Auf der Suche nach der „Wohnmaschine“ – ein Exitgame zu Gebäuden der Weißenhofsiedlung als Wohnformen der Moderne
Autor/in: Dr. Kerstin Arnold
Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte an der ZSL-Regionalstelle Stuttgart
Kurzbeschreibung des Moduls:
In diesem Modul, das sowohl für Sekundarstufe I als auch II geeignet ist, lernen die Schülerinnen und Schüler verschiedene Gebäude der Stuttgarter Weißenhofsiedlung kennen und erkennen, inwiefern bei deren Konzeption sowohl soziale als auch hygienische Gesichtspunkte zum Tragen kamen. Sie beurteilen, inwiefern diese Bauten Ausdrucksformen der Hochmoderne darstellen.
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1. Hintergrund
a) Historische Einordnung
Wohnungsnot ist kein alleiniges Problem unserer Zeit, sondern prägt das Leben in den Städten seit dem Beginn der Industrialisierung. In der vor über 100 Jahren gegründeten Württembergischen Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Werkbundes beschäftigten sich die Mitglieder daher von Anfang an mit dem dringend benötigten Wohnungsbau. Die kreative Tätigkeit gipfelte in der von Juli bis Oktober 1927 stattfindenden Internationalen Werkbundausstellung „Die Wohnung Stuttgart 1927“, in deren Zusammenhang die städtische Siedlung auf dem Weißenhof errichtet wurde.
Anforderungen an die beteiligten Architekten waren nicht nur die Verwendung neuer Materialien und Konstruktionen, sondern auch die „eingehendste Berücksichtigung der Wohnansprüche heutiger Menschen“ (Peter Bruckmann, DWB-Vorsitzender 1926) bei der Grundrissgestaltung. Ziel war es, Wohnraum für „die Massen“ zu schaffen. Zudem sollten die Gebäude den modernen Erkenntnissen des gesunden Wohnens entsprechen. Noch wenige Jahre zuvor hatte die Spanische Grippe gewütet, Tuberkulose war das Schreckgespenst der Zeit.
Die Architekten der Weißenhofsiedlung trugen den neuen Überlegungen zur Hygiene und Heilung Rechnung und konstruierten Dachterrassen, Balkone sowie gut durchlüftbare Räume entsprechend der Feststellung Adolf Gustav Schnecks: „Für den modernen Menschen ist das tägliche Luft- und Lichtbad zur Erhaltung seiner Gesundheit, seiner körperlichen und geistigen Kräfte eine Notwendigkeit.“ Die Innenräume sollten puristisch sein, aller überbordenden Einrichtung und Dekoration enthoben werden. Hygiene war zum ersten Mal in der Geschichte des Bauens ein Aspekt der Gestaltung. Daneben spielte die Funktionalität eine große Rolle. Die Räume sollten mit wenigen Handgriffen umgestaltet werden können, die Fenster einfach zu öffnen sein. Ein weiterer Aspekt war die Sicherheit in der Großstadt. So legten die Architekten bei aller Öffnung der Wohnungen nach außen Wert auf Sicht- und Einbruchschutz. Die darin wohnende Familie sollte sicher sein vor dem in der Stadt vorherrschenden Lärm, den Krankheiten und der Einbruchgefahr. Darüber hinaus sollte das Gebäude aber auch zurückwirken auch auf seine Bewohner, indem es – befreit vom „Ballast der Tradition“ – einen beruhigenden Einfluss auf den Menschen haben sollte, getreu dem Motto „Geformtes formt“.
b) Historische Bedeutung
Die Häuser der Weißenhofsiedlung sind modern und bis heute prägend für das Denken über Architektur und Wohnen. Sie spiegeln Probleme und Bedürfnisse ihrer Entstehungszeit wider, die ihre Aktualität bis heute nicht verloren haben. Insofern stehen sie exemplarisch für Entwicklungen seit den Anfängen der Industrialisierung, die unser Leben bis heute prägen. Die Siedlung ist ein bis heute sichtbarer Ausdruck der Hochmoderne, des Zusammenspiels sozialer, wirtschaftlicher, technischer und kultureller Aspekte, die sich hier verdichtet darstellen: Die Wohnungen waren konzipiert für die breite Masse, sollten die technischen Möglichkeiten des neuen Bauens ausschöpfen, auf die Probleme des modernen Stadtmenschen rekurrieren und ihm ein besseres Leben als bisher ermöglichen.
2. Das Thema im Unterricht
a) Impulse und Material für den Unterricht mit didaktischen Hinweisen
| Zeit/Phase | Inhalte/methodische Hinweise |
| Doppelstunde | |
| Einstieg | Der Einstieg erfolgt über ein Zitat von Le Corbusier: „Ein Haus ist eine Maschine zum Wohnen. Bäder, Sonne, warmes und kaltes Wasser, Temperatur nach Belieben. Aufbewahrung der Speisen, Hygiene, Schönheit durch Proportion.“ Auf Basis der sich daraus ergebenden Frage, wie sich die Schülerinnen und Schüler eine solche „Maschine zum Wohnen“ vorstellen, könnten zum einen Assoziationen gesammelt und an der Tafel festgehalten werden, zum anderen – je nach zur Verfügung stehender Zeit – könnten die Lernenden auch aufgefordert werden, eine Skizze anzufertigen. Aus den ersten Überlegungen ergibt sich schließlich die Leitfrage: Was ist diese „Wohnmaschine“ und wo steht sie? |
| Erarbeitung | Die Erarbeitung findet in Form eines Exitgames statt. Den Lernenden wird erklärt, dass sie einen virtuellen Stadtrundgang durch die Weißenhofsiedlung in Stuttgart machen werden. Dabei sollen sie nicht nur die einzelnen Text-Bild-Zuordnungen vornehmen, sondern auch in den Gebäudebeschreibungen markieren, wenn sie Elemente finden, die einer neuen Form des Bauens ensprechen. Es handelt sich also um einen doppelten Arbeitsauftrag: Zum einen soll die Text-Bild-Zuordnung stattfinden, zum anderen sollen die Texte inhaltlich erschlossen werden. Auf diese Weise wird einem oberflächliche Raten nach der jeweiligen Lösung entgegengewirkt. Die Lernenden erhalten ein Starträtsel und sollen unter einer Auswahl von Bildern das passende Gebäude dazu finden. Der diesem zugeordnete Code führt zu einem weiteren Rätsel. Die sechs Codes ergeben schlussendlich GPS-Koordinaten. Diese kann man z.B. bei googlemaps oder anderen Kartenprogrammen eingeben und es wird an dieser Stelle das Le Corbusier-Haus am Weißenhof angezeigt. Damit öffnet sich die „Schatzkiste“ und die Schülerinnen und Schüler können anhand der Texte die Frage klären, warum das Le Corbusier-Haus vom Schöpfer selbst als „Wohnmaschine“ bezeichnet wurde. |
| Auswertung I | Das Exitgame endet je nach zur Verfügung stehender Zeit mit der ersten Gruppe, die die „Schatzkiste“ öffnet, bzw. nachdem alle Gruppen die Rätsel gelöst haben. Im sich anschließenden Unterrichtsgespräch werden die anfänglichen Vorstellungen der Lernenden zu einer „Wohnmaschine“ abgeglichen mit den von Le Corbusier realisierten Elementen. Hierbei wird klar, dass sich in den 1920er-Jahren architektonische Vorstellungen entwickeln, die inspiriert sind von den neuen technischen Möglichkeiten und Formen und die im Vergleich zum traditionellen Bauen andere Bedürfnisse befriedigen. Wie in der Beschreibung des Le Corbusier-Hauses genannt, soll das Haus eine „technische, soziale, hygienische, kulturelle und pädagogische Revolution“ sein. |
| Auswertung II | Dass Le Corbusier mit dieser Vorstellung nicht alleine stand, sollen die Schülerinnen und Schüler im Rückgriff auf ihre Markierungen in den Rätseltexten nachvollziehen. Gemeinsam wird gesammelt, inwiefern auch bei den anderen Gebäuden die genannten Aspekte zum Tragen kamen. Es lässt sich zeigen, dass insbesondere gesundheitsbezogene wie auch soziale Aspekte in allen Planungen eine große Rolle spielten. |
| Problematisierung | Abschließend soll die Frage diskutiert werden, warum diese Aspekte gerade Anfang des 20. Jahrhunderts an Bedeutung gewinnen. Hierfür kann das Zitat von Richard Döcker als Impuls dienen: „Die Menschen von heute und die Menschen der Zukunft sind froh, gesund und mutig, frei, lebensbejahend und ohne ‚Paragraphen‘.“ Es zeigt sich, dass ein verändertes Menschenbild zu einem veränderten Bauen führt. Der Mensch wird als Individuum wahrgenommen, das nach persönlichem Wohlbefinden und Freiheit strebt und dieses Streben in seiner Wohnumgebung verwirklichen will. Im Wohnraum verdichtet sich somit der historische Kontext der Moderne. |
| Transfer | In einem möglichen Transfer könnte entweder ein Werturteil eingefordert werden, indem die Schülerinnen und Schüler austauschen, was ihnen in ihrem Zuhause wichtig ist und inwiefern dieses eventuell ihre persönlichen Werte bzw. die ihrer Familie widerspiegelt. Losgelöst vom persönlichen Bezug kann aber auch diskutiert werden, inwiefern die im Exitgame kennen gelernten Elemente des neuen Bauens bis heute Bestand haben bzw. warum die Formensprache bis heute „modern“ erscheint. |
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b) Bildungsplanbezug
Inhaltbezogene Kompetenzen:
3.2.5 Der industrialisierte Nationalstaat – Durchbruch der Moderne (Klasse 8)
3.4.1 Wege in die westliche Moderne (Klasse 11)
Inhalt:
(3) die Ambivalenz moderner Lebenswelten um 1900 in Europa analysieren (Urbanisierung)
(2) Merkmale der europäischen Industrialisierung analysieren (Industrialisierung, Verkehrsrevolution, Kommunikationsrevolution)
Prozessbezogene Kompetenzen:
nachvollziehe2.22.3 Reflexionskompetenz
Der Bildungsplan ist nicht unter CC veröffentlicht: (C) Bildungsplanplattform Baden-Württemberg
Literatur
- Deutscher Werkbund Baden-Württemberg, Stadtgruppe Stuttgart (Hrsg.): Die Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof. 100 Jahre zeitnah. Stuttgart 2021.
- Fritz, Nicole (Hrsg.): Schöner Wohnen. Architekturvisionen von 1900 bis heute. Begleitheft zur Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen. Tübingen 2025.
- Jamrozik, Julia; Kempster, Coryn: Kinder der Moderne. Vom Aufwachsen in berühmten Gebäuden. Basel 2021.
Links
Bau und Wohnung
(Alle Links aufgerufen am 9.3.2026)
- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte an der ZSL-Regionalstelle Stuttgart -
Herausgeber: Landesbildungsserver Baden-Württemberg
Quelle: https://www.schule-bw.de
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