsetzen. Der Versuch die württembergische Landeskirche gleichzuschalten und dem Reichsbischof zu unterstellen war gescheitert.

Gegen die Ausgrenzung der Juden - frühe Proteste einzelner Christen

„Als Christ nenne ich Sie einen Lügner und als Deutscher den größten Volksschädling, der je deutsche Erde betrat!“, schrieb der tiefgläubige Christ Theodor Roller Anfang 1939 in einem Brief aus psychiatrischen Heilanstalt Weißenau an Adolf Hitler.
Menschen wie Theodor Roller oder der in Schopfheim geborene katholische Priester und Pazifist Max Josef Metzger waren große Ausnahmen im religiös motivierten kirchlichen Widerstand.

edenktafel für Metzger

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Gedenktafel für Metzger
© wikimedia commons (Foto Olaf2)

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde von Kirchenpräsident Theophil Wurm und von vielen Mitgliedern der evangelischen Landeskirche begrüßt.

Auch der katholische Bischof Joannes Baptista Sproll in Rottenburg war trotz erheblicher Bedenken zu Beginn des Jahres 1933 bereit, mit den neuen Machthabern zusammenzuarbeiten. Die Diözese Rottenburg forderte ihre Geistlichen zur politischen Zurückhaltung auf.
Der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber übermittelte 1933 dem badischen Reichsstatthalter Robert Wagner ein Glückwunschtelegramm folgenden Inhalts:
„Bei der gewaltigen Aufgabe, die Ihnen damit obliegt, stelle ich mich als Oberhirte der badischen Katholiken rückhaltlos auf Ihre Seite“. ( Conrad Gröber, http://de.wikipedia.org/wiki/Conrad_Gr%C3%B6ber)

Zudem war es durch den Abschluss des Reichskonkordats am 20. Juli 1933 den Nationalsozialisten gelungen, das verbreitete Misstrauen in Teilen der katholischen Bevölkerung gegen den Nationalsozialismus abzuschwächen.

So erhoben sich 1933 nur wenige Stimmen des Protests gegen die Verfolgung Andersdenkender oder gegen den Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933. Pfarrer wie Hermann Umfrid aus Niederstetten, der bereits am 25. März 1933 in seiner Predigt das sich abzeichnende Unrecht gegenüber den Juden anprangerte oder Heinz Kappes aus Büchenbronn erfuhren keine Unterstützung durch die evangelische württembergische Kirchenleitung. Zwar hatte sich im September 1933 aus Protest gegen den “Arierparagraphen “ der Pfarrernotbund gebildet, ein gemeinsamer Protest gegen die staatliche Diskriminierung der Juden lag den meisten seiner Mitglieder jedoch fern.

Mut bewies Pfarrer Otto Mörike, der 1933 kurzerhand die Hakenkreuzfahne auf seiner Kirche in Oppelsbohm entfernen ließ und sie auf der Parteizentrale der NSDAP in Stuttgart ablieferte. Auch die Pfarrer Eugen Jäckh aus Göppingen und Heinrich Feurstein aus Donaueschingen kämpften gegen das Anbringen von NS-Symbolen an ihren Kirche.

Der katholische Stadtpfarrer Alois Dangelmaier aus Metzingen wurde er am 5. Januar 1934 verhaftet und ins KZ Oberer Kuhberg gesperrt, weil er eine Totenmesse für sechs in Köln hingerichtete Kommunisten gelesen hatte, Mit ihm waren noch die katholischen Geistlichen Josef Leissle aus Abtsgmünd und Josef Sturm Waldhausen/Neresheim auf dem Kuhberg interniert.

Mutige Christen im NS-Staat, meist waren es Pfarrer und Priester aus kleineren Gemeinden, die mutig und mit aller Konsequenz ihre Stimme gegen das Regime erhoben. So war es der Pfarrer Julius von Jahn, aus dem bei Kirchheim gelegenen Oberlenningen, der als einer der wenigen Vertreter der Kirche die ‘Reiskristallnacht‘ in seiner Bußtagspredigt am 16.11.1938 verurteilte.

Keine nennenswerten Proteste gegen die ‘Reichskristallnacht‘ waren von den evangelischen und katholischen Kirchenleitungen zu vernehmen. Die katholische Kirche Württembergs war durch die erst Monate zuvor erfolgte Ausweisung ihres Bischofs Sproll geschwächt und Landesbischof Wurm lehnte es ab “von allen Kanzeln Württembergs gegen die ‘Kristallnacht‘ zu protestieren.“ (Thomas Schnabel, Ausschaltung und Vernichtung der Juden, in: Württemberg zwischen Weimar und Bonn 1928-1945/46, Stuttgart, 1986, S. 557).

Wer sich dem nationalsozialistischen Totalitätsanspruch widersetzte, galt zwangsläufig als staatsfeindlich orientiert und wurde in seiner Arbeit behindert. Ab 1938 nahm der Protest gegen die Judenpolitik lebensbedrohende Formen an. Viele Mitglieder der “Bekennenden Kirche“ wurden ihrer Ämter enthoben, mit Rede- und Schreibverbot belegt oder in Konzentrationslagern interniert. Gegen Ende 1940 begann die SS damit, alle in den verschiedenen Konzentrationslagern eingesperrten Geistlichen in den sog. Pfarrerblock des KZ Dachau zu überstellen.

Unter ihnen war auch der katholische Donaueschinger Priester Heinrich Feurstein.

Heinrich Feurstein

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Heinrich Feurstein
* 11. 4. 1877 Freiburg
† 2. 8. 1942 KZ Dachau
© wikimedia commons

In seinen Predigten kritisierte er den Kriegsausbruch und den Hitler-Stalin-Pakt, erhob gegen den Abtransport und das Einschmelzen der Kirchenglocken Anklage und nannte schließlich in der Neujahrspredigt 1942 die Unrechtstaten des Regimes beim Namen: Krieg, Verfolgung von Ordensleuten und Priestern, Einschränkung des christlichen Gemeindelebens. Auch das Euthanasie-Programm der Nazis griff er scharf an.

Am 7. Januar 1942 wurde Feurstein verhaftet, zunächst in Konstanz gefangen gehalten und am 15. Juni 1542 ins Konzentrationslager Dachau abtransportiert. Dort verstarb er am 2. August 1942.

Erst ab 1942 setzte sich Bischof Wurm in mehreren Schreiben an staatliche Stellen für die Juden ein.
Seine Hilfe kam - wie er 1943 feststellte - zu spät: „Und wenn wir’s nicht gebilligt haben, so haben wir doch oft geschwiegen, wo wir hätten reden sollen … wir beugen uns … unter diese Schuld.“ (Thomas Schnabel, s.o., S. 567)





Verweigerungshandlungen

Die Wahlverweigerung des Rottenburger Bischofs Joannes Baptista Sproll bei der Volksabstimmung am 10. April 1938 über die “Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ und der gleichzeitigen Zustimmung für die Liste Adolf Hitler führte zu einem Ermittlungsverfahren und inszenierten Demonstrationen gegen ihn. Ende August 1938 wurde Sproll aus seiner Diözese verwiesen, in die er erst 1945 zurückkehren konnte.

Gedenktafel in Rottenburg

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Gedenktafel in Rottenburg
© wikimedia commons (Foto Holger Gruber)

Auch das Pfarrerehepaar Otto und Getrud Mörike verweigerte bei der Wahl am 10.4.1938 ihre Zustimmung zur Liste Adolf Hitlers. Daraufhin kam es zu öffentlichen Beschimpfungen und Misshandlungen des Kirchheimer Pfarrers durch eine von der SA aufgebrachte Menge. Otto Mörike wurde vier Tage in "Schutzhaft“ genommen und zu einer zehnmonatigen Gefängnisstrafe mit Bewährung verurteilt.

Verweigerung des Treuegelöbnisses auf den Führer

1937 wurde vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung angeordnet, dass Pfarrer, die an öffentlichen Schulen unterrichteten, das Gelöbnis ablegen sollen:
“Ich gelobe, ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein und meine Dienstobliegenheiten gewissenhaft und uneigennützig erfüllen.“
Landesbischof Wurf riet den Pfarrern, das Gelöbnis ohne zusätzliche Erklärung abzugeben, “nachdem die Kirchenleitung grundsätzlich dem Reichserziehungsministerium gegenüber Sinn, Begründung und Begrenzung jeder Verpflichtung festgestellt hat.“ (Thomas Schnabel, s.o., S. 426 – 432)
Der Ebersbacher Pfarrer Herman Diem widersetzte sich der Empfehlung der Kirchenleitung. 1938 schrieb die Kirchenleitung den Pfarrern vor, den Hitlereid zu leisten. Pfarrer Diem verweigerte den Eid erneut.

Kriegsdienstverweigerung

Die Angehörigen der christlichen Religionsgemeinschaft der “Jehovas Zeugen“ verweigerten aus religiösen Gewissensgründen militärische Dienste.
Als 1940 Karl Bühler aus Neulußheim/Baden auf einen Gestellungsbefehl nicht reagierte, wurde er und sein Glaubensbruder Heinrich Ballreich verhaftet, wegen “Wehrkraftzersetzung“ angeklagt und zum Tode verurteilt.

Gegen “Euthanasie“ - Protestschreiben an staatliche Stellen

Die systematisch-industrielle Vergasung von geistig behinderten und psychisch kranker Menschen in Grafeneck begann am 18. Januar 1940 und endete im Dezember 1940. Insgesamt kamen 10 654 Männer, Frauen und Kinder ums Leben. Erste Gerüchte über die streng geheime Tötungsaktion kamen schon im Februar 1940 durch die Angehörigen der Opfer an die Öffentlichkeit.

Im Juni 1940 protestierte der badische Landesbischof Julius Kühlewein beim badischen Innenministerium. Eine Abschrift sandte er an seinen württembergischen Amtskollegen Theophil Wurm, der am 19. Juli ein erstes Protestschreiben an den Reichsinnnenminister Frick schickte. Weitere Schreiben Wurms an verschiedene staatliche Stellen folgten.

In grauen Bussen aus der Diakonie Stetten

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1940: In grauen Bussen aus der Diakonie Stetten
nach Grafeneck deportiert
© Archiv Gedenkstätte Grafeneck

Auch der Freiburger Erzbischof Gröber und der Rottenburger Generalvikar Dr. Lammers verstärkten mit ihren Protestschreiben den Druck auf die staatlichen Stellen. Selbst einige “100 %ige Parteigenossen“ meldeten Zweifel an den “ Euthanasie“-Maßnahmen“ an, zumal sich in der Bevölkerung zunehmend Unruhe breit machte. Die Ermordung von geisteskranken Soldaten aus dem 1. Weltkrieg erregte die Gemüter und Gerüchte, als nächstes seien die Alten und Gebrechlichen an der Reihe, machten die Runde.

Zweifelsohne beschleunigten die zahlreichen Proteste die Schließung Grafenecks, das ab Januar 1941 von der hessischen Tötungsanstalt Hadamar abgelöst wurde. Am 24. August 1941 verfügte Hitler einen “Euthanasie-Stopp“.

Hilfe für Verfolgte - Gertrud Luckner, die württembergische Pfarrhauskette und Hermann Maas

Fluchthilfe ins Ausland

“Man hilft, wo man helfen kann“
Gertrud Luckner

Gertrud Luckner

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Gertrud Luckner
* 26. 9. 1900 Liverpool
† 31. 8. 1995 Freiburg
© Archiv Deutscher Caritasverband

Pässe fälschen, Fluchtpläne zeichnen, Verfolgte begleiten, Grenzübertritte organisieren; Gertrud Luckners Fluchthilfe für verfolgte Juden begann im Herbst 1940. Ausgestattet mit einer Spezialvollmacht für ‘außerordentliche Seelsorge‘ und finanziellen Mitteln durch den Freiburger Erzbischof Conrad Gröber schuf sie ein umfassendes Hilfsnetz zwischen den Diözesen, zur Bekennenden Kirche, den Quäkern und zu Freunden in der Schweiz.
Durch eine Denunziation einer Caritas-Mitarbeiterin wird Gertrud Luckner am 24. März 1943 verhaftet und ins KZ Ravensbrück eingeliefert aus dem sie im Mai 1945 befreit wurde.

1951 wurde Gertrud Luckner als erste deutsche Katholikin nach Israel eingeladen. Im “Hain der Gerechten“ der Gedenkstätte Yad Vashem trägt ein Baum ihren Namen.

Die Württembergische Pfarrhauskette

Ab Januar 1943 war das jüdische Ehepaar Krakauer auf der Flucht. Von August 1943 bis zum Kriegsende wurden die Krakauers von Mitgliedern der Württembergischen Pfarrhauskette und deren Angehörigen unter ständiger Lebensgefahr aufgenommen und vor dem Zugriff der Nationalsozialisten geschützt.

Organisiert wurde die Pfarrhauskette vor allem von dem Reichenbacher Pfarrer Theodor Dipper. Dank der Pfarrhauskette konnten außer den Krakauers noch weitere 17 Verfolgte das Dritte Reich überleben.

Gertrud und Otto Mörike

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Gertrud und Otto Mörike, 1943
Mitglieder der Pfarrhauskette
© Privatsammlung Dora Metzger

Gertrud und Otto Mörike wurden wie zahlreiche andere Mitglieder der Pfarrhauskette von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als “Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

“Redet mit Jerusalem freundlich“
Herman Maas

Hermann Maas wurde am 5. August 1877 in Gengenbach geboren und war Pfarrer in der Heiliggeist-Kirche in Heidelberg.

Seit seiner Jugend fühlte er sich mit der jüdischen Religion eng verbunden. Auch nach der nationalsozialistischen Machtübernahme besuchte er demonstrativ Synagogen. 1934 trat Maas dem Pfarrernotbund bei und war 1938 an der Gründung der “Kirchlichen Hilfsstelle für evangelische Nichtarier“ ( Büro Pfarrer Grüber) beteiligt. Dank seiner internationalen Kontakte verhalf er vielen Juden zur Auswanderung.
1943 wurde er amtsenthoben und ein Jahr später zur Zwangsarbeit nach Frankreich verschleppt.

Maas überlebte das Kriegsende und wurde 1949 als erster christlicher Deutscher nach Israel eingeladen.
Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrte Hermann Maas mit dem Ehrentitel “Gerechter unter den Völkern“

 

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- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Stuttgart -

letzte Änderung: 2013-08-06