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Versteigerung jüdischen Besitzes: Das Beispiel der Ida Jauffron-Frank

Der letzte Akt der "Arisierung" begann mit den Deportationen. Die badischen und saarpfälzischen Juden, etwa 6.500 Menschen, wurden am 22.10.1940 nach Gurs deportiert, ein Lager am Westrand der Pyrenäen.

Das Lager Gurs in Frankreich im Oktober 1940
Das Lager Gurs in Frankreich im Oktober 1940
Quelle: Stadtarchiv Mannheim MA-ISG 3658x2558 Pixel

Unter den Verschleppten waren auch rund 2.000 Juden aus Mannheim. Etwa ein Jahr vor Beginn der massenhaften Deportationen aus dem Deutschen Reich lieferte die Verschleppung der badischen und saarpfälzischen Juden eine Art Masterplan für künftige Vertreibungen aus Deutschland; vor allem machte sie deutlich, dass seitens der arischen Volksgenossen mit Widerstand oder Protest nicht zu rechnen war – ganz im Gegenteil, denn in Mannheim weckte die Deportation der Juden rasch Begehrlichkeiten. So wandte sich am 31.10.1940, also keine zehn Tage nachdem die Züge mit den Deportierten den Mannheimer Hauptbahnhof verlassen hatten, der Mannheimer Hausverwalter Herrmann Storck an das badische Finanz- und Wirtschaftsministerium und brachte sich als Treuhänder für den zurückgelassenen jüdischen Besitz ins Gespräch. Allerdings hatte man sich weder in der Verwaltung noch in der NSDAP vor der Deportation Gedanken darüber gemacht, was mit dem Besitz der Verschleppten passieren sollte. Anders als bei späteren Deportationen ab 1941, bei denen die Juden laut einer im November 1941 erlassenen Verordnung mit Verlassen des Deutschen Reichs ihre Staatsangehörigkeit und damit ihren kompletten Besitz in Deutschland verloren, gab es im Oktober 1940 in Baden und der Saarpfalz keinerlei entsprechende Regelungen.

Erst am 9.11.1940 und nach massiven Kompetenzstreitigkeiten mit dem badischen Gauleiter Robert Wagner ordnete der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler an, dass das Vermögen der am 22.10.1940 nach Gurs deportierten Juden sichergestellt und verwertet werden sollte, wie es in der Sprache des Dritten Reichs hieß. Zuständig für die Verwaltung und Verwertung des jüdischen Besitzes war in Baden der Generalbevollmächtigte für das jüdische Vermögen Carl Dornes. Vor Ort in Mannheim war im Polizeipräsidium eine eigene Abteilung – die Abteilung "Jüdisches Vermögen" – mit bis zu zehn Mitarbeitern mit der Verwertung des jüdischen Vermögens befasst. Unter ihrer Aufsicht wurde im Winter 1940/41 das zurückgelassene Hab und Gut – also die Möbel, die Kleidung, die Bücher, das Geschirr von fast 2.000 Menschen – versteigert. Die Erlöse aus den Verkäufen flossen auf Sperrkonten. Die Auktionen wurden meist in der Zeitung angekündigt; dabei war für die Leser klar ersichtlich, dass jüdisches Eigentum versteigert wurde, denn in den Annoncen hieß es in der Regel unmissverständlich, dass Gegenstände aus nichtarischem Besitz versteigert würden.

Versteigerung von jüdischem Hausrat
Versteigerung von jüdischem Hausrat
Anzeige im Hakenkreuzbanner vom 23.3.1939
Quelle: Stadtarchiv Mannheim MA-ISG

Zudem fanden die Versteigerungen oft in den Wohnungen der Deportierten statt, die Käufer dürften also auch gewusst haben, wem die Dinge, für die sie nun boten, einst gehört hatten. Auch die Mannheimer, die im Winter 1940/41 in der Lameystraße 6 Gegenstände ersteigerten, werden darüber im Bilde gewesen sein, wer hier gelebt hatte: die Pianistin Ida Jauffron-Frank.

Sie war am 22.10.1940 zusammen mit ihrer 75 Jahre alten Mutter Adele Frank nach Gurs verschleppt worden. Adele Frank starb nur wenige Wochen nach der Ankunft im Lager an der Ruhr. Ida Jauffon-Frank überlebte die katastrophalen Zustände in Gurs und in diversen anderen Lagern. Als sie 1945 befreit wurde, litt sie jedoch an schwerem Rheuma und hatte bis zu ihrem Tod 1981 massive gesundheitliche Probleme. Während Ida Jauffon-Frank also im Winter 1940/41 in Gurs um ihr Überleben kämpfte, wurde daheim in Mannheim alles, was sie zurückgelassen hatte, versteigert.

Ida Jauffron-Frank, Foto, um 1960
Ida Jauffron-Frank, Foto, um 1960
Quelle: Stadtarchiv Mannheim MA-ISG 5300x3685 Pixel

Darunter waren Schmuck, ein Pelzmantel, Abendkleider, ein Rundfunkgerät, ein Akkordeon und Noten, die sie einst bei ihren Auftritten gebraucht hatte, bevor ihr dies als Jüdin verboten wurde. Als Ida Jauffon-Frank 1945 befreit wurde, besaß sie außer der gestreiften Häftlingskleidung, die sie am Leib trug, nichts mehr; für das Leben nach dem Überleben musste sie alles neu anschaffen, Möbel, Kleidung, Hausrat. Zudem hatten manche Gegenstände, die sie bei der Deportation zurücklassen musste, neben dem materiellen sicherlich auch einen ideellen Wert. Vor allem die Noten werden für sie auf einer emotionalen Ebene wertvoll gewesen sein, erinnerten sie sie doch an die Zeit vor 1933, als sie eine erfolgreiche Pianistin gewesen war und große Konzerte gegeben hatte. Wenn man dies weiterdenkt, und Besitz als etwas begreift, was einen als Mensch ausmacht, dann bedeutete der Verlust der Noten und der anderen Gegenstände für Ida Jauffron-Frank auch einen Verlust eines Stückchens Identität.

Irgendwo in Mannheim wurden also Ida Jauffon-Franks Noten und alle anderen Besitztümer auf eine Liste geschrieben. Wie viele Gegenstände aus jüdischen Haushalten insgesamt in Mannheim im Winter 1940/41 in arischen Besitz übergingen, geht aus den Quellen nicht hervor, ebenso wenig, wie hoch die Erlöse aus den Versteigerungen waren. Fest steht allerdings, dass nun, in der letzten Phase der Arisierung, die breite Bevölkerung von der Ausplünderung der Juden profitierte. Dabei fanden die jüdischen Besitztümer in Mannheim reißenden Absatz. Es habe, so berichtete die Haushälterin einer jüdischen Familie nach dem Krieg, "ein ziemliches Gedränge" gegeben, als der Hausrat ihrer einstigen Dienstherren versteigert wurde – kein Einzelfall, denn reichsweit herrschte bei den Versteigerungen von jüdischem Besitz eine wahre Goldgräberstimmung und Joseph Goebbels beobachtete, dass sich die arischen Volksgenossen nach den Deportationen "wie die Aasgeier auf die warmen Judensemmeln stürzten".

Mehrere Hundert schlagartig leer stehende Wohnungen allein in Mannheim, Zeitungsanzeigen mit Hinweisen auf die Versteigerung jüdischen Besitzes und ein wahrer Ansturm bei den Auktionen selbst – kein Zweifel: Die Versteigerungen des Hab und Guts der deportierten Juden waren eines nicht: geheim, unbekannt, nicht wahrnehmbar. Damit wurden all jene, die jüdischen Hausrat zum Schnäppchenpreis erstanden, zu Mitverschworenen eines Verbrecher-Regimes, zu Hehlern, die vom Staat beschafftes Diebesgut kauften. Und mehr noch: Wer im Winter 1940/41 in Mannheim Ida Jauffron-Franks Noten oder wenig später irgendwo im Deutschen Reich einen anderen der vielen Gegenstände aus jüdischem Besitz ersteigerte, der dürfte kaum damit gerechnet haben, dass die früheren Eigentümer zurückkommen und Rechenschaft fordern würden.