Kriegsende 1918 und Dolchstoßlegende in südwestdeutschen Quellen

Hintergrund

Bedeutung


Der Erste Weltkrieg beeinflusste die weitere Entwicklung Deutschlands in vielfältiger Weise, so etwa in der Innenpolitik.

Schon während des Krieges entstanden in Deutschland neue, radikale Parteien auf beiden Seiten des politischen Spektrums: USPD und Spartakusbund einerseits, die Deutsche Vaterlandspartei andererseits. Die Niederlage führte zu einer weiteren Radikalisierung der politischen Flügel.

Bei den Reichstagswahlen erhielten die Parteien links der DVP, die von den Rechten des 'Dolchstoßes' bezichtigt wurden, bis 1932 durchgehend mehr als die Hälfte der Wählerstimmen. Die Rechtsparteien ihrerseits erzielten in den Wahlen von 1919 und 1920, also unmittelbar nach dem vermeintlichen 'Dolchstoß', ihre schlechtesten Ergebnisse.

Während die Dolchstoßlegende demnach offenbar nicht geeignet war, die Wahlen zum Reichstag entscheidend zugunsten der Rechten zu beeinflussen, war sie innerhalb des rechten Lagers ein wesentliches Movens. Ganz bewusst suchte beispielsweise Adolf Hitler, 'Lehren' aus dem vermeintlichen 'Dolchstoß' zu ziehen.

In den zwölf Jahren des 'Dritten Reiches' ergriffen die Nationalsozialisten zahlreiche Maßnahmen, die die Wiederholung eines 'Dolchstoßes' unmöglich machen sollten. Unter anderem ging das NS-Regime radikal gegen Defätismus beziehungsweise 'Wehrkraftzersetzung' vor, schuf ein Propagandaministerium zur strikten Kontrolle der öffentlichen Meinung und beseitigte den Parlamentarismus. Mit den Linksparteien und den Juden wurden die vermeintlich für die Niederlage von 1918 Verantwortlichen eliminiert.

 B 11 Stolperstein für Adolf Gerst aus Stuttgart

Was im Kontext der Dolchstoßlegende als Förderung von Defätismus beziehungsweise Desertion inkriminiert wurde, wurde im Zweiten Weltkrieg in zahlreichen Fällen als 'Wehrkraftzersetzung' drastisch bestraft - wie etwa im Fall von Adolf Gerst aus Stuttgart

 

Die Dolchstoßlegende ist ein Beispiel für Stimmungsmache durch die Verbreitung einer einseitigen und teilweise bewusst verfälschten Darstellung historischer Ereignisse ('fake news'), mit mörderischen Folgen für Juden und politische Gegner der deutschen Rechten.

 


 - Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Freiburg  -