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M. Tullius Cicero, De finibus bonorum et malorum:
Über das höchte Gut und das schlimmste Übel

De finibus 2, 78-79: Kritik an der epikureischen Theorie der Freundschaft

(Epikur und die Freundschaft, Teil 4, mit Übersetzung)

Die Hochschätzung der Freundschaft in der epikureischen Philosophie und der Beweis für diese Hochschätzung in Epikurs Leben

Diesen Text können Sie auch ohne Übersetzung, aber mit Vokabelhilfen lesen. Er ist die Fortsetzung von De finibus 1, 69.

Inhalt dieses Arbeitsblattes: Cicero De finibus 2,78: Die Kritik an der epikureischen Freundschaftslehre.
Im zweiten Buch von De finibus kritisiert ein Gegner des Epikureismus (der mit Ciceros eigener Stimme auftritt) die im ersten Buch aufgestellten Thesen über das Verhältnis von Freundschaft und Lust. Der Angesprochene ist der Epikureer Torquatus, der im ersten Buch die Thesen Epikurs vertreten hatte.

Inhalt von De finibus 2, 78: Wer sich am Nutzen orientiert, kann kein echter Freund sein, denn Freundschaft entsteht aus eigenem Antrieb. Die Kritik bezieht sich hier auf die allgemeine These über den Zusammenhang von Nutzen und Freundschaft.

2, 78.
Amicitiae vero locus ubi esse potest aut quis amicus esse cuiquam, quem non ipsum amet propter ipsum?

Quid autem est amare, e quo nomen ductum amicitiae est, nisi velle bonis aliquem affici quam maximis, etiamsi ad se ex iis nihil redundet?

Wo kann aber Raum für die Freundschaft sein oder wer kann mit einem anderen befreundet sein, den er nicht um seiner selbst wegen liebt?

Was bedeutet es aber, jemanden zu lieben (amare), woher die Freundschaft (amicitia) ihren Namen hat, anderes, als zu wünschen, dass er mit den größtmöglichen Gütern versehen ist, auch dann, wenn für einen selbst nichts davon abfällt?

"Prodest", inquit, "mihi eo esse animo." Immo videri fortasse. esse enim, nisi eris, non potes. qui autem esse poteris, nisi te amor ipse ceperit?

Quod non subducta utilitatis ratione effici solet, sed ipsum a se oritur et sua sponte nascitur.

"At enim sequor utilitatem."

Manebit ergo amicitia tam diu, quam diu sequetur utilitas, et, si utilitas amicitiam constituet, tollet eadem.

"Es nützt mir,", sagt Epikur, "wenn ich diese Einstellung habe." Vielmehr nützt es vielleicht, so zu scheinen.

Denn du kannst nur dann diese Einstellung haben, wenn du sie wirklich an den Tag legen wirst.

Wie kannst du aber diese Einstellung haben, wenn dich nicht die Liebe selbst ergriffen hat?

Dies pflegt nicht bewirkt zu werden, indem man den Gesichtspunkt des Nutzens unterschiebt, sondern es entsteht aus sich selbst und aus eigenem Antrieb.

"Aber ich orientiere mich am Nutzen."

Die Freundschaft wird also so lange bleiben, wie auch der Nutzen folgen wird, und wenn der Nutzen die Freundschaft begründen wird, so wird er sie auch wieder aufheben.

 

De finibus 2, 79: Wer sich an der Lust orientiert, wird den Freund in der Gefahr im Stich lassen

(Bezug: Auf die übergeordnete These von De finibus 1.65-70 und im Besonderen auf De finibus 1, 69: etiamsi nulla sit utilitas ex amicitia, tamen ipsi amici propter se ipsos amentur.)

De finibus 2, 79
Sed quid ages tandem, si utilitas ab amicitia, ut fit saepe, defecerit? Relinquesne? Quae ista amicitia est? Retinebis? Qui convenit?

Was wirst du aber dann tun, wenn der Nutzen aus der Freundschaft, wie es oft geschieht, ausbleibt? Wirst Du sie aufgeben? Aber was ist dies für eine Freundschaft? Wirst Du sie festhalten? Wie passt dies zueinander?

Quid enim de amicitia statueris utilitatis causa expetenda vides.

"Ne in odium veniam, si amicum destitero tueri."

Primum cur ista res digna odio est, nisi quod est turpis?

Du siehst ja, was Du über die Freundschaft behauptet hast, die nur des Nutzens wegen zu suchen sei.

"Ich würde mich verhasst machen", sagst du, "wenn ich aufhörte, den Freund zu schützen". -

Aber zunächst: Weshalb ist dies denn hassenswert, wenn nicht, weil es schlecht ist.

Quodsi, ne quo incommodo afficiare, non relinques amicum, tamen, ne sine fructu alligatus sis, ut moriatur optabis.

Quid, si non modo utilitatem tibi nullam afferet, sed iacturae rei familiaris erunt faciendae, labores suscipiendi, adeundum vitae periculum?

Ne tum quidem te respicies et cogitabis sibi quemque natum esse et suis voluptatibus?

Vadem te ad mortem tyranno dabis pro amico, ut Pythagoreus ille Siculo fecit tyranno?

Aber selbst, wenn du den Freund nicht verlässt, um keine Unannehmlichkeiten davon zu haben, so musst Du ihm doch den Tod wünschen, damit du nicht nutzlos an ihn gebunden seiest.

Aber wenn der Freund dir nicht bloß keinen Nutzen bringen sollte, sondern du Opfer an Vermögen für ihn bringen müsstest, du Mühe auf dich nehmen und das eigne Leben auf das Spiel setzen musst?

Wirst du nicht einmal dann keine Rücksicht auf dich nehmen und nicht denken, jeder sei nur für sich selbst und seine Lust geboren?

Wirst du dich als Bürge für den Freund dem Tyrannen zum Tode überliefern, wie es jener Pythagoreer bei dem sizilischen Tyrannen getan hat?

[Anmerkung: Gemeint ist Phintias, der sich dem sizilischen Tyrannen Dionysios I. als Bürge für seinen Freund Damon anbot. Diese Geschichte hat Friedrich Schiller in seiner Ballade Die Bürgschaft gestaltet. (Diese Ballade als PDF-Dokument oder
als WORD-Dokument)]

 

De finibus 2, 78-79: 215 Wörter

Weiter mit De finibus 2, 80-81 (Text mit Übersetzung).


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Quelle: https://www.schule-bw.de

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