„Aber die kleinen Adölfe...“ Das didaktische Potenzial der Lokalgeschichte für die Behandlung des Nationalsozialismus in Klasse 9

von Dr. Michael Hoffmann, Kompetenzzentrum für Geschichtliche Landeskunde im Unterricht

Warum ein lokalgeschichtlicher Schwerpunkt beim Thema Nationalsozialismus?

Eine Fokussierung auf die Lokalgeschichte bedeutet nicht, die Reichsebene als wesentlichen Ort der Entscheidungen oder Europa bzw. die Welt als Räume der direkten Auswirkungen des von den Nationalsozialisten entfesselten Weltkriegs zu verkennen. Sie dient vielmehr dazu, den Funktionsmechanismus des Nationalsozialismus greifbar und die historische Erfahrungsebene anschaulich zu machen.

links: Schutzpolizisten sowie SA- und SS-Männer vor dem Eingang zum Hotel Silber, März 1933 (Stadtarchiv Stuttgart, F 54913, Bestand 9200)

rechts: Die Haigerlocher Familie Spier, Mitte der 30er-Jahre. Vater Gustav Spier war Lehrer an der jüdischen Volksschule und Rabbinatsverweser. Lediglich Tochter Ruth gelang noch rechtzeitig die Flucht aus Deutschland

 

Das pädagogisch-didaktische Potenzial liegt also insbesondere darin:

1.) Reduktion = „Zurückführen“ der verbrecherischen Politik und der Massenvernichtung auf das Wesen des Nationalsozialismus, einen steten Willen und die regelmäßige Praxis von Gewalt und Vernichtung, die bereits vor Ort beginnt. 

2.) Konkretion und Anschaulichkeit - statt Distanz: Personen und ihre Schicksale, ihr Handeln und ihre Handlungsmöglichkeiten in den Blick nehmen.

3.) Lebensweltbezug: Der NS-Staat war ein totalitärer Staat; Propaganda und Aufmärsche, Überwachung und Denunziation, Verfolgung und Ermordung, fanden auch  „vor der Haustüre" statt, von den ersten Fackelmärschen der SA im März 1933 und den Schutzhaftnahmen der Gegner bis zur Zwangsarbeit oder den Todesmärschen aus den KZ-Außenlagern 1944/45. Für die Schülerinnen und Schüler ist es motivierend und lehrreich zugleich, dass die Strukturelemente des Nationalsozialismus in der Regel auch am Beispiel ihres Ortes bzw. ihrer Region greifbar werden.

4.) Die lokalen Funktionsträger trugen in einem erheblichen Maße zur Systemstabilisierung der NS-Herrschaft bei, ebenso aber auch Handlungen und unterlassene Handlungen der Bevölkerung. Aus dieser historischen Erfahrung erwächst für uns heute Verantwortung auch auf der Ebene der Kommune.

 

Umsetzungsvorschlag für eine lokal- bzw. regionalgeschichtlich ausgerichtete Sequenzplanung in 11 Doppelstunden (Klasse 9)

1. Doppelstunde: Propangadistische Verbreitung der NS-Ideologie (Rundfunk, Presse, Schule)

Wie wurde die Ideologie staatlich propagiert?
Massenmedien: Rundfunkübertagungen, Volksempfänger, Presse

In jeder Stadt fanden öffentliche Rundfunkübertragungen durch Lautsprecher statt, insbesondere bei Reden Hitlers. So wurden auch Bürger erreicht, die keinen Zugang zu einem Radiogerät hatten. Allein zwischen Januar 1933 und März 1933 wurden 40 seiner Reden im Rundfunk übertragen. Die Teilnahme an solchen Übertragungen war spätestens ab 1934 Pflicht für einen jeden „Volksgenossen".  Die direkte Ansprache an das Volk muss daher als wesentliche Voraussetzung für den Führerkult gewertet werden.

 

Wie trug die Schule zur Verbreitung der NS-Ideologie bei der Jugend bei?

Im Nationalsozialismus diente die Schule als Vorstufe zur Armee, wie es Hitler in „Mein Kampf" unmissverständlich formuliert hat. Dazu sollte den Schülern ein vor allem auf der Rasse basierendes Überlegenheitsgefühl sowie militärische Disziplin (mit dem damaligen Begriff: „Wehrertüchtigung") anerzogen werden. Bereits 1933 wurde auf Elternabenden bekannt gemacht, dass körperliche Ertüchtigung und Nationalstolz mehr Platz im Unterricht finden müssten, auch die Rassenfrage müsse einen Raum einnehmen. Ab 24. Juli 1933 wurde per Erlass der Hitlergruß verpflichtend bei Stundenbeginn. Neu eingeführte Geschichtsbücher, wie z.B. Walther Gehl, Geschichte 4. Klasse, Breslau 1939, spiegeln bereits die antisemitische (Juden als „Herrscher" Europas) und antiliberale Tendenz sowie die Lebensraum-Ideologie („Blut und Boden") wider.

Materialhinweise: Erlasse des Kultministeriums bzw. alte Schulbücher/ Geschichtskarten  finden sich in vielen Schularchiven

 
2. Doppelstunde: Wie wirkte sich die Machtübernahme der Nationalsozialisten auf die Menschen in … aus?

• „Gleichschaltung“ des Gemeinderats: In allen Gemeinden wurde die Zusammensetzung des Gemeinderats ab April 1933 auf den Stimmenanteil der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom 5.3.1933 ausgerichtet, was zu einer gewaltigen Verschiebung der lokalen Kräfteverhältnisse führte.  Kommunisten und Sozialdemokraten, später auch Zentrumskatholiken und Liberale wurden bis Ende 1933 durch Verfolgung oder Ausschluss von politischen Ämtern verdrängt, die meisten Bürgermeister auf der Grundlage des Gesetzes vom 7.4.1933 entweder ausgetauscht oder auf Linie gebracht.

• Ausschaltung der politischen Gegner/Schutzhaft: Auf der Basis der „Reichstagsbrandverordnung" wurden ab Februar 1933 zunächst Kommunisten, später auch Sozialdemokraten, Liberale und Zentrumskatholiken in „Schutzhaft" genommen. Die frühen Lager in Württemberg entstanden in Ulm und Heuberg sowie im badischen Kislau. Im gleichen Zug wurde auch deren Presse entweder verboten, der Zensur unterworfen oder durch Austausch der Redaktion „gleichgeschaltet".

• Verräumlichung der Herrschaft: Ab Januar 1933 nahm die SA in fast jeder Stadt durch häufige Fackelzüge und Flaggenhissung den öffentlichen Raum symbolisch in ihre Gewalt. In fast allen Städten und Gemeinden wurden die Hauptstraßen sowie neue Straßen nach NS-Größen benannt. 

Materialhinweise: Unterrichtsmaterialien am Beispiel Schwäbisch Gmünd

 

3. und 4.  Doppelstunde: Alltag im NS - "Volksgemeinschaft" als Ausgrenzungsgesellschaft

• „Mitmachen“: HJ, BdM und der Kampf um die Jugend vor Ort. Jede größere Gemeinde stellte spätestens ab 1936 einen eigenen HJ-Bann, in den die anderen Jugendorganisationen freiwillig oder durch Zwang überführt worden waren. Gegen die Arbeiterjugend und auch die katholische Jugend wurde teilweise gewaltsam vorgegangen. Fotos oder Berichte über lokale Gruppen der NS-Jugend sind besonders geeignete Quellen.
Materialhinweis: Beispiele für Volksgemeinschaft, Massenorganisationen, Feiern, NS-Wochensprüche

• „Profitieren“ : „Arisierung“ in …: Die jüngere Forschung hat das zweckrationale Handeln vieler Deutscher als Beteiligte bei der Ausraubung der Juden hervorgehoben. Als Profiteure trugen sie in erheblichem Maße zur reibungslosen Umsetzung der NS-Rassepolitik bei. Solche Arisierungsvorgänge von Läden, Häusern, Geschäften oder Betrieben lassen sich in vielen südwestdeutschen Gemeinden nachweisen.  Sowohl das Profitieren wie auch das häufige Denunzieren waren keine Bürgerpflicht, man hätte es, ohne Repression befürchten zu müssen, auch lassen können.

Materialhinweis: Beispiele für Profiteure und Arisierungen

 

• „Ausgegrenzt sein“: Die rassische Verfolgung durch die Nationalsozialisten sollte nicht nur auf der Ebene der staatlichen Maßnahmen nachvollzogen, sondern auch aus der Perspektive der Opfer betrachtet werden. Oftmals kann hierbei auch noch auf das reichhaltige und für die Modernisierung prägende jüdische Leben im deutschen Südwesten eingegangen werden. Dafür eignen sich besonders lokale biographische Beispiele.
Materialhinweis: Beispiele für die Verfolgung jüdischer Deutscher

 

Vom Ereignis zur Struktur: Handlungsmuster und Motive

 

5. Doppelstunde: Was konnten sie tun? Formen des Widerstands

Neben den bekannten Attentaten auf Adolf Hitler durch Georg Elser oder Claus Graf Schenk von Stauffenberg lassen sich auf lokaler Ebene auch weitere Formen von widerständischem Verhalten erarbeiten. Diese können in das mittlerweile auch in Schulbüchern verbreitete Schema von unangepasstem Verhalten, Verweigerung, Protest und Widerstand begründet eingeordnet werden. Mit Eugen Bolz, dem ehemaligen württembergischen Staatspräsidenten,  kann auch ein sehr früher und durch seine Rolle im Umfeld des Goerdeler-Kreises bedeutsamer Widerstandskämpfer untersucht werden. Am Ende der 5. Doppelstunde können so die Handlungsmöglichkeiten der Bevölkerung im Nationalsozialismus systematisiert und bewertet werden.

Materialhinweis: Beispiele für verschiedene Formen von Widerstand und außerschulische Lernorte zum Widerstand 

 

 6. Doppelstunde: Gedenkstättenexkursion

Der Zugang zum KZ Oberer Kuhberg am 1. Mai 1934

Schülerguides führen Schüler auf der KZ-Gedenkstätte Schwäbisch Hall-Hessental


Gedenkstätten sind nicht nur unverzichtbarer Ausdruck einer lebendigen Erinnerungskultur, sondern können als außerschulischer Lernort in besonderem Maße historisch-politische Bildung vermitteln. Neben den größeren KZ-Gedenkstätten Dachau und Natzweiler-Struthof finden sich auch in Baden-Württemberg (Übersichtskarte) über 80 anerkannte Gedenkstätten, die sich auf die Zeit des Nationalsozialismus, das jüdische Leben seit dem 18. Jahrhundert bis zur Verfolgung in der NS-Zeit oder auf die Demokratie- und Widerstandsgeschichte beziehen. Das didaktische Potenzial von Gedenkstätten liegt zum einen in der räumlichen und sinnlichen Erfahrung des Ortes, der eine Brücke in die Vergangenheit bauen kann. Die Schülerinnen und Schüler vertiefen hier ihre Sachkompetenz und Reflexionskompetenz, indem sie den historischen Ort erforschen und in den Kontext einordnen.  Als Orte gedeuteter und bewerteter Geschichte eignen sich Gedenkstätten aber auch für die Begegnung mit der heutigen politischen Kultur und ihren zentralen Werten. Als Ausprägung derr Erinnerungskultur fördern sie damit besonders die Orientierungskompetenz der Lernenden.

Materialhinweis: Übersicht über Unterrichtsmodule zu verschiedenen Gedenkstätten

Unterrichtsmodule mit gezielter  Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen im Unterricht: Hotel Silber (Stuttgart), KZ Oberer Kuhberg (Ulm), KZ Bisingen, KZ Spaichingen, Überlinger Stollen.

 

7., 8., 9. Doppelstunde

Im Bildungsplan ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg als Vernichtungskrieg und auch als Fenster zur Welt mit dem ostasiatischen Kriegsschauplatz bzw. der japanischen Kriegsführung verlangt. Die Lokalgeschichte kann hier nur unterstützend herangezogen werden, z.B. bei der Frage nach den wesentlichen Verantwortlichen für den Vernichtungskrieg. Hier kann z.B. Walter Stahlecker genannt werden, der vom Leiter des Württembergischen Politischen Landespolizeiamtes (1934–1936) zum Befehlshaber der Einsatzgruppe A im heutigen Baltikum avancierte und für die Ermordung von mindestens 250 000 Juden in seinem Bereich verantwortlich war.

 

10. Doppelstunde: Spurensuche Zwangsarbeit

Zwangsarbeit, also der Einsatz von Kriegsgefangenen sowie zwangsverpflichteten Männern und Frauen aus dem besetzten Europa, entwickelte sich zum systemtragenden Element der NS-Kriegswirtschaft.1944 waren auf deutschem Gebiet nicht weniger als 7,6 Millionen Zwangsarbeiter eingesetzt, was knapp 23% aller Beschäftigten entsprach. In den Rüstungsbetrieben betrug der Anteil sogar 50%. In Deutschland sind mittlerweile 25 000 Lager für ausländische Arbeiter nachgewiesen, und damit im Grunde genommen in jeder größeren Stadt mindestens eines. Weder die Landwirtschaft in der Fläche noch die Industrie in den Ballungszentren kam ohne Zwangsarbeiter aus, sie sind in beinahe jedem Ort zum Einsatz gekommen.

Die Spurensuche kann ihren Ausgang nehmen von internen bzw. digitalisierten Datenbanken zu einzelnen Landkreisen im GLA Karlsruhe sowie den Staatsarchiven Ludwigsburg und Sigmaringen. Dort können Unterlagen bis auf die Ebene der Gemeinden eingesehen werden.

Das Haus der Geschichte hat im Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen in Schwäbisch Hall ein Museum zur Zwangsarbeit im Südwesten in einer ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke eingerichtet. Dort können Arbeits- und Lebensbedingungen sowie die Biographien verschiedener Zwangsarbeiter erforscht werden.

 

11. Erinnerung und Verantwortung vor Ort: Entnazifizierung, Gedenkfeiern oder Gedenkstätten vor Ort als Beispiel für die Aufarbeitung und den Umgang mit Vergangenheit

Die großen Fragen nach Schuld, Mitschuld und Verantwortung können nicht nur auf einer kollektiven Ebene, sondern auch für individuelle Einzelfälle ertragreich diskutiert werden.

Entnazifizierung: Die historische Forschung hat in den letzten Jahren ein durchaus komplexes Bild der Entnazifizierung herausgearbeitet: Je nach Besatzungszone, Institution (z.B. Polizei, Justiz und Ministerialbürokratie) oder Finanzkraft der Personen fielen die Spruchkammerverfahren und die anschließenden Urteile unterschiedlich aus. Wer Geld und Einfluss hatte, die Urteile lang genug hinauszuschieben, hatte meist mildere Strafen zu erwarten. Besonders bedeutsame Fälle, wie z.B. die beiden Grafeneck-Prozesse in Freiburg (1947/1948) und Tübingen (1949) dokumentieren die ab 1948 einsetzende Entwicklung zu einer deutlich weicheren Linie der Rechtsprechung gegenüber NS-Tätern. Das reduzierte Strafmaß des Tübinger Grafeneck-Prozesses verdeutlicht die Tendenz der Strafverfolgung, anstelle eines „täterschaftlichen Handelns“ aller Beteiligten vor Ort die „Gehilfenschaft“ der Angeklagten in den Vordergrund zu rücken und stattdessen die Rerichsebene als eigentliche Verantwortliche des Massenmordes darzustellen. Eine Auseinandersetzung mit lokalen Einzelfällen fördert insofern die Urteilskompetenz der Schülerinnen und Schüler, als diese für ein belastbares Sachurteil Kriterien bilden müssen (z.B. Motivation, Funktionsträgerschaft, direkte Beteiligung oder Billigung von Verbrechen etc. ...).

links: Das Gebäude, in dem sich die Gaskammer der Vernichtungsanstalt Grafeneck befand
rechts: Gedenkstätte und Gedenkbuch für die Opfer der „Euthanasie“ in Grafeneck

Gedenkstätten und Gedenkfeiern: Sie bilden oft die Entwicklung der deutschen Erinnerungskultur nach 1945 ab und dienen zum Anlass, über einen richtigen Umgang mit der eigenen Geschichte nachzudenken. Sie stehen insofern nicht nur für den historischen Sachverhalt, an den sie erinnern, sondern auch für die Frage nach der memorialen Funktion von Geschichte überhaupt.

Materialhinweis: Beispiele für Entnazifierung und den Umgang mit der Vergangenheit nach 1945

 

Fazit

Die kleinen Kugeln, die die große Kugel erst ins Rollen bringen...


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Herausgeber: Landesbildungsserver Baden-Württemberg
Quelle: https://www.schule-bw.de

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