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Jugendopposition in der NS-Diktatur

Warum und wann wenden sich Jugendliche gegen ein politisches Regime? Warum tun sie es, selbst wenn es ihr Leben kosten könnte? Tun sie es aus politischen Gründen oder motiviert sie etwas anderes? Wo sind die Grenzen zwischen Widerstand, Opposition und Non-Konformismus?

Diesen Fragen geht dieses Modul nach, indem verschiedene Facetten von jugendlichem Non-Konformismus näher beleuchtet werden, speziell die sog. Hamburger Swing-Jugend, die Leipziger Meuten sowie der Fall des Walter Klingenbeck aus München. Dabei spielen jugendkulturelle Phänomene wie Musik oder gemeinsamer Kleidungsstil genauso eine Rolle wie die Abgrenzung gegenüber staatlichen Vorgaben.

Diese Phänomene liegen laut dem Historiker Sascha Lange in Zehntausenden von Fällen vor im NS-Regime, auch wenn sie nur oberflächlich dokumentiert sind (Ders., Meuten, Swings & Edelweißpiraten. Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus. Mainz: Ventil 2015). Jugendliche, die in ihrer Entwicklung die Abgrenzung zu den vorgegebenen Schemata suchen, sind also keine Einzelfälle, sondern stellen vor allem in urbanen Regionen ein nicht ungewöhnliches Phänomen dar. Vielleicht sind die Jugendlichen damit die demographische Gruppe, die sich am ehesten oppositionell zum Regime verhielt.

Leider sind nur wenige Zeugnisse hiervon überliefert, und auch wenn die Forschung zu den sog. „Edelweißpiraten“ oder zur Hamburger Swing-Jugend in den letzten Jahren zugenommen hat, bleibt es dennoch für weite Regionen Deutschlands ein Desiderat, die lokale Gruppe genauer in den Blick zu nehmen. Einen ersten deutschlandweiten Überblick über Gruppen hat Sascha Lange vorgenommen, die diesem Modul zu Grunde liegt.

Verkehrsschild mit aufgemaltem Victory-Zeichen;

ausgehend von dieser Aktion wurde Walter Klingenbeck zum Tode verurteilt und hingerichtet.

© BArch R 3017 3828

Die Schülerinnen und Schüler sollen mit einem Song des in den 30er-Jahren überaus beliebten Schweizer Bandleaders Teddy Stauffer und seiner Band, den „Original Teddies“, eingestimmt werden – die sich heute harmlos anhörende Musik ist schwerlich mit Opposition gegen den NS-Staat in Verbindung zu bringen. Dennoch sollen die Schülerinnen und Schüler auf diesen ungewöhnlichen Nexus gestoßen werden durch die Frage: Was haben die Nationalsozialisten dagegen, dass man diese Musik hört? Wie reagiert ein Jugendlicher auf solch ein Verbot? Die anschließende Leitfrage dreht sich um das Leben von Jugendlichen im NS-Regime.
Nach grundsätzlichen Informationen sollen sich die Schülerinnen und Schüler mit dem vorgesehenen Ablauf eines Heimabends der Hitler-Jugend auseinandersetzen und diese aus ihrer Sicht als Jugendliche bewerten. Sicherlich werden sie viele Elemente finden, für die sie wenig Verständnis haben werden. Zugleich sollten sie aber auch erkennen, dass es auch zeitgenössische Jugendliche gab, die hierin Attraktives fanden (Führerkult, gemeinsame Aktivitäten, Lagerfeuerromantik, …).

Plakat der Hitlerjugend, das sich gegen andere Jugendgruppen wendet

Plak 003-011-042 © Bundesarchiv

In einem nächsten Schritt sollen sich die Schülerinnen und Schüler den oppositionell gesinnten Gruppen zuwenden. Dies kann in Stationen nacheinander oder arbeitsteilig passieren. Repräsentativ wurden für dieses Modul die sog. „Leipziger Meuten“ und die Hamburger „Swings“ ausgewählt. Die leitende Fragestellung soll dabei sein, wie sich diese Gruppen von der offiziellen Ideologie abgrenzten.
Vertiefend kann in einem weiteren Schritt das Fallbeispiels des Walter Klingenbeck eingesetzt werden, um die Gewaltspirale nachzuvollziehen, die sich aus oppositionell motiviertem Handeln ergeben konnte und die im Falle Klingenbecks fatale Folgen hatte. Abschließend reflektieren die Schülerinnen und Schüler darüber, wie sie das Verhalten der einzelnen Gruppen in dem Spektrum zwischen Non-Konformismus, Opposition und Widerstand einordnen. Wichtig wäre, dass sie dabei vor allem die fließenden Übergänge erkennen. Ausgehend hiervon können sie auch ihre eigene Position hinterfragen: Wer neigt warum zu non-konformem Verhalten?

Als Differenzierungsangebot dient abschließend das Interview mit Wilhelm Endres von der Leipziger Meute "Hundestart".

Alle Arbeitsblätter im Download als zip-Datei (3,2 MB).


Unterrichtsplanung


1. Einstieg/vorbereitende Hausaufgabe: Teddy Stauffer: Down Argentina way
(Hinweis: Bei Youtube gibt es eine Vielzahl an Songs von "Teddy Stauffer und den Original Teddies" – man kann die Schülerinnen und Schüler auch als vorbereitende Hausaufgabe solch einen Titel suchen und anhören lassen)

Sascha Lange schreibt zu Teddy Stauffer: „Teddy Stauffer verkörperte allein mit seiner Coolness, Kleidung und Frisur den amerikanischen Lifestyle in Reinkultur und kann als das erste große Jugendidol im Bereich moderner Musik in Deutschland angesehen werden. Jeder, der während der NS-Zeit mit Swingmusik in Kontakt kam, kannte ihn.“
(Sascha Lange, a.a.O., S. 105.)

  • Wie gefällt das den Nationalsozialisten?
  • Was kann man dagegen haben?

2. Leitfrage: Bericht der Gestapo über eine Swing-Veranstaltung

  • Wie reagiert ein Jugendlicher auf solch ein Verbot?
  • Was passiert jemandem, der das anhört?

Leitfrage: Wie war das Leben für Jugendliche im NS?

3. Informationsinput: Die Hitler-Jugend seit 1933
Notiere Zahlen zur Größe, den Inhalten und der Struktur der Hitler-Jugend.
Die Lehrkraft kann die Präsentation wahlweise selbst erläutern oder den Schülerinnen und Schülern einen ersten Arbeitsauftrag erteilen und sie selbstständig durchklicken lassen (z.B. in Tablet-Klassen):

4. Erarbeitung: Ein Heimabend bei der HJ
Stelle die zentralen Elemente eines Heimabends zusammen.
Was könnte einen Jugendlichen hierfür begeistert haben?
Bewerte aus deiner Sicht, ob das jugendgemäß ist.

5. Überleitung: Das Vorgehen der HJ gegen andere Jugendgruppen (Plakat)

6. Oppositionelle Jugendkultur in der NS-Diktatur
a. Leipziger Meuten
b. Hamburger Swings

Erarbeite, wie sich die Jugendgruppen von der offiziellen Ideologie abgrenzten.
Stelle die Gruppe dar, erkläre, was sie (nicht) machten, und wie der NS-Staat hierauf reagiert hat.

7. Vertiefung: Ein Fall mit schweren Konsequenzen: Walter Klingenbeck (Folie)

8. Einordnung:
Beurteile, inwiefern dies als „widerständiges Verhalten“ bezeichnet werden kann.
Ordne jeweils zu innerhalb der folgenden Begriffe: Non-Konformismus Opposition Widerstand.

Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler die fließenden Übergänge erkennen: Was zunächst Ausdruck von jugendlichem Aufbegehren ist, interpretiert der NS-Staat als oppositionelles Verhalten und sanktioniert es auf unmenschliche Weise.


Differenzierung
- Interview mit Wilhelm Endres von der Meute Hundestart


Weiterführende Links: