Von der Ostfront nach Spaichingen - Feldpost subjektive, entmythologisierende Zeugnisse eines Krieges

Methodenvorschlag

Didaktische Hinweise


In der gleichgeschalteten lokalen Presse konnte man zum Ende der Schlacht um Stalingrad heroisierende Schlagzeilen lesen, so auch im "Gränzboten", der Lokalzeitung im Landkreis Tuttlingen.

Schlagzeile der lokalen Zeitung Gränzbote: "Die Helden von Stalingrad rufen zur Tat"

B 6 Auszug der Titelseite vom 4. Februar 1943 des Gränzboten

 

Als Einstieg in die Unterrichtssequenz werden den Schülerinnen und Schülern vier Überschriften (drei Fälschungen und das Original) präsentiert. Die Fälschungen beschreiben das Ende Stalingrads der Wirklichkeit entsprechender als der tatsächliche Titel. Darüber mag Verwunderung herrschen, die Neugier weckt. Dies fördert entdeckendes Lernen. (Reflexionskompetenz, Fragekompetenz) Die Zusammenschau der Schlagzeilen ermöglicht zudem eine Sensibilisierung für die Diskrepanz zwischen Propaganda und brutalem Alltag an der Front. Motiviert sich weiter mit dem Spannungsfeld zu beschäftigen, entwickeln die Schülerinnen und Schüler in Gruppen Leit- und Arbeitsfragen, die in einem Padlet gesammelt werden. (Fragekompetenz, Reflexionskompetenz) Die digitale Pinnwand eignet sich als kollaboratives Instrument während des gesamten Arbeitsprozesses weitere Fragen und auch Erkenntnisse zu notieren. (Medienkompetenz) Im kurzen überleitenden Unterrichtsgespräch wird reflektiert, welche Quellenarten Antworten auf die genannten Fragen bieten könnten. (Reflexionskompetenz) Für die vorliegenden beiden Doppelstunden werden Feldpostbriefe des Infanteristen Karl Bühler als Quelle festgelegt. Der Briefschreiber wird kurz vorgestellt. (Sachkompetenz)

Um sich mit der Geschichte des "kleinen Mannes" beschäftigen zu können, müssen die Rahmenbedingungen, in denen der Infanterist Karl Bühler gelebt hat, bekannt sein. Deshalb wird im nächsten Unterrichtsschritt eine Synopse erstellt, die Makro- und Mikrohistorie der Schlacht um Stalingrad zeigt. Die Schülerinnen und Schüler ordnen Briefe Karl Bühlers in den historischen Verlauf der Schlacht ein. Dabei wird auf eine erste Textarbeit Wert gelegt, die Datierung der Briefe muss mit Zitaten belegt werden, zentrale Aussagen der einzelnen Briefe werden ebenfalls notiert. (Sach-, Rekonstruktions-, Reflexions- und Methodenkompetenz) Die Synopse sensibilisiert bereits darauf, dass der Mythos einer Schlacht und der tatsächliche Alltag des Soldaten in deutlichem Kontrast zueinander stehen. (Orientierungskompetenz)

Die bereits angelegte Sensibilisierung wird anschließend vertieft. Ein Ausschnitt, des bereits durch seinen Titel bekannten Artikels aus dem "Gränzboten", macht den Mythos Stalingrad mit überhöht idealisierenden Worten deutlich. In der Oberstufe wird analytisch mit dem Zeitungsartikel gearbeitet, um die Konstruktion des Mythos zu entlarven. Ein Vergleich mit den Texten Karl Bühlers führt zur Erkenntnis, dass seine Texte nichts heldenhaftes aufweisen und er sich vermutlich auch nicht als solcher sehen würde. Im Idealfall erkennen die Schülerinnen und Schüler, dass die Feldpostbriefe die Konstruktion dekonstruieren können. Für die Sekundarstufe I ist ein kreativ-produktives Verfahren vorgesehen. Die Schülerinnen und Schüler notieren nach der Lektüre des genannten Zeitungsausschnitts mögliche Gedanken Karl Bühlers. (Methoden-, Reflexions- und Sachkompetenz)

Um Feldpostbriefe als historische Quelle einschätzen zu können, sind Informationen zur Organisation, zum Bereich der Zensur und auch zur Bedeutung notwendig. Als arbeitsteilige Hausaufgabe recherchieren die Schülerinnen und Schüler zu den genannten Themenbereichen. (Medien-, Sach- und Methodenkompetenz)

Nach einer Wiederholungsphase zu Beginn der zweiten Doppelstunde und der Hausaufgabenbesprechung stehen die Brieftexte Karl Bühlers im Mittelpunkt.

In einer Feldpostsammelstelle sortieren Mitarbeiter Feldpostpäckchen.

B 8 Sortieren von Feldpostpäckchen in einer Feldpostsammelstelle

 

Schwerpunkt ist die inhaltliche und sprachliche Analyse der Feldpostbriefe des Infanteristen. Erarbeitet werden Aspekte die Bühler in seinen Briefen thematisiert. Besonders spannend ist die Untersuchung des "uneigentlichen" Sprechens, und die Beurteilung, ob sich der Briefschreiber an die offiziellen Sprachregelungen hält. (Sach-, Methoden- und Reflexionskompetenz)

Karl Bühler wirkt sehr ehrlich, sympathisch und optimistisch in seinen Texten. Möglicherweise kommt dem Leser der Verfasser nahe und man könnte sich unkritisch verleiten lassen, den Infanteristen als Opfer des Krieges zu sehen. Diese Einschätzung hat auch Berechtigung, sie genügt aber nicht, die Wirklichkeit ist etwas komplizierter. Karl Bühler ist auch als Täter zu sehen, er zog als Teil einer Truppe aus, um der Bevölkerung der Sowjetunion das zu bringen, was er selbst im Kessel von Stalingrad erleben musste.

Im Anschluss an die Briefanalyse reflektieren die Schülerinnen und Schüler über die Rolle Bühlers als Opfer, Täter oder beide Rollen zusammen. Es wird eine erste Abstimmung vorgenommen, welcher Rolle Karl Bühler zuzurechnen ist. Die Abstimmung erfolgt entweder analog oder mit dem Umfragetool Mentimeter. Entscheidungen sollten stets begründet werden. Nach der ersten Abstimmung wird den Schülerinnen und Schülern ein Auszug aus dem Tagesbefehl von Generalfeldmarschall Walter von Reichenau an die 6. Armee, vom Oktober 1941, vorgelegt. Diese Textquelle macht in ideologischem Duktus unmissverständlich klar, dass gegen die Bevölkerung der Sowjetunion ein Vernichtungskrieg geführt werde. danach werden die Schülerinnen und Schüler ein zweites Mal befragt und die Rolle des Infanteristen Karl Bühler neu bewertet. (Orientierungs-, Reflexions- und Medienkompetenz)

Am Ende der beiden Doppelstunden werden die zu Beginn gestellten Fragen auf entsprechende Antworten überprüft und ergänzt.

In einer Art "Bilanzgespräch" können Chancen und Probleme von Feldpostbriefen als historischer Quelle diskutiert werden. Die Gedanken können ebenfalls integriert werden. (Reflexions-, Orientierungs- und Methodenkompetenz)

Die Unterrichtseinheit ist  für die Oberstufe (Jahrgangsstufe 1/11.2) konzipiert, da Textumfang, analytische Fähigkeiten und differenziertes Urteilen der Arbeitsweise in der Sekundarstufe II entspricht.

Für die Sekundarstufe I werden die Brieftexte reduziert und die Arbeitsaufträge entsprechend angepasst.


- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte an der ZSL-Regionalstelle Freiburg -


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