Orte der Moderne am Bodensee
Autor/in: Johannes Gießler
Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte an der ZSL-Regionalstelle Tübingen
Kurzbeschreibung des Moduls:
Das Modul ist für zwei Unterrichtsstunden ausgelegt und richtet sich in erster Linie an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der Frage auseinander, wie der "Aufbruch in die Moderne" fernab von urbanen Zentren verlief, und begeben sich am nördlichen Bodenseeufer auf Spurensuche. Dabei lernen sie verschiedene "Orte der Moderne" kennen und setzen sich mit der "tiefgreifenden Umgestaltung" der räumlichen Ordnung der Lebenswelt (Geisthövel/Knoch, 2016) auseinander, die zwischen 1870 und 1930 stattfand. Sie erkennen, dass sich solche "Orte der Moderne" heute noch vielerorts befinden, ohne dass sie diese gleich als solche erkennen.
1. Hintergrund
a) Historische Einordnung
„Zwischen 1870 und 1930 erfuhr die räumliche Ordnung der Lebenswelt über alle Schichten hinweg eine tiefgreifende Umgestaltung“ (Geisthövel/Knoch, 2016). Das Entstehen von „Orten der Moderne“ lässt sich insbesondere in städtischen Zentren gut nachvollziehen, beispielsweise an Bahnhöfen, Warenhäusern oder Stadtrandsiedlungen. Durch neue Verkehrsmittel und Kommunikationstechniken wurden Menschen schneller und dichter miteinander vernetzt.
Auch am Bodensee und in Oberschwaben lassen sich diese Entwicklungen exemplarisch beobachten. Augenscheinliche Beispiele dafür sind die Zeppelin-Werke in Friedrichshafen oder die Fertigstellung der Südbahn. Gleichzeitig entstanden Orte der Freizeit und des Vergnügens wie Strandbäder, Lichtspieltheater oder Segelclubs, die „Angebote für bislang unbekannte Bedürfnisse“ machten (Geistelhövel/Knoch, 2016). Der Tourismus wurde in Friedrichshafen zu einem wichtigen Wirtschaftszweig. Mit Sonderzügen kamen Übernachtungsgäste an den Bodensee, um im „schwäbischen Nizza“ Erholung zu finden.
Die Moderne zeigte sich somit nicht nur in technischen Innovationen, sondern auch in der Veränderung gesellschaftlicher Strukturen. Klassische gesellschaftliche Unterschiede begannen sich aufzulösen, wodurch halböffentliche Räume wie Strände oder Kurgartenhotels sozial durchlässiger wurden.
Trotzdem gehörte Oberschwaben zu den Gegenden, „in denen sich die Moderne […] bis 1914 nur in Ansätzen zeigte" (Kniep, 2014). Am regionalgeschichtlichen Beispiel lässt sich das Nebeneinander von „einer vergleichsweise wohlgeordneten, traditionell geprägten Welt“ (Kniep, 2014) und den Umwälzungen der Hochmoderne nachvollziehen.
b) Historische Bedeutung
Die behandelten "Orte der Moderne" sind mehr als nur regionale Besonderheiten: Sie spiegeln zentrale Entwicklungen der europäischen Gesellschaft um 1900. Die erste vollelektrische Bahnstrecke, Meckenbeuren – Tettnang, steht für die Verbindung von technischem Fortschritt und die zunehmend schnellere und dichtere Vernetzung der Menschen. Der Zeppelinbau in Friedrichshafen verkörpert technische Innovation und die Entstehung moderner Industriearbeit. Das erste Kino in Friedrichshafen oder das Strandbad in Bad Schachen zeigen, wie Freizeitgestaltung Teil einer neuen Massenkultur wurde. Segelclubs verdeutlichen die Orientierung am bürgerlichen Lebensstil und an internationalen Vorbildern.
Gemeinsam machen diese Orte deutlich, dass die Moderne nicht nur in Metropolen stattfand. Auch eine eher ländlich geprägte Region wie Oberschwaben und der Bodenseeraum wurde von der zeitgenössischen Dynamik und Veränderungen erfasst.
2. Das Thema im Unterricht
a) Impulse und Material für den Unterricht mit didaktischen Hinweisen
| Zeit/Phase | Inhalte/methodische Hinweise |
| Doppelstunde | |
| Einstieg |
Zu Beginn benennen die Schülerinnen und Schüler die enormen Wachstumsraten der Bevölkerung deutscher (Groß-)Städte im Zeitraum von 1875 bis 1910 (AB1 [pdf, 0,4 MB]). Anschließend vergleichen sie diese mit den Wachstumsraten der Städte Biberach, Friedrichshafen und Ravensburg. Dabei werden Hypothesen für das unterschiedlich stark ausgeprägte Wachstum gebildet und erste mögliche Ursachen formuliert. Gemeinsam kann z. B. folgende Leitfrage formuliert werden: „Aufbruch in die Moderne ... auch in der Provinz?” |
| Erarbeitung 1 | Im Anschluss daran erfolgt eine erste Erarbeitungsphase, in der die Schülerinnen und Schüler den Arbeitsauftrag (AB2 [PDF, 0,1 MB]) zunächst in Einzelarbeit und anschließend in wachsenden Gruppen (alternativ in einer Lerntheke) aspektorientiert bearbeiten (AB3 [pdf, 0,1 MB], AB4 [pdf, 0,1 MB], AB5 [pdf, 0,1 MB], AB6 [pdf, 0,1 MB], AB7 [pdf, 0,1 MB], AB8 [pdf, 0,1 MB], AB9 [pdf, 0,1 MB], AB10 [pdf, 0,1 MB], AB11 [pdf, 0,1 MB]). Dabei wählen sie zunächst in Einzelarbeit verschiedene „Orte der Moderne“ aus und ordnen diese Kategorien zu (z. B. Vernetzung, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft, …). Sie erarbeiten, inwiefern der jeweilige Ort als modern gilt, welche Veränderungen sich um die Jahrhundertwende ergeben haben und inwiefern diese das Leben der Menschen um 1900 beeinflusst haben. In einer anschließenden Gruppenarbeit informieren sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig über ihre „Orte der Moderne“. Sie notieren sich die Ergebnisse der anderen zu ausgewählten Orten. Abschließend arbeiten sie aus der Gesamtheit ihrer Ergebnisse die Aspekte heraus, die für die Beantwortung der Leitfrage relevant sind. |
| Ergebnissicherung | Die Ergebnissicherung erfolgt durch den Austausch innerhalb der Gruppen. Es müssen nicht alle Schülerinnen und Schüler eine vollständige Lösung (AB12 [pdf, 0,1 MB]) haben. |
| Erarbeitung 2/Vertiefung |
In der zweiten Erarbeitungsphase, die unmittelbar an die gesicherten Ergebnisse der ersten Erarbeitungsphase anknüpft, stehen Thesen aus der Fachwissenschaft (AB13 [pdf, 0,1 MB]) im Mittelpunkt. Dabei werden nochmals grundlegende Veränderungen in Deutschland thematisiert, darunter ein ungekannter Wirtschaftsaufschwung dank der Industrie, revolutionäre technische Innovationen, Urbanisierung und die Entstehung der Massengesellschaft. Zentral ist die Erkenntnis, dass diese Umwälzungen, wie in Deutschland insgesamt, auch am nördlichen Bodenseeufer regional sehr unterschiedlich an Bedeutung gewannen. Einerseits gab es erhebliche Veränderungen, die sich jedoch weitgehend auf die städtischen Zentren Ravensburg und Friedrichshafen beschränkten, andererseits „lebten die Menschen in Oberschwaben in einer vergleichsweise wohlgeordneten, traditionell geprägten Welt, die von der zeitgenössischen Dynamik allenfalls gestreift worden war” (Kniep, 2014). Dieses Nebeneinander von Veränderung und Beständigkeit ist die zentrale Erkenntnis der Unterrichtsstunde. |
| Problematisierung |
Die Schülerinnen und Schüler wenden die in der zweiten Erarbeitungsphase gewonnenen Erkenntnisse auf ihre "Orte der Moderne“ an. Sie beurteilen, wie sich die Ambivalenz moderner Lebenswelten um 1900 an ihren Orten zeigt.
|
| Transfer | Der Stundenabschluss dient der Reflexion darüber, welche Rolle diese „Orte der Moderne“ heute noch spielen, und behandelt die Frage, ob unsere heutige Gegenwart um 1900 begann. Dies kann beispielsweise mithilfe einer Positionslinie und der Impulsfrage „Unsere Gegenwart begann um 1900“ – stimme zu / stimme teils zu / stimme nicht zu – erfolgen. |
Download aller Arbeitsblätter als zip-Datei [2,7 MB].
b) Bildungsplanbezug
Inhaltbezogene Kompetenzen:
3.2.5 Der industrialisierte Nationalstaat – Durchbruch der Moderne
Inhalt:
(3) die Ambivalenz moderner Lebenswelten um 1900 in Europa analysieren
Prozessbezogene Kompetenzen:
(2) historische Sachverhalte in ihren Wirkungszusammenhängen analysieren
(7) regionalgeschichtliche Beispiele in übergeordnete historische Zusammenhänge einordnen
Literatur
- Frank Brunecker, Sigrid Hirbodian, Edwin Ernst Weber (Hg.): Vom agrarischen Hinterland zur industriellen Boomregion. Wirtschaft in Oberschwaben von 1850 bis zur Gegenwart, Stuttgart 2025.
- Frank Brunecker (Hg.): Die Schwäbische Eisenbahn, Biberach 2013.
- Eveline Dargel: Aufbruch in die Moderne. Langenargen vom Übergang an das Haus Österreich bis zum Ersten Weltkrieg (1780 – 1918), in: 1250 Jahre urkundliche Ersterwähnung Langenargen, Langenargen 2023, S.73 – 102.
- Peter Eitel: Ravensburg im 19. und 20 Jahrhundert. Politik - Wirtschaft - Bevölkerung - Kirche - Kultur – Alltag, Ostfildern 2004.
- Peter Eitel: Geschichte Oberschwabens im 19. und 20. Jahrhundert. Band 1: Der Weg ins Königreich Württemberg (1800–1870), Ostfildern 2010.
- Peter Eitel: Geschichte Oberschwabens im 19. und 20. Jahrhundert. Band 2: Oberschwaben im Kaiserreich (1870–1918), Ostfildern 2015.
- Peter Eitel: Geschichte Oberschwabens im 19. und 20. Jahrhundert. Band 3: In den Strudeln der großen Politik (1918–1952). Ostfildern 2022.
- Alexa Geisthövel, Habbo Knoch (Hg.): Orte der Moderne. Erfahrungswelten des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 2005
- Peter Heidtmann, Angelika Barth, Karl-Hermann Weidemann: Das Bahnbuch. 100 Jahre Strom und Zugverbindung Tettnang – Meckenbeuren, Tettnang 1993.
- Jürgen Kniep: Der Erste Weltkrieg als Einbruch der Moderne in Oberschwaben – Einleitung, in: Jürgen Kniep (Hg.): „Eine Donau voll Blut, ein Bodensee voll Tränen“. Oberschwaben im Ersten Weltkrieg, Biberach 2014, S.11-20.
- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte an der ZSL-Regionalstelle Tübingen -
Herausgeber: Landesbildungsserver Baden-Württemberg
Quelle: https://www.schule-bw.de
Bitte beachten Sie eventuell abweichende Lizenzangaben bei den eingebundenen Bildern und anderen Dateien.


