Landesgeschichtliche Einordnung

Was konnten Sie tun?

Handlungsspielräume

Informieren … Postkarten auslegen … Zettel kleben … Flugblätter verteilen … Aufrütteln … Kurierfahrten machen … Propagandamaterial zerstören … Verfolgten helfen … Verbündete im Ausland suchen …die Neuordnung denken … Kriegsdienstverweigerer verstecken … den Kriegsdienst verweigern … die Kriegsrealität sichtbar machen … den Völkermord bezeugen … den Umsturz planen … die NS-Führung ausschalten … den Tyrannen stürzen … den Krieg ‘beenden‘ … die beispielhafte Aufzählung der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand macht deutlich, dass es für jeden Menschen genügend Handlungsspielräume für Widerstandsaktionen gab.

Allerdings wurden unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Widerständigen und Widerstandsbereiten durch das dichte Netz der frühen Konzentrationslager eingeschüchtert und terrorisiert. Die Bereitschaft zur Aktion bedeutete für jeden Einzeln und vielfach auch für die eigene Familie, das Risiko der Verfolgung und Inhaftierung auf sich zu nehmen. Neben den Repressionen durch den Staat mussten die Widerständigen mit Denunziationen und Schikanen durch Nachbarn, Kollegen, Bekannten und mitunter auch durch die eigene Familie rechnen.

So vielfältig die Akteure und die Widerstandsaktivitäten auch waren, “es hat keine einheitlich auftretende und handelnde deutsche Widerstandsbewegung gegeben. Der Widerstand formierte sich sowohl unkoordiniert in Einzelaktionen (Attentat Georg Elsers im Bürgerbräukeller) als auch professionell vorbereitet in weitausgreifenden Aktionen (20. Juli 1944)“.
(Widerstand gegen den Nationalsozialismusde.wikipedia.org/wiki/Widerstand_im_Dritten_Reich)

Zum Begriff “Widerstand“
eine Typologisierung von Michael Kißener

Ebene 1: Punktuelle Nonkonformität

“Auf einer ersten Ebene steht die so genannte “punktuelle Nonkonformität“, also die Unzufriedenheit mit bestimmten Situationen, Vorkommnissen, Entwicklungen oder Personen, die noch gar keine grundsätzliche politische Ablehnung beinhalten muss. Dabei handelt es sich um partielle Kritik, die nichts mit einer prinzipiellen Kritik am Regime zu tun haben muss. Dennoch schränkten diese Formen von nonkonformem Verhalten den universellen Macht- und politischen Deutungsanspruch des Regimes ein und deshalb wurde solches Verhalten auch vom NS-Regime verfolgt.
Wichtig ist es für die historische Betrachtung deshalb, weil hinter solch partieller Kritik auch eine grundsätzliche Ablehnung des NS-Staates stehen konnte oder aber und vor allem, weil sich aus der Erfahrung der harten Reaktion des NS-Staates dann deutlichere Formen von Widerstand entwickeln konnten. Man denke nur an Hans Scholl, der nach dem Zeugnis seiner Schwester anfing, seine Haltung gegenüber dem NS-Staat zu überprüfen, als man ihm verbot, ausländische Volkslieber mit seinen HJ-Kameraden zu singen und eine eigene Fahne herzustellen.

 

Ebene 2: Verweigerung oder Resistenz

Sehr viel deutlicher wird “Widerstand“ auf der zweiten Ebene, die mit “Verweigerung“ oder “Resistenz“ bezeichnet werden kann. Hier ging es um die Beibehaltung und den Schutz eigener Wertmaßstäbe und Freiräume gegen den nationalsozialistischen Vereinnahmungswahn, d.h. Menschen wagten den Herrschaftsanspruch des Regimes in ihrem Einflussbereich zu beschränken, indem sie sich dem Gleichschaltungsdruck zu entziehen versuchten. Damit gaben sie anderen ein Beispiel, das nach Auffassung der Machthaber unbedingt unterbunden werden musste.

 

Ebene 3: Widerstand

Auf einer dritten Ebene wurde “Widerstand“ durch öffentlichen Protest manifest, gleichsam eine erste Form der Offensive gegen das Regime, die nicht notwendigerweise, aber doch in vielen Fällen mit einem grundsätzlichen Loyalitätsbruch, also einer grundsätzlich differierenden politischen Einstellung einherging.

 

Ebene 4: Umsturz des Regimes

Erst auf der vierten und letzten Ebene finden wir den Widerstand im engeren Sinne vor. Dieser aktive Widerstand richtete sich direkt auf den Umsturz des Regimes mit allen Mitteln. Selbstverständlich sind die Übergänge zwischen der soeben erwähnten Stufe 3 und dieser Stufe fließend und nicht immer klar zu trennen.“ (Michael Kißener, Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Bodenseeraum, in: Grenzgänger am Bodensee. Konstanz 2000, S. 57ff.)

Anmerkung: Michael Kißener war Geschäftsführer der Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten

 

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- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Stuttgart -

letzte Änderung: 2013-08-06

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