„Erklären im historischen Kontext“ – Fotografien aus dem „Führerhauptquartier Tannenberg“ im Schwarzwald

Autor: Florian Hellberg

Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte an der ZSL-Regionalstelle Freiburg 


Textprozedur: Erklärung im historischen Kontext als Teil der Fotografieanalyse.

Kurzbeschreibung des Moduls:

Dieses Modul für zwei bis drei Unterrichtsstunden richtet sich in erster Linie an Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I und setzt die unterrichtliche Arbeit mit dem Operator „erklären“ und den damit verbundenen Textprozeduren sprachbildend fort. Während im bereits publizierten Unterrichtsvorschlag zur „Machtergreifung“ das historische Erklären unter besonderer Berücksichtigung des Kausalisierens (und somit die Frage nach dem Erklären – warum?) im Zentrum steht, wird hier am Beispiel einer Fotografie Heinrich Hoffmanns aus dem Juli 1940 die Temporalität (und somit die Frage nach den Ursachen / der ‘Vorgeschichte‘ und den Folgen / der ‘Nachgeschichte‘) als zweiter „Kernaspekt historischen Erklärens“ (Bramann et al. 2023, S. 98) geschult. Die „Erklärung im historischen Kontext“ erfolgt dabei als Teilschritt oder Teiltextprozedur, der Quellenanalyse einer Fotografie.

In einer Unterrichtsreihe zum Nationalsozialismus kann das hier im Fokus stehende regionalgeschichtliche Beispiel, nämlich der neuntägige Aufenthalt Adolf Hitlers im „Führerhauptquartier Tannenberg“ (vergleiche Herden 2002; ders. 2013) auf dem Kniebis im Schwarzwald vom 27. Juni bis 5. Juli 1940 (vergleiche  Fröba/Wein 2020), sowohl zur Förderung der Methodenkompetenz (Fotografieanalyse) als auch als Beispiel der „NS-Herrschaftspraxis im besetzten Europa“ (nach der Kapitulation Frankreichs am 22. Juni 1940) (Sachkompetenz) Verwendung finden.


1. Hintergrund

a) Historische Einordnung

Das „Führerhauptquartier Tannenberg“, in der Nähe der Alexanderschanze im Nordschwarzwald auf dem Kniebis, war eine von insgesamt 18 festen Befehlsstellen Adolf Hitlers als Oberbefehlshaber der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Reich. In Vorbereitung des „Westfeldzugs“ wurde eine schon vorhandene Luftverteidigungszone des Westwalls erweitert und mit dem Bau des „FHQ Tannenberg“ im Oktober 1939 begonnen. Der Gebäudekomplex wurde bis zum 1. Juli 1940 mit Flugabwehrstellungen und einem umlaufenden Drahtzaun ausgestattet. Er umfasste neben Wachgebäuden sowie dem „Führerbunker“ beispielsweise auch ein Teehaus (vergleiche Fröba/Wein 2020). Adolf Hitler hielt sich dort nur ein einziges Mal (vom 27. Juni bis 5. Juli 1940) auf. Von dort aus, unmittelbar nach der Kapitulation Frankreichs am 22. Juni 1940, unternahm Hitler zwei Ausfahrten über Kehl nach Straßburg in das annektierte Elsass sowie eine weitere in ein Lazarett in Freudenstadt. Während des neuntägigen Aufenthaltes fertigten Fotografen, darunter auch „Reichsbildberichterstatter“ Heinrich Hoffmann, eine Vielzahl von Propagandafotografien an, die den „siegreichen Feldherrn“ Adolf Hitler vor ihm zujubelnden Menschenmassen sowie im Kreis des politisch-militärischen Führungsstabs inszenierten. Die propagandistische Inszenierung des „Führers“ in den „Führerhauptquartieren“, als mythisch aufgeladenen Orten, von historischer Bedeutung, in idyllisch und friedlich anmutender Natur, war somit fester Bestandteil der visuellen NS-Propaganda. Nach dem Ende der Kriegshandlungen in Europa wurden viele bauliche Überreste des „FHQ Tannenberg“ entweder gesprengt, beseitigt oder übererdet. Seit 2005 stehen die Überreste der Flugabwehrstellung sowie des „FHQ Tannenberg“ unter Denkmalschutz, seit 2014 ist die Fläche Teil des Nationalparks Schwarzwald.

b) Historische Bedeutung

Die geschichtsdidaktische Theorie hat unterschiedliche Arten von Erklärungen herausgearbeitet (vergleiche Dräger/Horn 2024, S. 11f.), wovon besonders nomologische (durch universal gültige Gesetze wie im Historischen Materialismus) für die unterrichtliche Praxis abgelehnt werden. Wenngleich darüber hinaus die geschichtsdidaktische Forschung mittlerweile das über eine lange Zeit vorherrschende „Spannungsverhältnis zwischen (naturwissenschaftlichem) Erklären und (historischem) Verstehen“ als „überwunden“ (dieselben 2024, S. 9) betrachtet, dominiert im Operatorenkatalog des Bildungsplanes für das Fach Geschichte in Baden-Württemberg gegenwärtig „bis zu einem gewissen Grad noch die naturwissenschaftliche Denkform regelhafter und gesetzmäßiger Zusammenhänge“ (dieselben 2024, S. 10). Historisches Erklären tritt in Aufgabenkulturen des Geschichtsunterrichts vor allem in zwei Spielarten häufig in Erscheinung:

1.) In Form einer nicht materialbasierten Aufgabenstellung steht der Operator für sich und fordert die Lernenden vor allem zu Sprachhandlungen des Kausalisierens (auf die Frage nach dem Erklären – warum?) auf (siehe weiterführend hierzu der Unterrichtsvorschlag „Machtergreifung“ in Lahr erklären ).

2.) Als Teilschritt (Teiltextprozedur) einer Analyse eines Materials (materialbasierte Aufgabenstellung), bei der die vorliegende Quelle nach einer vorangegangenen formalen und inhaltlichen Beschreibung im historischen Kontext erklärt werden muss. Am Beispiel einer Fotografie Heinrich Hoffmanns vom 1. Juli 1940 wird im vorliegenden Unterrichtsvorschlag besonders die Temporalität (und somit die Frage nach den Ursachen/‘Vorgeschichte‘ und den Folgen/‘Nachgeschichte‘) als zweiter „Kernaspekt historischen Erklärens“ (Bramann et al. 2023, S. 98) sprachbildend geschult. Dabei wird „[d]ie Erzählung zu einer Erklärung, indem einzelne Aspekte nicht nur aufgezählt, sondern sinnvoll und sinnbildend in einen zeitlichen Zusammenhang von Ursache und Wirkung gestellt und miteinander verknüpft werden.“ (Dräger/Horn 2024, S. 11). Im Sinne einer unterrichtlichen Progression mit der Arbeit des Operators „erklären“ wird vorgeschlagen, zunächst 1.) das Kausalisieren (nicht materialbasiert) (zum Beispiel an der „Machtergreifung“ ) in der Mittelstufe einzuführen, 2.) im Anschluss materialbasiert als Teil der Quellenanalyse - auch in der Mittelstufe - aufzugreifen und 3.) bei der Analyse und dem Vergleich zweier Quellen (in der Oberstufe) zu vertiefen.


2. Das Thema im Unterricht

a) Impulse und Material für den Unterricht mit didaktischen Hinweisen

Zeit/Phase Inhalte/methodische Hinweise
Einstieg Im Einstieg stellen die Schülerinnen und Schüler Fragen an das Foto (Arbeitsblatt 1 [pdf, 0,1 MB]). Mögliche Fragen nach den dargestellten Personen, dem historischen Kontext der Zusammenkunft, dem Inhalt des Gesprächs, dem Ort sowie dem Fotografen werden gesichert (und optional werden erste Hypothesen formuliert). Hier kann auch die Kleidung (Uniformierung) der sechs abgebildeten Personen miteinbezogen werden. 
Erarbeitung 1 und Sicherung 1 Im Anschluss daran folgt die erste Erarbeitungsphase, in welcher die Schülerinnen und Schüler entweder (Option 1) (1.) die formale Beschreibung und (2.) inhaltliche Beschreibung mit einem Arbeitsauftrag als Vorarbeit für die sich anschließende Erklärung im historischen Kontext erhalten (Arbeitsblatt 2 [pdf, 0,1 MB]) oder (Option 2) die Beschreibung unter Zuhilfenahme eines Sprachgerüsts (Arbeitsblatt 3 [pdf, 0,1 MB]) selbst anfertigen (und im Anschluss mit dem Erwartungshorizont (Arbeitsblatt 2 [pdf, 0,1 MB]) abgleichen). 
Erarbeitung 2 In der zweiten Erarbeitungsphase, die unmittelbar an die Sicherung der Beschreibung der Fotografie aus der ersten Erarbeitungsphase anschließt, steht die Erklärung der Quelle im historischen Kontext im Fokus. Hierzu ordnen die Schülerinnen und Schüler zunächst die historischen Ereignisse (Arbeitsblatt 4 [pdf, 0,1 MB]) chronologisch auf einem Zeitstrahl ein und recherchieren zu den im Bildmotiv abgebildeten Personen. Diese Vorarbeit (Arbeitsblatt 5 [pdf, 0,1 MB]) ist notwendig, um im Folgenden die Fotografie unter Zuhilfenahme von Sprachgerüsten zum Erklären im historischen Kontext (Arbeitsblatt 6 [pdf, 0,1 MB]) in die Entstehungssituation einzuordnen.  
Sicherung 2 Die eigene Erklärung im historischen Kontext kann mit einem Erwartungshorizont abgeglichen (Arbeitsblatt 7 [pdf, 0,1 MB]) und in der Folge überarbeitet werden. Ganz besonders sollte bei der Sicherung darauf geachtet werden, dass das Ergebnis der Schülerinnen und Schüler und somit die Erklärung im historischen Kontext Sprachhandlungen enthält, die nicht nur einzelne historische Aspekte aufzählen (und somit additiv reihen), sondern nachvollziehbar und sinnbildend in einen zeitlichen Zusammenhang stellen. Optional kann die Analyse der Fotografie auch um das Fazit (Gesamtaussage und Perspektivität) (Arbeitsblatt 7 [pdf, 0,1 MB]) erweitert und komplettiert werden.  
Transfer Einen möglichen Transfer und Abschluss kann die folgende Fragestellungen  bieten: Wie nutzen nationalsozialistische Propagandafotos und heutige politische Bildinszenierungen ähnliche Mittel, um Wirklichkeit zu deuten, Gefühle zu lenken und Zustimmung zu erzeugen? Oder: Warum ist es gefährlich, politische Bilder ungeprüft als „Abbild der Wirklichkeit“ zu verstehen?

Download aller Materialien [zip, 1,1 MB]


b) Bildungsplanbezug

Inhaltbezogene Kompetenzen:

3.3.1 Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg – Zerstörung der Demokratie und Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Inhalt:

(4) den Zweiten Weltkrieg charakterisieren und bewerten (Vernichtungskrieg)
(5) die NS-Herrschaftspraxis im besetzten Europa und die Reaktionen darauf analysieren (Besatzung)


Prozessbezogene Kompetenzen:

nachvollziehe2.2 2.2 Methodenkompetenz:

(2) un­ter­schied­li­che Ma­te­ria­li­en (Fo­to­gra­fi­en) auch un­ter Ein­be­zie­hung di­gi­ta­ler Me­di­en kri­tisch ana­ly­sie­ren

2.3 Reflexionskompetenz:

(2) his­to­ri­sche Sach­ver­hal­te in ih­ren Wir­kungs­zu­sam­men­hän­gen ana­ly­sie­ren (Mul­tik­au­sa­li­tät)

(6) his­to­ri­sche Sach­ver­hal­te re­kon­stru­ie­ren (Re­kon­struk­ti­on)

2.5 Sachkompetenz:

(7) regionalgeschichtliche Beispiele in übergeordnete historische Zusammenhänge einordnen


Der Bildungsplan ist nicht unter CC veröffentlicht: (C) Bildungsplanplattform Baden-Württemberg
"Leitperspektive" ist nicht unter CC veröffentlicht: (C) Ministerium für Jugend, Kultus und Sport Baden-Württemberg

Literatur

  • Achnitz, Wolfgang/Haas, Jenny: Völkischer Nationalismus. Ein Notizbuch aus der Provinz, Ubstadt-Weiher 2026.
  • Bramann, Christoph/Wöhlke, Carina/Brauch, Nicola: Welche Hilfen könnten helfen? – Einblick in eine Interventionsstudie zur Förderung des historischen Erklärens, in: Nitsche, M./Waldis, M. (Hg.), Geschichtsdidaktisch intervenieren, Bern 2023, Seite 69–96.
  • Brauch, Nicola/Heine, Lena/Bramann, Christoph: Schriftliches Erklären im Fach Geschichte unterstützen. Ansätze eines sprachlich-epistemologischen Scaffolding-Tools, in: Sandkühler, Thomas/Bernhardt, Markus (Hg.): Sprache(n) des Geschichtsunterrichts. Sprachliche Vielfalt und Historisches Lernen (=Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 21), Göttingen 2020, Seite 137–163.
  • Dräger, Marco/Horn, Sabine: Erklärvideos im Geschichtsunterricht, Frankfurt am Main 2024.
  • Fröba, Arno/Wein, Friedrich: Das Führerhauptquartier „Tannenberg“ im Nordschwarzwald, Königsfeld 2020.
  • Herden, Ralf Bernd: Das „Führerhauptquartier Tannenberg“ auf dem Kniebis, in: Die Ortenau 82 (2002), Seite 681–684.
  • Ders.: Der „Hofstaat“ des Führerhauptquartiers, in: Die Ortenau 93 (2013), Seite 443–452.

Links

Fotoarchiv von Heinrich Hoffmann (1885-1957)

Fotoarchiv von Walter Frentz (1933-1945)

(Alle Links aufgerufen am 22.07.2026)


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