Demokratische Orientierung durch Geschichte? Der Fall „Kalle“ aus Offenburg 1847

Methodenvorschlag

Didaktische Hinweise


1. Doppelstunde: Gnade vor Recht? Der Fall „Kalle“

1. Schritt:
Nach einem kurzen Lehrerimpuls (M1 und M2.2) lesen die Schülerinnen und Schüler still den Auszug aus den Lebenserinnerungen von Karl Heinrich Schaible (M3).

Der Kern der Geschichte wird im Plenum zusammengefasst: ein 23 Jahre alter Sportler wird von der Polizei auf dem Weg nach Hause verhaftet, kommt ins Gefängnis, wird dort 9 Monate lang in Iso-Haft festgehalten und psychisch unter Druck gesetzt, sein durchtrainierter Körper ruiniert. Unbekannte Wörter sind in den Fußnoten angegeben und können ggf. an dieser Stelle im Plenum besprochen werden.

Wer es kreativer möchte, kann die Schülerinnen und Schüler eine Kurznachricht verfassen lassen, in der „Kalle“ versucht, aus dem Gefängnis heraus seine Teamkollegen darüber zu informieren, was mit ihm grade passiert. Die Teamkollegen wiederum überlegen sich anschließend, wie sie ihrem Kumpel am besten helfen können.

Mithilfe einer „Punktabfrage“ entscheiden sich alle Schülerinnen und Schüler im Plenum, welcher Schritt möglicherweise am meisten Erfolg versprechen könnte und priorisieren ihre drei erfolgversprechendsten Ideen. Im Verlauf der Einheit können diese Ideen später noch einmal aufgegriffen werden, nachdem historische Rahmenbedingungen erarbeitet worden sind.    

2. Schritt:
Die Schülerinnen und Schüler arbeiten aus dem Quellentext (M3) alle Informationen zur Person von Karl Heinrich Schaible bis zu seiner Verhaftung heraus und erstellen dabei ein „Profil“ oder einen „Steckbrief“ eines Spitzensportlers (M2.4).
Sie notieren sich darüber hinaus aus der Sicht von „Kalle“ diejenigen Gefühle, die sich aus seinen Erinnerungen herausarbeiten lassen (M2.5). Mithilfe von Emoticons kennzeichnen sie auf einer „Pinnwand“ diese Gefühle, soweit sie aus dem Text herausgelesen werden können (z.B. Wut; Stolz).

Zur Sammlung dieser Ergebnisse eignet sich ggf. auch die digitale Pinnwand der App Padlet.

3. Schritt:
Die Schülerinnen und Schüler arbeiten aus dem Quellentext (M3) heraus, was genau „Kalle“ gemacht hat, so dass er damit ins Radar der Geheimpolizei geraten ist. Ihre Ergebnisse tragen sie ins Arbeitsblatt (M2.6) ein. Darüber hinaus arbeiten sie aus dem Quellentext (M3) heraus, was Justiz und Polizei mit „Kalle“ gemacht haben. Ihre Ergebnisse tragen sie ebenfalls ins Arbeitsblatt (M2.6) ein. Die Ergebnisse werden im Plenum besprochen.

Die Lehrkraft kann an dieser Stelle die Ergebnisse noch einmal bündeln, um die für die Erfahrungen von Unfreiheit zentrale Struktur des (politischen) „Geheimen Inquisitionsprozesses“ für die Lerngruppe präzise festzuhalten (M2.7).

Im Anschluss daran wird im Plenum die Frage diskutiert: „Gnade vor Recht?“. 

4. Schritt:
Um induktiv von den Erfahrungen „Kalles“ zu den zeittypischen Erwartungen an eine Politik der Freiheit zu gelangen, die in die Revolution von 1848/49 münden, folgt ein Brainstorming. Hier notieren sich die Schülerinnen und Schüler, wofür sie sich politisch einsetzen würden, wenn sie selbst wie „Kalle“ solche Erfahrungen von Justizwillkür und Unfreiheit gemacht hätten. Ihre Ideen und Forderungen werden an der Tafel, am besten jedoch auf einem großen Plakat festgehalten, das im Klassenzimmer hängenbleibt.

So gelangen die Schülerinnen und Schüler von selbst zu ausgewählten Forderungen des Offenburger Grundrechtsprogrammes von 1847 oder Märzforderungen aus dem Jahr 1848.

Wer im Unterricht digital unterwegs ist, kann alternativ dazu diese Erwartungen auch als kurzes Statement auf der digitalen Pinnwand (Padlet) dem dort bereits angelegten „Profil“ von „Kalle“ und seinen „Gefühlen“ hinzufügen.

Kreative Lerngruppen oder Early Finishers können eine Petition zur Freilassung von „Kalle“ an das Parlament in Karlsruhe verfassen und darin ihr Verständnis von Freiheit und Recht begründen.

5. Schritt:
Die Schülerinnen und Schüler lesen Artikel 104 des Grundgesetzes im Wortlaut („Rechtsgarantien bei Freiheitsentziehung“) (M2.8). Hier kann den Schülerinnen und Schülern bei dieser Gelegenheit auch ein Druckexemplar des Grundgesetzes zur Verfügung gestellt werden. Die markanten Unterschiede zum Fall „Kalle“ werden in eine Tabelle eingetragen (M2.9) und im Plenum besprochen.


2. Einzelstunde: „Kalle“ – ein Staatsverbrecher?

1. Schritt:
Nach einer kurzen Wiederholung im Plenum bearbeiten die Schülerinnen und Schüler in Tandems das teilweise vorausgefüllte Arbeitsblatt „Erfahrungen & Rahmenbedingungen“ (M4). Die Ergebnisse werden im Plenum besprochen und können von der Lehrkraft nach Belieben vertieft werden.

Beispielsweise bietet sich dazu die „1 Euro Frage“ an: Um die Rahmenbedingungen, unter denen „Kalle“ seine Erfahrungen macht, besser verorten zu können, zeigt die Lehrkraft den Schülerinnen und Schüler eine Karte vom „Deutschen Bund“. Die Überleitung dazu kann durch ein Zitat aus dem Quellentext (M3) erfolgen („jugendliche Begeisterung für die deutsche Einheit“). Wer auf der Karte „Deutschland“ findet (das sich wider Erwarten eben grade nicht auf der Karte zeigen lässt), erhält zur Belohnung 1 Euro. An dieser Stelle schließt sich ein kurzer Lehrervortrag über den „Deutschen Bund“ an.

Die Schülerinnen und Schüler versprachlichen die Ergebnisse des Arbeitsblattes, indem sie sich wechselseitig in Tandems „Kalles“ Erfahrungen und die Rahmenbedingungen, unter denen er diese Erfahrungen gemacht hat, noch einmal in eigenen Worten vorstellen. Hier können sprachlich schwächere Schülerinnen und Schüler ergänzend Formulierungshilfen erhalten (M2.10).

2. Schritt:
Gemeinsam werden nun die Ideen zur Unterstützung „Kalles“ wieder aufgegriffen, die die Schülerinnen und Schüler zuvor als Teamkollegen von „Kalle“ entwickelt haben. Sie werden jetzt an den genannten Rahmenbedingungen auf ihre Chancen und Risiken hin überprüft.  

3. Schritt:
Abschließend erfolgt im Plenum eine Reflexion zur Frage: „Kalle“ - ein Staatsverbrecher? Dabei sollte auf die Bedeutung von staatlichen Rahmenbedingungen für politisches Engagement eingegangen werden.

Wer an dieser Stelle vertiefen möchte, sei auf den Kommentar zum Strafgesetzbuch des großherzoglich badischen Hofgerichtsdirektors Wilhelm Thilo aus dem Jahr 1845 (M5) verwiesen, in dem das amtliche Wunschbild des „Untertanen“ mustergültig zum Ausdruck kommt.  

Wer hier einen weiteren Anschluss an „Demokratieerziehung“ sucht, kann darüber hinaus die Frage nach demokratischer Orientierung durch Geschichte aufgreifen. Auch aktuelle Beispiele von der Website von „Amnesty International“ oder „Reporter ohne Grenzen“ können hier als weitere Impulse herangezogen werden (M6).

Hinweis:
„Klassische Vormärzthemen“ müssen grade nicht zwingend zuvor im Unterricht behandelt worden sein. Im Gegenteil, sie lassen sich bestens über den strukturellen Rahmen in dieses Modul integrieren, das auch als Einstieg in die Unterrichtsreihe „Europa nach der Französischen Revolution“ dienen kann.

Fachbegriffe des Bildungsplanes zur Vermittlung der Zeit von Vormärz und Revolution (z.B. Bürgertum, Verein, Freiheitslied, Zensur, Restauration, Liberalismus, Nationalismus, Nationalstaat, Verfassung, Menschen- und Bürgerrechte, Auswanderung) lassen sich in diesem Rahmen jederzeit nachvollziehbar verorten.


- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Freiburg -


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Herausgeber: Landesbildungsserver Baden-Württemberg
Quelle: https://www.schule-bw.de

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