Lateinische Bibliothek

Lateinische Bibliothek

M. Tullius Cicero, De finibus bonorum et malorum

Cicero, De finibus 2, 57-59: Kritik an Epikur

Das Gute wird nicht aus dem Gedanken an den Nutzen getan, sondern weil eine Stimme der Natur und das Pflichtgefühl es befehlen

In seiner Antwort auf die Rede des Epikureers Torquatus (vgl. Text 2 und Text 3) betont Cicero im zweiten Buch des Werkes 'De finibus bonorum et malorum', dass die Orientierung an der Lust in bestimmten Situationen in die Irre führt: dann nämlich, wenn es niemanden gibt, der den Handelnden (in moralisch zweifelhaften Situationen) beobachten kann. In solchen Situationen braucht jemand, der in moralischen Zwiespalt ist, nicht damit zu rechnen, dass ihm eine Strafe widerfährt. Cicero erläutert das an verschiedenen Beispielen; ein mehrfach variiertes Beispiel ist das von dem Sterbenden, der einem einsamen Zeugen aufträgt, sein Erbe einem Nachkommen zu übergeben. Der Ehrenmann, so Cicero, wird hier das Erbe übergeben, auch wenn er mehr Nutzen davon hätte, es sich selbst widerrechtlich anzueignen.

Grammatikthemen: Periodenbau, Accusativus cum infinitivo (AcI).

Insbesondere der zweite Satz von § 58 ist sehr komplex. Der gleiche Grundgedanke ist auch aus dem Auszug aus § 59 zu erkennen, der etwas einfacher ist.

Text

Übersetzungshilfen

quam multa vero iniuste fieri possunt, quae nemo possit reprehendere!

 

[58] si te amicus tuus moriens rogaverit, ut hereditatem reddas suae filiae, nec usquam id scripserit, ut scripsit Fadius, nec cuiquam dixerit, quid facies?

hereditas, hereditatis, f.: das Erbe

usquam: in Verbindung mit einer Verneinung (hier ist die Verneinung 'nec') bedeutet usquam 'nirgends'; daher: und nirgends

Fadius: Siehe den Kommentar am Fuß der Seite.

tu quidem reddes;

ipse Epicurus fortasse redderet, ut Sextus Peducaeus, Sex. f., is qui hunc nostrum reliquit effigiem et humanitatis et probitatis suae filium, cum doctus, tum omnium vir optimus et iustissimus, cum sciret nemo eum rogatum a Caio Plotio, equite Romano splendido, Nursino, ultro ad mulierem venit eique nihil opinanti viri mandatum exposuit hereditatemque reddidit.

Die syntaktische Struktur dieses Satzes wird in einem Schaubild am Fuß der Seite angezeigt.

Sextus Peducaeus / Caius Plotius Nursinus: Siehe den Kommentar am Fuß der Seite.

effigies: das Bild, das Sinnbild. Hier in übertragenem Sinne gemeint: Sextus Peducaeus (der Sohn, der zur Zeit der Niederschrift noch lebte) ist ein Inbild der Menschlichkeit und des Anstands seines verstorbenen Vaters, der diese Eigenschaften an den Sohn weitergab.

cum doctus, tum...: sowohl gelehrt als auch insbesondere...

probitas: der Anstand, die Ehrlichkeit (Substantivierung zu probus: anständig)

ultro: freiwillig

opinari: ahnen

exponere: darlegen, eröffnen; mandatum exponere: hier ‚den letzten Willen eröffnen'.

sed ego ex te quaero,

quoniam idem tu certe fecisses,

nonne intellegas eo maiorem vim esse naturae,

quod ipsi vos,

qui omnia ad vestrum commodum et, ut ipsi dicitis, ad voluptatem referatis,

tamen ea faciatis,

e quibus appareat non voluptatem vos, sed officium sequi, plusque rectam naturam quam rationem pravam valere.

eo: Abl. Sg. zu 'id'. Eo bezieht sich auf 'quod' (dass). Übersetze also: erkennst du nicht (die Tatsache), dass die Kraft der Natur ..., daran, dass ihr selbst...

ratio prava: pravus = falsch, verzerrt, verkehrt; ratio prava also: die verkehrte Theorie

[De finibus 2, 59]
si scieris, inquit Carneades, aspidem occulte latere uspiam, et velle aliquem inprudentem super eam assidere, cuius mors tibi emolumentum futura sit, improbe feceris, nisi monueris ne assidat, sed inpunite tamen;

scisse enim te quis coarguere possit?

aspis, aspidis, f: die Viper

uspiam: irgendwo

imprudentis: ahnungslos, unvorsichtig

assidere super: sich auf … setzen

scisse: Inf. Perfekt Aktiv zu scire

coarguere: vorwerfen

Sed nimis multa.

perspicuum est enim, nisi aequitas, fides, iustitia proficiscantur a natura, et si omnia haec ad utilitatem referantur, virum bonum non posse reperiri.

proficisci: entstehen aus

ad utilitatem referantur: sich vom Nutzen ableiten lassen

 

Anzahl der Wörter des Textauszugs De finibus 2,57-59: 201 Wörter

Kommentar

Die folgenden Erläuterungen nehmen Hinweise aus dieser kommentierten Textausgabe auf: Cicero: De finibus bonorum et malorum / Über das höchste Gut und das größte Übel, hrsg. u. kommentiert von Harald Merklin, Stuttgart (Reclam) 1989, sowie aus dem Lexikon Der Kleine Pauly, München 1975, Eintrag Peducaeus, Bd. 4, Sp. 581.

Fadius: Q. Fadius Gallus; ein Beispiel für einen Vater, der sein Testament nicht schriftlich hinterließ, sondern nur mündlich einem (vermeintlichen) Freund anvertraute; dieser kam der Bitte des Erblassers nicht nach. Im Hintergrund steht das Vokonische Gesetz, nach dem eine Frau nicht als Universalerbin eingesetzt werden konnte; ein Ehemann, der seine Frau beerben wollte, musste demnach das Erbe einem Freund anvertrauen und hoffen, dass dieser das Erbe wirklich an die Ehefrau weitergibt. zurück zum Text.

Sextus Peducaeus: Sextus Paeducaeus, der Sohn des Sextus. Sex. Peducaeus (Vater; gest. um 49 v.Chr.; Sohn eines gleichnamigen Politikers aus dem 2. Jhdt. v.Chr.) war als Quaestor mit Cicero in Lilybaeum. Cicero erwähnt ihn öfters als Beispiel für ein tugendhaftes Leben. Sein Sohn mit gleichem Namen war mit Cicero befreundet (darum 'noster': 'mein Freund'). Sex. Peducaeus (Vater) war von dem Ritter (eques) Caius Plotius Nursinus, über den nichts weiter bekannt ist, als Erbe eingesetzt worden, weil Plotius seine Frau nicht als Erbin einsetzen konnte (siehe die Erläuterung zum vorangehenden Satz). Peducaeus gab aber das Erbe, Plotius' Wunsch entsprechend, an Plotius' Frau weiter. zurück zum Text.

Satzbau des zweiten Satzes Cicero, De finibus 2, 58

Die Nebensätze sind eingerückt und die Prädikate sind hervorgehoben.


 

ipse Epicurus fortasse redderet,

ut Sextus Peducaeus, Sex. F., is,

qui hunc nostrum reliquit effigiem et humanitatis et probitatis suae filium,

cum doctus, tum omnium vir optimus et iustissimus,

cum sciret nemo eum rogatum a Caio Plotio, equite Romano splendido, Nursino,

ultro ad mulierem venit eique nihil opinanti viri mandatum exposuit hereditatemque reddidit.


 

zurück zum Text.

Zum nächsten Abschnitt (De finibus 1, 65): Epikurs Lehre von der Freundschaft.



Der Text dieser Seite ist verfügbar unter der Lizenz CC BY 4.0 International
Herausgeber: Landesbildungsserver Baden-Württemberg
Quelle: https://www.schule-bw.de

Bitte beachten Sie eventuell abweichende Lizenzangaben bei den eingebundenen Bildern und anderen Dateien.