„Wia d´Revoludsjo uffs Dorf komma isch!“ - Die Jugendzentrumsbewegung in Stetten im Remstal (1968-1977)

Autor: Markus Fiederer

Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte an der ZSL-Regionalstelle Tübingen


 
"Zum Teil wüste Beschimpfungen der Dorfbewohner": Demonstration Jugendlicher und junger Erwachsener für die Wiedereröffnung des Jugendzentrums in Stetten im Remstal am 13.11.1976

Kurzbeschreibung des Moduls:

Anhand des teilweise dramatischen Kampfes um ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in Stetten im Remstal lernen die Schülerinnen und Schüler eine spezifisch ländliche Ausprägung gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse in der Bundesrepublik der 1960er- und 1970er-Jahre kennen. Sie widmen sich der Frage, warum es in den 1970er-Jahren in Stetten zum scharfen gesellschaftlichen Konflikt kam. Die Lernenden analysieren zunächst anhand einer Text-Foto-Collage Darstellungen der damaligen Protagonisten, um sich anschließend durch einen Perspektivwechsel in die Rolle des damaligen zentralen Kontrahenten, des Bürgermeisters, zu versetzen. Abschließend beurteilen sie den „revolutionären Charakter“ der Vorgänge in Stetten und ordnen diese in den historischen Rahmen der Modernisierungsprozesse der westdeutschen Gesellschaft ein. Optional können in einer zweiten Doppelstunde mit zusätzlichem Material Zielsetzungen, programmatische Ausrichtung und Aktionsrepertoire der Jugendzentrumsbewegung sowie gesellschaftliche und politische Reaktionen vertieft analysiert werden.


1. Hintergrund

 

a) Historische Einordnung

Das Jugendzentrum Stetten im Remstal war eines der ersten selbstverwalteten Jugendzentren in der Bundesrepublik Deutschland. Der Kampf vieler Jugendlicher in Stetten (heute: Gemeinde Kernen) um selbstbestimmte Räume der Freizeitgestaltung, der seinen Höhepunkt in einer mehrmonatigen Hausbesetzung des Jahres 1977 fand, ist in verschiedener Hinsicht typisch für die westdeutsche Jugendzentrumsbewegung, die ihr Zentrum insbesondere in den Klein- und Mittelstädten der westdeutschen „Provinz“ fand. Hier, in ländlichen und suburbanen Regionen, empfanden junge Menschen die Kluft zwischen der prosperierenden Jugendkultur in den größeren Städten und den klassischen Formen der Jugendpflege sowie kommerziellen Freizeitangeboten in ihrer eigenen Gemeinde als besonders groß. Kernforderung der Jugendzentrumsinitiativen mit ihrem Höhepunkt in den Jahren 1971 bis 1974 war die Einrichtung eines „Jugendzentrums in Selbstverwaltung“. Diese Forderung wurde, insbesondere von Studierenden, politisch stark aufgeladen mit zum Teil utopischen Vorstellungen alternativer Gesellschaftsformen.
Träger der Bewegung, die ihren Schwerpunkt in Baden-Württemberg und später Hessen hatte, waren vorwiegend männliche Gymnasiasten und damit Profiteure der westdeutschen Bildungsexpansion. Lehrlinge, junge Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Mädchen und junge Frauen waren deutlich unterrepräsentiert. Die Initiativen, die sich rapide und zunächst völlig unkoordiniert im gesamten Bundesgebiet ausbreiteten, entwickelten allmählich das Bewusstsein einer gemeinsamen Bewegung. Medien, insbesondere Zeitschriften und Fernsehsendungen, leisteten im Zuge ihrer wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung einen wichtigen Beitrag zur Entstehung einer kollektiven Identität unter den verschiedenen Gruppierungen. Anfang 1973 hatte sich dann der Begriff „Jugendzentrumsbewegung“ als Selbstbezeichnung der Initiativen eingebürgert.

b) Historische Bedeutung

Die Jugendzentrumsbewegung ist in den Rahmen der gesellschaftlichen Modernisierungs- und Liberalisierungsprozesse der 1960er- und 1970er-Jahre, insbesondere in das Phänomen der „Neuen Sozialen Bewegungen“ einzuordnen. Sie entwickelte sich im Dunstkreis der 1968er-Revolte und der Studenten-, Schüler- und Lehrlingsbewegungen der späten 1960er-Jahre. Noch vor der Basisbewegung der GRÜNEN und der Entstehung unzähliger Bürgerinitiativen war sie der „erste Großversuch einer basisdemokratischen Selbstorganisation“ (Albert Herrenknecht) innerhalb der westdeutschen Gesellschaft. 1970 – auf dem Höhepunkt der Bewegung im Südwesten – gab es in Baden-Württemberg 300 Initiativen mit ca. 10.000 aktiven Jugendlichen und ca. 45.000 „Sympathisanten“.
Die Jugendzentrumsbewegung kann man als Versuch verstehen, eine spezifisch ländliche Antwort auf gesellschaftliche Modernisierungsherausforderungen zu finden und Elemente der Moderne positiv, aber in eigenständiger Interpretation in der „Provinz“ zu integrieren. Geprägt war sie von den westdeutschen gesellschaftlichen Prozessen der Liberalisierung, des Aufstiegs moderner Formen der Jugendkultur und der zunehmenden Politisierung der jüngeren Generation.
Nur wenige der in den 1970er-Jahren entstandenen selbstverwalteten Jugendzentren bestehen noch heute. Dennoch dürfen die Wirkungen der Bewegung nicht unterschätzt werden: Sie veränderte den gesellschaftlichen und politischen Blick auf Jugendarbeit und trieb die Durchsetzung offener Formen von Jugendarbeit voran.

2. Das Thema im Unterricht

a) Impulse und Material für den Unterricht mit didaktischen Hinweisen

Phase Inhalte/methodische Hinweise
Doppelstunde Wie revolutionär war die Jugendzentrumsbewegung in Stetten im Remstal?
Einstieg Fachliche Anknüpfung an „1968“: Revolte in der Stadt – und was war „auf dem Land“?
  • Analyse des Fotos Arbeitsblatt 1, Seite 1 (Unterrichtspräsentation): Was war am 13.11.1976 in Stetten im Remstal?
  • Arbeitsblatt 1, Seite 2 und 3: Ebbe Kögel, einer der Organisatoren der Demonstration, erzählt. Warum derart drastische Reaktionen auf eine Demonstration junger Menschen in Stetten im Remstal?
  • Arbeitsblatt 1, Seite 4: „Revolution auf dem Dorf“? Entschlüsselung des Begriffs „Revolution“
  • Arbeitsblatt 1, Seite 5: Entwicklung der Leitfrage
Erarbeitung 1 „Revolution auf dem Dorf“ - Warum kommt es in den 1970er-Jahren in Stetten im Remstal zum scharfen Konflikt? Perspektive der JZler
Präsentation der Text-Bild-Collage Arbeitsblatt 2: „Wia d´Revoludsjo uffs Dorf komma isch!“- Ebbe Kögel und andere JZler erzählen von der Jugendzentrumsbewegung in Stetten im Remstal.
Die Text-Bild-Collage kann zu einem Feature erweitert werden, wenn Sie mit passender Musik unterlegt wird, z.B.: F 1-12 Traditioneller Chorgesang „Wir wandern heut ins Schwabenland“, F 13-24: The Archies: „Sugar, sugar“, F 25-41: MC5, „Kick out the jams“, F 42-75: Deep Purple, „Speed King“, F 77-88: Desireless, „Voyage, Voyage“
  • Beobachtungsauftrag (EA): „Gleich an die Wand stellen!“ (Arbeitsblatt 1, Seite 3) - Notiere mindestens fünf mögliche Gründe für die vehemente Ablehnung, auf die die Jugendzentrumsbewegten in Stetten im Remstal stießen.
Ergebnissicherung
  • Mündliche Besprechung
  • Erste vorläufige Beurteilung: Liefert das Agieren der JZler eine plausible Erklärung für die vehemente Ablehnung, die in obigem Zitat (Arbeitsblatt 1, Seite 3) zum Ausdruck kommt?
Erarbeitung 2

Vertiefung:

  • Analyse der Texte des Features (Arbeitsblatt 3): Wie „revolutionär“ waren die JZler in Stetten? Die SuS ordnen in PA die einzelnen Aktionen der JZler in eine Bewertungstabelle ein (Arbeitsblatt 4).
Ergebnissicherung / Reflexion
  • GA: Jeweils zwei Tandems setzen sich zusammen und vergleichen ihre Ergebnisse im Hinblick auf ähnliche und unterschiedliche Einschätzungen
  • GUG im Plenum: Wo gibt es ähnliche, wo unterschiedliche Einschätzungen? Warum? Inwieweit erklären die Aktionen der JZler die vehemente negative Reaktion in Stetten im Remstal (Arbeitsblatt 1, Seite 3)?
 Erarbeitung 3 Perspektivwechsel: Die Sicht des Bürgermeisters (Arbeitsblatt 1, Seite 6)
  • PA: Der Bürgermeister der seit der Gemeindereform existierenden Gesamtgemeinde Kernen stand der Jugendzentrumsbewegung in Stetten insgesamt ablehnend gegenüber. Versetzt euch in die Situation des Bürgermeisters und sucht nach Gründen für diese ablehnende Haltung. Stellt euch vor, der Bürgermeister möchte mit einem kurzen Statement seine ablehnende Haltung im Gemeinderat begründen. Schreibt dieses Statement.
Reflexion / Urteil

Gesamturteil

  • Präsentation der Ergebnisse
  • Multiperspektivität: Vergleich und Beurteilung der beiden Perspektiven
  • Gesamtbeurteilung: Wie revolutionär war die Jugendzentrumsbewegung in Stetten im Remstal? Kriterienbildung: Im Hinblick auf Forderungen/Ziele, Aktionen, Ergebnisse.
Integration

Optionen:

Historische Einordnung 1: Ist die Jugendzentrumsbewegung gescheitert?

Nur noch ganz wenige der selbstverwalteten Jugendzentren existieren heute noch. Auch in Stetten treten zwei mobile Jugendarbeiter an die Stelle des selbstverwalteten Jugendhauses.

  • Vergleich der Ideale der Jugendzentrumsbewegung mit den Formen der Freizeitgestaltung Jugendlicher heute.
  • Arbeitsblatt 1, Seite 7: Ursachenanalyse der Betroffenen. Eine Analyse, die auch heute zutrifft? Auswirkungen der „Sozialen Medien“ auf die Freizeitgestaltung Jugendlicher?


Historische Einordnung 2: Was war die Jugendzentrumsbewegung?

Konfrontation der SuS mit zwei Bewertungen:

  • These 1: Die Jugendzentrumsbewegung als „alternative Be-Heimatungsbewegung“, die mitgeholfen habe, „Elemente der Moderne positiv zu integrieren“ (Albert Herrenknecht, Die Jugendbewegung in der Provinz als alternative „Beheimatungsbewegung“ – 25 Jahre Jugendzentrumsbewegung in der Provinz, in: Friederike Kamann, Eberhard Kögel, Ruhestörung. Eine moderne Heimatgeschichte. 25 Jahre Jugendzentrum Stetten in Selbstverwaltung 1968-1993. Teil 1: April 1968 bis Ende 1975, Grafenau 1993, S. 10-22)
  • These 2: Die Jugendzentrumsbewegung als „Kind der westdeutschen Verhältnisse“, geprägt von Prozessen der gesellschaftlichen Liberalisierung und der zunehmenden Politisierung der jüngeren Generationen (David Templin, Freizeit ohne Kontrollen. Die Jugendzentrumsbewegung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre, Göttingen 2015, S. 56-60, 614-622)


Historische Einordnung 3: Historische Bedeutung der Jugendzentrumsbewegung

  • Gehört die Jugendzentrumsbewegung ins Geschichtsbuch?
   
Optionale Doppelstunde Vertiefung der ersten Doppelstunde 
  Die SuS werten in EA arbeitsteilig Darstellungen der Protagonisten der Jugendzentrumsbewegung in Stetten im Remstal (Arbeitsblatt 5, Arbeitsblatt 6, Arbeitsblatt 7 oder Arbeitsblatt 8) aus und tragen ihre Ergebnisse in das Analyseraster Arbeitsblatt 9 ein. Bei der anschließenden GA werden die Ergebnisse aller vier Arbeitsblätter zusammengeführt. Die SuS ergänzen die Ergebnisse, die sich auf die jeweils anderen Arbeitsblätter beziehen.
Die Ergebnisse werden zur Vertiefung der Beurteilungsfragen der ersten Doppelstunde herangezogen.
  Alle Materialen zum Dowload [11,7 MB]

 


b) Bildungsplanbezug

Inhaltbezogene Kompetenzen:

Klasse 9 GMS: 3.2.9 BRD und DDR – zwei Staaten, zwei Systeme in der geteilten Welt

(6) Liberalisierungsprozesse und Emanzipationsbewegungen in der BRD und weltweit in den 1960er- und 1970er-Jahren charakterisieren und bewerten („1968“, Wertewandel: alternative Lebensformen, Pluralisierung)

Kursstufe 2: 3.4.5 West- und Osteuropa nach 1945: Streben nach Wohlstand und Partizipation
(6) Aufbruchsversuche in West und Ost zu mehr Bürgerbeteiligung erläutern (Emanzipation: „Mehr Demokratie wagen“, Neue Soziale Bewegungen, Pluralisierung)


Prozessbezogene Kompetenzen:

2.4 Orientierungskompetenz:

(1) die historische Bedingtheit der Gegenwart sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Vergangenheit und Gegenwart analysieren.
(4) die eigene und fremde Wertorientierungen erklären und überprüfen.
(5) die Übertragbarkeit historischer Erkenntnisse auf aktuelle Probleme und mögliche Handlungsoptionen für die Zukunft erörtern.

2.5 Sachkompetenz:

(2) Zäsuren und Kontinuitäten benennen und in ihrer Bedeutung beurteilen.
(5) wichtige Gruppen in den jeweiligen Gesellschaften unterscheiden sowie deren Funktionen, Interessen und Handlungsmöglichkeiten beschreiben.
(7) regionalgeschichtliche Beispiele in übergeordnete historische Zusammenhänge einordnen.


Leitperspektive

Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)


Der Bildungsplan ist nicht unter CC veröffentlicht: (C) Bildungsplanplattform Baden-Württemberg
"Leitperspektive" ist nicht unter CC veröffentlicht: (C) Ministerium für Jugend, Kultus und Sport Baden-Württemberg

Literatur

  • Friederike Kamann, Eberhard Kögel, Ruhestörung. Eine moderne Heimatgeschichte. 25 Jahre Jugendzentrum Stetten in Selbstverwaltung 1968-1993. Teil 1: April 1968 bis Ende 1975, Grafenau 1994.
  • Friederike Kamann, Eberhard Kögel, Ruhestörung. Rebellion in der Provinz. 25 Jahre Jugendzentrum Stetten in Selbstverwaltung 1968-1993. Teil 2: 1976-1993, Grafenau 1994.
  • David Templin, Freizeit ohne Kontrollen. Die Jugendzentrumsbewegung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre, Göttingen 2015.

Links

Film: Freie Räume. Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung (101 min.)
(Link aufgerufen am 06.05.2026)


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