Friedrich Ebert - Vom Sattler zum Reichspräsidenten: Die Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg

Hintergrundinformationen

1.1 Bedeutung

Anhand der Person Friedrich Eberts lassen sich die politischen und gesellschaftlichen Kräfte zeigen, die für die Weimarer Republik repräsentativ waren. Im Bildungsplan sind in Sekundarstufe I und II die Themen Industrialisierung, Arbeiterbewegung, Reichspräsident Ebert und die Weimarer Republik verankert. Alle diese Themen können durch die Behandlung der Biographie Eberts und einen eventuellen Besuch der Gedenkstätte abgedeckt werden.

Der Lebenslauf Eberts (aus dem einfachen Handwerker- / Arbeitermilieu in Südwestdeutschland an die bis dahin von preußischen Eliten beherrschte Spitzenposition im Reich) ist spannend und bedeutend, hier kann sich Schülerinteresse und evtl. auch Identifikation entfalten.

Als Fallbeispiel lässt sich hier auch methodisch vermitteln, wie eine Biographie weit über das oberflächliche Aneinanderreihen von Daten hinausgehen kann (und sollte), indem die Schülerinnen und Schüler exemplarisch sehen, wie hier persönliche und allgemein politische, soziale, kulturelle, gesellschaftliche Bedingungen ineinander greifen.

Der Besuch der Ebert-Gedenkstätte stellt den Schülerinnen und Schülern die Themen Soziale Verhältnisse im ausgehenden 19. Jhdt., Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie und Weimarer Republik in der Ausstellung nicht nur visuell und intellektuell dar, sondern macht die sozialen Probleme und die Herkunft Friedrich Eberts auch sinnlich erfahrbar. Das gilt vor allem für die Wohn-, Arbeits- und Familienverhältnisse in der beengten kleinen Wohnung der Eberts.


1.2 Geschichte

Friedrich Ebert - Zeittafel

1871
4. Februar Geburt Friedrich Eberts in Heidelberg als siebtes von 9
Kindern des Schneiders Karl Ebert und seiner Frau Katharina
(3 Geschwister sterben als Kleinkinder) in Heidelberg, Pfaffengasse

1877
Besuch der Volksschule in der Altstadt (bis 1885)

1885
Sattlerlehre in Heidelberg (bis 1888)

1889
Wanderschaft mit Stationen u.a. in Hannover, Kassel, Wesel (bis 1891); Eintritt in die SPD und die Sattlergewerkschaft

1891
Ankunft in Bremen; Tätigkeit als Sattler und Redakteur

1894
Gastwirt und Beratungstätigkeit in einer Bremer Arbeiterkneipe (bis 1900); Eheschließung mit der Arbeiterin Louise Rump

1900
Mitglied der Bremer Bürgerschaft (bis 1905)

1904
Ebert ist Organisator und Mit-Vorsitzender des SPD-Parteitags in Bremen

1905
Wahl zum Sekretär des SPD-Parteivorstands in Berlin

1912
Mitglied des Reichstags (bis 1918)

1913
Ebert ist einer der beiden SPD-Vorsitzenden (bis 1919)

1918
9. November Reichskanzler, dann Mitglied im „Rat der Volksbeauftragten“

1919
11. Februar Wahl zum Reichspräsidenten durch die Nationalversammlung

1919
Reichspräsident (bis 1925)

1924
Beginn des von Ebert angestrengter Magdeburger Beleidigungsprozess gegen Journalisten (Vorwurf „Landesverräter“)

1925
28. Februar Tod in Berlin (verschleppte Blindarm- und Bauchfellentzündung)
5. März Beisetzung in Heidelberg auf dem Bergfriedhof

Hinweis:
Diese Zeittafel ist auch im Materialteil als D 1 zugänglich. Eine ausführlichere chronologische Zusammenstellung mit weiterführenden Aspekten und Fotos ist als D 2 bereitgestellt.


1.3 Anlage

Zur Geschichte der Gedenkstätte

Es hat lange gedauert, bis die Geburtsstätte Friedrich Eberts in der Pfaffengasse 18 als geeigneter Ort des Gedenkens und der aktiven Beschäftigung mit Leben und Wirken des Reichspräsidenten erkannt wurde. Erst nach dem Ende der NS-Herrschaft ging man daran, diesen Ort angemessen zu würdigen.

Eberts Wohnung hatte weiterhin jahrzehntelang als Wohnung gedient, Originalgegenstände aus der Wohnung der Eberts waren nicht mehr vorhanden. Schließlich wurde ab den 1960er Jahren Leben und Wirken Eberts am Ort seiner Kinder- und Jugendjahre präsentiert. Zunächst stand nur die rund 50 Quadratmeter große Wohnung zur Verfügung, in der einige Schrifttafeln aufgestellt wurden.

1984 kaufte die Stadt Heidelberg den gesamten Häuserkomplex rund um Eberts Geburtshaus. Der Bundestag schuf im Dezember 1986 per Gesetz die „Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte“ wegen der Bedeutung Eberts für die deutsche Geschichte.
Nun endlich konnte Eberts Leben im historischen Zusammenhang angemessen präsentiert werden. Am 11. 2. 1989 übergab Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker zum 70. Jahrestag der Wahl Eberts zum Reichspräsidenten die Gedenkstätte der Öffentlichkeit.

Blick in die Pfaffengasse, links der Eingang zur Gedenkstätte

B 16 Blick in die Pfaffengasse, links der Eingang zur Gedenkstätte
(© Volker v. Offenberg, Heidelberg)

Was bietet die Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte?

Der Gebäude-Komplex der Gedenkstätte Pfaffengasse / Untere Straße umfasst

  • die rekonstruierte Wohnung der Familie Ebert, die zugleich Schneiderwerkstatt war (in den Originalräumen, wenngleich nicht mit der Originaleinrichtung)

  • die ständige Ausstellung zu Leben, Werk und Zeit Eberts

  • Räume für Sonderausstellungen, Vorträge, Filmvorführungen und Seminare

  • eine Bibliothek, die Lehrkräften und Schülern zur Verfügung steht

  • ein Archiv

Der Innenhof mit Aufgang zur Ebert-Wohnung

B 17 Der Innenhof mit Aufgang zur Ebert-Wohnung
(© Volker v. Offenberg, Heidelberg)

Rundgang durch die Wohnung und die Dauerausstellung

1. Die Wohnung

Wohnung und Schneiderwerkstatt der Eberts

B 18 Wohnung und Schneiderwerkstatt der Eberts
(© Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte)

Aus dem Innenhof (Eingang Pfaffengasse 18) führt eine Holztreppe hinauf zur Wohnung der Eberts. Hier ist Friedrich Ebert geboren und aufgewachsen. Auch wenn Möbel und Einrichtung nicht original sind, ist der Besuch der Wohnung (möglichst vor Besuch der Dauerausstellung) doch ergiebig und eindrucksvoll, wie von Schülern immer wieder bei Nachbefragungen bestätigt wird. Der Eindruck der engen, kleinen Räume, der niedrigen Decke und die Vorstellung dass hier eine komplette Familie wohnte und tagsüber Schneiderkunden und Gesellen sich zusätzlich aufhielten, bleiben im Gedächtnis und verstärken den Eindruck, welche Leistung der Aufstieg aus solchen Verhältnissen an die Staatsspitze darstellt. Die Authentizität des Lernorts verfehlt ihre Wirkung nicht.

2. Die Dauerausstellung

Der Rundgang läuft im Viereck rund um den Innenhof des Gebäudekomplexes, beginnt auf der Nordseite und führt im Uhrzeigersinn bis zum Ende auf der Westseite. Hierbei wurde die architektonische Gliederung der integrierten Altstadthäuser aus dem 18. Jhdt. beibehalten, sodass sich der Rundgang als Weg durch eine Folge kleiner und mittlerer Räume und Korridore darstellt. Bei der Neukonzeption der Ausstellung vor einigen Jahren entschied man sich für eine Mischung aus Zeit- und Texttafeln.

Ist man die Treppe aus dem Eingangsbereich in den ersten Stock hoch gegangen, gelangt man zum Anfang der Dauerausstellung. Im ersten Raum sind Kindheit, Schulzeit, Lehrzeit und Wanderschaft Friedrich Eberts Thema, ferner die politischen und sozialen Verhältnisse im Kaiserreich von 1871 (Geburtsjahr Eberts, gleichzeitig Gründungsjahr des Deutschen Reiches) bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. In einer Art Wandschrank lassen sich Türen öffnen, die Einblicke in die sozialen Verhältnisse und das Leben der Arbeiter und Handwerker zu dieser Zeit geben.

Dauerausstellung: Schubladenwand mit Informationen zur sozialen Frage

B 19 Dauerausstellung: Schubladenwand mit Informationen zur sozialen Frage
(© Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte)

Im hinteren Teil dieses Raumes werden die Entwicklung der Sozialdemokratie und die Politik Bismarcks gegenüber der Arbeiterschaft dargestellt. Eberts Selbstverständnis als „Sohn des Arbeiterstandes“, aufgewachsen „in der Gedankenwelt des Sozialismus“, gibt auf einem Banner die Leitidee vor.

Über einige Stufen führt der Rundgang zum nächsten Themenkomplex, der drei kleine Räume umfasst. Zunächst wird die Bremer Zeit Eberts gezeigt mit seiner Tätigkeit als Kneipenwirt und Berater für Hilfe suchende Arbeiter. Die Gasthaussituation ist durch eine kleine räumliche Inszenierung angedeutet. Eberts Eheschließung und die Geburt des ersten Kindes sind weitere Aspekte der Biographie: „Ein kleiner ‚Umstürzler’ ist angelangt“ (Geburtsanzeige 1894). Es schließt sich an die Tätigkeit Eberts als Arbeitersekretär in Bremen. Diese Tätigkeit wird durch die Büroeinrichtung mit Schreibtisch und Schreibmaschine angedeutet.

Anhand der Unterlagen zum Fall des „Arbeiters K.“ kann sich der Besucher ein Bild machen von der dringend notwendigen Beratung für Arbeiter in sozialen und arbeitsrechtlichen Fragen. Eberts Verdienst um die Organisierung des Bremer Parteitages 1904 wird ebenfalls gewürdigt.

Im folgenden Zimmer wird der Aufstieg Eberts in die Führung der SPD auf Reichsebene dargestellt, seit 1905 gehörte Ebert dem Parteivorstand an. In diese Zeit fällt das hier dokumentierte Wachstum der Sozialdemokratie, die bis 1914 an Wahlstimmen und Mitgliedern enorm zulegte. Zwischen 1906 und 1914 verdreifachte sich die Zahl der Mitglieder auf 1,1 Millionen. Auch das Problem der Einigkeit und der Flügelbildung innerhalb der SPD wird thematisiert.

Der Rundgang geht weiter über die Außenanlage in den nächsten Raum, der sehr dunkel gehalten ist und durch seine Verengung des Laufweges den Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg sinnlich erfahrbar machen will. Neben der allgemeinen Kriegslage werden persönliche Eindrücke gezeigt, so das faksimilierte Tagebuch Eberts aus jener Zeit sowie die letzten Briefe seiner gefallenen Söhne Heinrich und Georg. Ferner wird deutlich, wie im Fortgang des Kriegs die Frage der Kriegsunterstützung die SPD zu spalten beginnt.

In einem schmalen Durchgangsraum werden die Revolutionsereignisse am 9. November 1918 gezeigt.
Dann öffnet sich ein großer, heller Raum, der Anfänge, Grundlagen und Prinzipien der Weimarer Republik herausstellt. Hier wird Eberts Rolle als Mitbegründer der Republik gewürdigt. Ferner wird die kulturelle Vielfalt der „goldenen Zwanziger“ angedeutet. In der Mitte des Raumes befinden sich kreisförmig angeordnete Monitore, auf denen Fotos und kurze Filmsequenzen kaleidoskopartig visuelle Eindrücke dieser Phase zeigen.

Das Kaleidoskop der Weimarer Republik

B 20 Das Kaleidoskop der Weimarer Republik
(© Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte)

Der nächste Raum ist der Republik und dem Agieren des Reichspräsidenten Ebert in Krisenzeiten gewidmet, vor allem den Jahren 1920 und 1923 (Kapp-Putsch, Inflation, Ruhrbesetzung). Hier sind in einer Vitrine auch die wenigen erhaltenen Originalobjekte aus dem Besitz Eberts zu sehen: eine Zigarrenkiste mit Widmung, die Unterschriftenmappe mit dem Reichsadler, das Schreibtischset mit Siegel.

Der sich anschließende Durchgangsraum behandelt die Symbole der Republik (Flaggenstreit, Nationalhymne) und Eberts Rolle als Repräsentant dieser Republik.

Im folgenden Zimmer werden die politische Hetze gegen Repräsentanten der Weimarer Republik und politisch motivierte Morde zum Thema gemacht. Die Verleumdungen gegen Ebert und seine Prozesse werden dokumentiert, gehässige Karikaturen, die Ebert persönlich und gleichzeitig auch das demokratische System herabsetzen sollen, sind zu sehen. Eindrucksvoll ist der in einer Glasvitrine ausgestellte originale Stockdegen Eberts, der der Verteidigung gegen eventuelle Aggressoren dienen sollte.

Der letzte Raum zeigt den Tod Eberts und die Hintergründe hierfür, die Überführung von Berlin nach Heidelberg, den Trauerzug und die Beisetzung auf dem Bergfriedhof. Als weiterführender Aspekt wird Eberts Nachwirken und die Kultur der politischen Erinnerung thematisiert.

Eberts Büste am Ende des Rundgangs

B 21 Eberts Büste am Ende des Rundgangs
(© Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte)

 

- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Karlsruhe -