Das Kloster Lorsch als Macht-, Wirtschafts- und Bildungszentrum in karolingischer Zeit (8./9.Jh.)

Kurzbeschreibung der Einheit/des Moduls

Hintergrundinformationen

1.1 Kurzbeschreibung

Die ehemalige Benediktinerabtei Lorsch war ein wichtiges machtpolitisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum des karolingischen Reiches. Die fast vollständig erhaltene, sogenannte Tor- bzw. Königshalle aus dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderts und Teile der Klosterbibliothek wie etwa das Lorscher Arzneibuch sind einzigartige Kulturdenkmäler und zählen seit 1991/2013 zum Weltkultur- bzw. Weltdokumentenerbe der Unesco.
In einem experimentalarchäologischen Freilichtlabor in Gestalt eines rekonstruierten karolingischen Herrenhofes werden seit 2014 die Bedingungen der frühmittelalterlichen Grundherrschaft erforscht und im Rahmen von Führungen konkret veranschaulicht. Das Modul stellt nicht die klösterliche Lebenswelt an und für sich in den Mittelpunkt, sondern will vielmehr auf der Grundlage ausgewählter Schrift- und Bildquellen die Bedeutung karolingischer Klöster als Macht- und Bildungszentren sowie die Funktion des Grundherrschaftssystems in exemplarischer Weise aufzeigen.
Es ist grundsätzlich in Form eines lernortunabhängig einsetzbaren Stationenlernens für die Klassen 6/7 bzw. 10 konzipiert und mit Blick auf Materialien und Arbeitsanweisungen nach drei Niveaustufen bzw. Schwierigkeitsgraden differenziert. Darüber hinaus werden aber auch Anregungen zur Durchführung eines Lerngangs gegeben.


1.2 Zeittafel

764 Übertragung eines von dem fränkischen Gaugrafen Cancor und seiner verwitweten Mutter Williswinth auf einer Flussinsel der Weschnitz im Oberrheingau gegründeten Eigenklosters an Erzbischof Chrodegang von Metz; Besiedlung mit Benedektinermönchen aus dem Mutterkloster Gorze

Umrisse des Klosters Altenmünster
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Umrisse des Klosters Altenmünster, © A. Wilhelm

765 Übertragung der Reliquien des römischen Märtyrers Nazarius von Gorze in die Basilika von �Altenmünster� auf der Weschnitz-Insel
767 Stiftung eines Gutes (mit Resten einer römischen villa rustica?) auf einem westlich des Klosters gelegenen Dünenhügel durch Cancors Bruder Thurinkbert an das Kloster
772 Rechtsstreit zwischen Abt Gundeland (Bruder Erzbischofs Chrodegangs) und Graf Heimerich (Sohn Gaugraf Cancors) um den Besitz des Klosters; Urteil Karls des Großen zugunsten Gundelands; durch Besitzübertragung Gundelands auf Karl den Großen Umwandlung des Eigenklosters in ein Königskloster; Verleihung der Immunität (Reichsunmittelbarkeit) und Libertät (Recht der freien Abtwahl) durch Karl den Großen
773 Schenkung der Mark Heppenheim (westl. Odenwald) durch Karl den Großen an das Kloster
774 Einweihung der auf den Dünenhügel verlegten neuen Lorscher Klosterkirche und Übertragung der Gebeine des Hl. Nazarius im Beisein Karls des Großen nach dessen Rückkehr vom Feldzug gegen die Langobarden
784-804 Abbatiat Richbods (Schüler Alkuins und Vertrauter Karls des Großen); bauliche Ausgestaltung des Klosters Lorsch, Einrichtung des Skriptoriums
Schreibender Mönch
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Schreibender Mönch, Modell im Museumszentrum Lorsch, © A. Wilhelm
ca. 800 Entstehung des Lorscher Arzneibuchs in Lorsch
804-837 Abbatiat Adalungs; der Konvent zählt ca. 60 Mönche
ca. 810 Abfassung des Lorscher Evangeliars am Hofe Karls d. Gr.
819 Schenkung der Mark Michelstadt durch Einhard (Biograph Karls des Großen) an das Kloster
ca. 820/30 Errichtung der sogenannten Tor- oder Königshalle

Torhalle Kloster Lorsch
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Torhalle Kloster Lorsch, © A. Wilhelm

Bauzeitliche Scheinarchitekturmalerei im Obergeschoss der Torhalle
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Bauzeitliche Scheinarchitekturmalerei im Obergeschoss der Torhalle, © A. Wilhelm

832 Aufenthalt des gegen seinen Vater Ludwig I. (den Frommen) rebellierenden Ludwig II. (des Deutschen) in Lorsch
843 Teilung des Frankenreichs im Vertrag von Verdun zwischen Lothar, Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen
876 Beisetzung Ludwigs des Deutschen (840-876) in der von seinem Sohn Ludwig III. (dem Jüngeren) errichteten Gruftkirche im Kloster Lorsch

Pilastersarkophag
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Pilastersarkophag vom Klostergelände, © A. Wilhelm

882 Beisetzung Ludwigs des Jüngeren (876-882) in Lorsch
895-897 Abbatiat des von König Arnulf eingesetzten Bischofs Adalbero von Augsburg
10./11. Jh. drastischer Rückgang privater Schenkungen, Regalien-Verleihungen durch Ottonen und Salier
1090 Zerstörung der Klosterkirche durch Brand
1130 Einweihung der wiederaufgebauten Klosterkirche

Kirchenrest Kloster Lorsch
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Kirchenrest Kloster Lorsch, © A. Wilhelm

12. Jh. allmählicher wirtschaftlicher Niedergang des Klosters (Königsdienst, Entfremdung von Lehen)
1175/90 Verzeichnung der alten Rechte und Besitzungen des Klosters im Lorscher Codex
1232 Übertragung des Klosters durch Kaiser Friedrich II. an Erzbischof Siegfried III. von Mainz; Verlust der Reichsunmittelbarkeit
1248 Lorsch wird Prämonstratenserpropstei
1557 Aufhebung des Klosters im Zuge der Reformation durch Kurfürst Ottheinrich, Verbringung der Bibliothek nach Heidelberg
1621 Zerstörung des Klosters im 30-jährigen Krieg
Vgl. D 1


1.3 Bedeutung

Im Zentrum des Moduls steht nicht die Lebenswelt der Mönche, da von den Bauwerken und der materiellen Ausstattung des Klosters im Vergleich zu anderen Abteien nur relativ wenig erhalten ist.
Eine Beschäftigung mit dem Königskloster Lorsch im Unterricht rechtfertigt vielmehr:

  1. die erhaltene Klosterchronik, die in Auszügen geeignet erscheint, die generelle machtpolitische und wirtschaftliche Bedeutung von Klöstern für das karolingische Königtum aufzuzeigen.

  2. die Vielzahl von Schenkungsurkunden und Güterverzeichnissen, die zum einen die Bedeutung der mittelalterlichen Kirche als weltlichem Herrschaftsträger sinnfällig werden lassen und zum anderen anhand ausgewählter Beispiele aus dem Rhein-Neckar-Raum einen lokalspezifischen Zugang zum Thema Grundherrschaft ermöglichen.

  3. die Bedeutung der zu großen Teilen erhaltenen und inzwischen sogar als Digitalisat verfügbaren Lorscher Klosterbibliothek, deren auszugsweise Betrachtung das Kloster als einen für die mittelalterliche Welt und insbesondere für das Reich Karls des Großen zentralen Ort der Bildung und Kultur erfahrbar werden lässt.

Alternativ oder als Ergänzung ist eine Exkursion zum Königskloster Lorsch auch bei längerer Anfahrt sinnvoll und lohnend, da:

  1. die Tor- oder Königshalle eines der wenigen fast vollständig erhaltenen Bauwerke aus karolingischer Zeit in Deutschland darstellt

Torhalle und Kirchenrest
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Torhalle und Kirchenrest, © A. Wilhelm

  1. gerade jüngeren Schülerinnen und Schüler im neu eröffneten Freilichtlabor Lauresham die verschiedenen Bestandteile eines fränkischen Herrenhofes sowie wichtige landwirtschaftliche und handwerkliche Techniken des Frühmittelalters unmittelbar vor Augen geführt werden können.

Funktionsrepliken von Haken- und Beetpflug
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Funktionsrepliken von Haken- und Beetpflug,
Freilichtlabor Lauresham, © A. Wilhelm
Freilichtlabor Lauresham
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Freilichtlabor Lauresham:
Haus des Clericus mit Bienenkörben, © A. Wilhelm

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letzte Änderung: 2015-08-17